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4.1.2007 | Von:
Katrin Hammerstein

Deutsche Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus

Obwohl beide deutsche Staaten zum Teil konträre Strategien bei der (Nicht-)Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wählten, lassen sich Gemeinsamkeiten und Entsprechungen finden. Die Geschichtsbilder entwickelten sich spiegelbildlich.

Einleitung

Das Opfer der Gewaltherrschaft - so lautet der Titel des 1983 eingeweihten Denkmals der Bundesrepublik Deutschland auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich. Errichtet wurde es auf Initiative des SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Liedtke, dem bei einer Besichtigung der Gedenkstätte ein prekäres Defizit aufgefallen war: Unter den dort zum Gedenken an die jeweiligen Opfer aufgestellten nationalen Denkmälern befand sich eines der DDR, ein bundesdeutsches aber fehlte.[1]




Dieses Beispiel verweist auf einen für den öffentlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit in Ost- und Westdeutschland wesentlichen Aspekt: Auch dieser Bereich war von der Konkurrenzsituation der beiden deutschen Staaten geprägt und damit von gegenseitigen Reaktionen und Bezogenheiten. Geradezu versinnbildlicht wurde dieser Zusammenhang durch die Wahl des Standorts. So wurde das Denkmal der Bundesrepublik links des 1975 errichteten jüdischen aufgestellt, gewissermaßen in spiegelbildlicher Korrespondenz zum rechts davon stehenden Monument der DDR.

Deutlich wird damit, wie wichtig eine integrative Betrachtung beider Staaten ist, auch und gerade im Blick auf den Umgang mit dem gemeinsamen Erbe der NS-Vergangenheit. Untersuchungen zu dieser Thematik, die eine gesamtdeutsche Perspektive einnehmen, akzentuieren häufig die Unterschiede von "zweierlei Bewältigung" der "geteilten Vergangenheit".[2] Das Augenmerk sollte jedoch weg von der Kontrastgeschichte hin auf Parallelen, Gemeinsamkeiten und Verflechtungen gelenkt werden,[3] insbesondere bei der Betrachtung der sich auf Regierungsseite durchsetzenden Geschichtsbilder vom Nationalsozialismus. Denn mit der Gründung zweier deutscher Staaten ging die Etablierung nicht nur konträrer, sondern zugleich komplementärer Geschichtserzählungen auf offizieller Ebene einher. Karl Dietrich Erdmann hat diese Gegensätzlichkeit bei gleichzeitiger Aufeinanderbezogenheit auf den Begriff der "dialektischen Einheit"[4] gebracht. Der Beitrag konzentriert sich daher auf Gemeinsamkeiten und Analogien bzw. wechselseitige Entsprechungen und gegenseitige Bezugnahmen bei der Einordnung des Nationalsozialismus in die Geschichte, ohne natürlich die grundsätzlichen systemspezifischen Unterschiede der beiden Staaten und ihrer Narrationen verwischen zu wollen.

Gemeinsamkeiten ergeben sich zunächst hinsichtlich der Funktionen der Geschichtsbilder, die generell der "sozialen Binnenintegration, der kulturellen Identitätsbildung und der politisch-symbolischen Herrschaftslegitimierung"[5] dienen. In den beiden deutschen Staaten sollten sie vor allem das neue - antitotalitär-demokratische respektive sozialistische - Staatswesen legitimieren und stabilisieren sowie die Bevölkerung integrieren. Dabei galt es, die politisch gebotene Abkehr vom Nationalsozialismus mit einer für die Bevölkerung akzeptablen Erzählung über das "Dritte Reich" zu verbinden. Zugleich fungierte das Geschichtsbild als Abgrenzungsinstrument, indem es den jeweils anderen deutschen Staat zu delegitimieren versuchte.

Antifaschistische Helden und dämonischer (Ver-)Führer

Durch eine als Erlösungs- und Siegergeschichte formulierte Widerstandserzählung verwahrte sich die DDR gegen jegliche Schuld am Nationalsozialismus. Im parteioffiziellen Geschichtsbild wurde die Kriegsniederlage in einen Sieg umgedeutet, den der antifaschistische Widerstand an der Seite der "ruhmreichen Roten Armee" über das faschistische Regime errungen habe. Gleichsam die Krönung des opfervoll und heroisch geführten Befreiungskampfes und damit eine Art Erlösung bildete die ostdeutsche Staatsgründung. Mit dem Gründungsmythos des Antifaschismus konnte sich die DDR als neuer Staat ohne Kontinuität zum "Dritten Reich" und damit - in Abgrenzung zur Bundesrepublik - als "das bessere Deutschland" definieren.[6] Der Verweis auf die Traditionen des antifaschistischen Widerstandskampfes hatte einen wahren Kern, insofern ein Großteil der Führungselite des neuen Systems tatsächlich dem Widerstand während der NS-Zeit angehört hatte oder im Exil gewesen war. Diese Erfahrung wurde nun auf die DDR übertragen, deren Bürger nicht nur zu Märtyrern und Helden, sondern zu "Siegern der Geschichte" avancierten.

Derart selektiv konnte die Bundesrepublik das nationalsozialistische Erbe nicht antreten.[7] Als Rechtsnachfolgerin des Reiches musste sie die Verantwortung für den Nationalsozialismus übernehmen. Allerdings wurde diese zugleich - ironischerweise dem "Führerprinzip" des "Dritten Reiches" entsprechend - auf die NS-Führungselite reduziert. So ließ beispielsweise Bundesinnenminister Gerhard Schröder 1958 anlässlich des Gedenkens an das Attentat vom 20. Juli 1944 verlauten, für Verderbnis im totalitären Staat seien nicht die Millionenmassen, sondern die Inhaber der Macht verantwortlich; die Deutschen seien von einer verbrecherischen Führung in eine ausweglose Katastrophe gestürzt worden.[8] Adolf Hitler wurde mystifiziert und zum "Dämon" satanisiert, wie überhaupt das "Dritte Reich" als Ganzes diabolisiert wurde und als "oktroyiertes wahnwitziges Abenteuer"[9] erschien. Sehr plastisch wird die Deutung des Nationalsozialismus sowie des Zweiten Weltkrieges als "Wahnsinn des Führers", unter dem das Volk zu leiden hatte, in einer Karikatur der "Hamburger Volkszeitung" von 1947 illustriert, die Hitler als Nero in Toga und mit einer Hakenkreuz-Lyra vor der brennenden Stadt zeigt.[10]

Auch das Geschichtsbild der DDR reduzierte und externalisierte die Verantwortung, wenn auch ideologisch bedingt mit anderer Akzentuierung. Der von Alexander Abusch 1946 konstatierte "Irrweg einer Nation" wandelte sich bald in einen "Irrweg der herrschenden Klassen"[11], die die - gegenüber dem Faschismus stets resistent gebliebene - Arbeiterklasse unterdrückt hätten. Indem für den Nationalsozialismus in erster Linie das "Finanz- und Monopolkapital" verantwortlich gemacht wurde, konnte nicht nur die breite Bevölkerung in einer Art "Kollektivamnestie"[12] von Schuld freigesprochen werden, sondern auch die DDR, die diese Besitzklassen enteignet und so aus ihrer Sicht ein Wiederaufleben des Faschismus unmöglich gemacht hatte. Hitler als Handlanger der Monopolkapitalisten spielte in dieser Deutung eine geringere Rolle, weshalb sich auch keine vergleichbare Dämonisierung wie in der Bundesrepublik findet.

Die Frage nach der Verstrickung der breiten Bevölkerung in das NS-System wurde ausgeklammert, zumal deren Mitwirkung beim "sozialistischen Aufbau" im Osten bzw. bei Demokratie und "Wirtschaftswunder" im Westen notwendig war. So äußerte Walter Ulbricht 1948: "Wir müssen an die ganze Masse der Werktätigen appellieren, auch an die nominellen Nazis, an die Masse der technischen Intelligenz, die Nazis waren. Wir werden ihnen offen sagen: Wir wissen, dass Ihr Nazis ward [sic!], wir werden aber nicht weiter darüber sprechen; es kommt auf Euch an, ehrlich mit uns mitzuarbeiten."[13] Ähnlich die Regierungserklärung Konrad Adenauers von 1949, in der er ebenfalls für ein Beschweigen der Vergangenheit plädierte: "(I)m übrigen dürften wir nicht mehr zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung muß baldigst verschwinden. (...) (W)o es (...) vertretbar erscheint, (gilt es,) Vergangenes vergangen sein zu lassen, in der Überzeugung, daß viele für nicht schwerwiegende Schuld gebüßt haben."[14]

Zugespitzt formuliert maßen Ost und West der Loyalität gegenüber der neuen politischen Ordnung höhere Bedeutung zu als der deutlichen Absage an den Nationalsozialismus und machten die Bevölkerung quasi zu neuen "Mitläufern". Besonders explizit wird das für die DDR in einer geradezu erpresserischen Äußerung Wilhelm Zaissers, des damaligen sächsischen Innenministers und späteren ersten Ministers für Staatssicherheit, von 1949: "Wir verlangen nicht den negativen Nachweis des Nichtbelastetseins, des Neutralseins, sondern den positiven Nachweis des Mitmachens (im neuen System)."[15]

Opferkonkurrenz

Die Tabuisierung individueller Verantwortung begünstigte die Ausprägung von Opfermentalitäten, die eine moralische Entlastung von der Vergangenheit ermöglichten. Statt aus der historisch gebotenen Täterperspektive erfolgte die Einordnung des Nationalsozialismus in die Geschichtsbilder in beiden Staaten in einer Art Selbstviktimisierung, um die Erfahrungen und Befindlichkeiten weiter Teile der Bevölkerung in die entschiedene Abkehr vom Nationalsozialismus integrieren zu können und so ein Identifikationsangebot zu schaffen.

Anstelle der Opfer der Deutschen rückten die Deutschen als Opfer in den Mittelpunkt der Wahrnehmung im Westen. Damit wurde "(e)iner der machtvollsten integrativen Mythen der fünfziger Jahre"[16] geschaffen. Die Bevölkerung empfand sich als Opfer des Krieges, den Hitler den Deutschen aufgezwungen hatte - insbesondere galt Stalingrad als "Opfergang"[17] -, als Opfer der Alliierten während des Krieges und danach, als Opfer von Flucht und Vertreibung oder eben des Nationalsozialismus überhaupt. Die ehemaligen NS-Anhänger avancierten zu "politisch Verführten"[18] und standen als "erste Opfer Hitlers" in der Opferhierarchie mindestens auf gleicher Stufe mit den tatsächlich in der NS-Zeit Verfolgten. Noch 1965 äußerte Bundespräsident Heinrich Lübke: "Die Zahl der deutschen Opfer (...) übersteigt die Zahl der Henker um ein Vielfaches. Die Leiden und der Tod dieser unserer Landsleute (...) verbinden unser Volk in Leid und Schmerz auch mit den sechs Millionen deutscher und ausländischer Juden."[19]

Gewissermaßen wurden die "Märtyrer des 20. Juli" das westdeutsche Pendant zu den antifaschistischen Helden der DDR. Wenn diese auch für das Geschichtsbild der Bundesrepublik vergleichsweise geringere Bedeutung hatten als der kommunistische Widerstand für das ostdeutsche, wurde von staatlicher Seite dennoch ein "politische(r) Kult um den 20.Juli"[20] betrieben, galt er doch als Beleg für ein "anderes" und damit zukunftsfähiges Deutschland. Seine Implementierung als positives Bezugsereignis aus der NS-Zeit ist allerdings eine Erfindung "von oben". Denn bei weiten Teilen der Bevölkerung galten die "Männer des 20. Juli" lange Zeit als "Vaterlandsverräter". Der Jahrestag wurde überdies gegen das ostdeutsche System instrumentalisiert, indem z.B. das Gedenken mit der Erinnerung an die Opfer des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 verbunden wurde: "Das Schicksal schien 1944 gegen die Männer und Frauen des anderen Deutschland` im Dritten Reich, genauso wie gegen die Männer und Frauen des 17. Juni entschieden zu haben. In Wirklichkeit aber ist uns diese Einmütigkeit im Handeln und Sterben für Freiheit und Recht zum Vorbild geworden, auf das unser ganzes Volk stolz sein sollte und aus dem es Kraft schöpfen darf zu einer Zeit, in der Freiheit und Recht in einem Teil unseres Vaterlandes noch immer mißachtet werden."[21]

Aufgrund der Narration des Befreiungskampfes gegen den Nationalsozialismus hat die Viktimisierung der Bevölkerung in der DDR eine weniger passive Qualität als die westdeutsche. Dennoch lässt sich auch hier eine Hierarchisierung der "Opfer des Faschismus" feststellen, in der die idealisierten antifaschistischen Widerstandskämpfer - pars pro toto Ernst Thälmann als heldenhafte Ikone - an erster Stelle standen. Wesentliche Elemente der nationalsozialistischen Realität wie die rassistische und antisemitische Dimension blieben weitgehend unberücksichtigt.

Die Selbstviktimisierung ließ die Grenzen zwischen Tätern und Opfern in beiden deutschen Staaten verschwimmen, was eine Relativierung bzw. Ausblendung des verbrecherischen Charakters des Nationalsozialismus, des Massenkonsenses mit ihm sowie ganzer Opfergruppen zur Folge hatte. Im Blick auf die selektive Wahrnehmung der NS-Opfer gibt es wiederum wechselseitige Entsprechungen: Während die jüdischen und andere nicht-kommunistische Verfolgte in Ostdeutschland zu "Opfern zweiter Klasse" degradiert wurden, wurden in Westdeutschland die sozialistischen und kommunistischen Verfolgten lange marginalisiert. Der Holocaust, heute essentieller Bestandteil der nationalen Erinnerung an die NS-Zeit und auch eines sich entwickelnden europäischen oder globalen Gedächtnisses, bildete zunächst eine Leerstelle in den Geschichtsbildern vom Nationalsozialismus; ebenso gilt dies für andere Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, "Euthanasie"-Opfer, Zeugen Jehovas, "Asoziale", Kriminelle oder Zwangsarbeiter. Bestimmte Opfergruppen wurden somit nicht nur Opfer der NS-Verfolgung, sondern in gewisser Weise auch der Geschichtskonstruktionen nach 1945.

Angesichts der in jüngster Zeit verstärkten Thematisierung der Deutschen als Opfer kann der Eindruck kreisförmiger Bewegungen von Geschichtsperzeptionen entstehen.[22] Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Diskussion heute unter anderen Bedingungen stattfindet, z.B. im Rahmen einer Generationenverschiebung, die einen unbefangeneren Umgang mit dem Thema erlaubt. Dennoch birgt dies stets die Gefahr der Relativierung in sich, wie beispielsweise die Beanspruchung des Status als Opfer eines Völkermords durch die Sudetendeutschen bei ihrer Gedenkfeier im Jahr 2006 zeigte. Der Begriff des Genozids wird vergesellschaftet, vergleichbar dem Begriff des Holocaust.[23]

Ideologien

Die Formulierung der Geschichtsbilder in Ost- und Westdeutschland erfolgte von dem identischen Ausgangspunkt als Nachfolgestaaten des "Dritten Reiches". Die Rahmenbedingungen wiesen allerdings deutliche Unterschiede auf, vor allem im Blick auf die politischen Vorzeichen. So wurden verschiedene Wege eingeschlagen, wobei dem ideologischen Faktor und damit der spezifischen Wahrnehmung der Gegenwart zentrale Bedeutung zukam. Während die Deutung des Nationalsozialismus in der DDR im Rahmen des Antifaschismus erfolgte, lag der Interpretation in der Bundesrepublik der Antitotalitarismus zugrunde.

Mit dem "verordneten Antifaschismus" (Ralph Giordano) wurde Hitler "gleichsam zum Westdeutschen"[24]. Denn die im Osten gültige Definition des Faschismus als Folge von Kapitalismus und Imperialismus erlaubte, die Bundesrepublik als "kapitalistisch-imperialistischen Staat" in Kontinuität zum NS-Regime zu stellen und ihr damit die Last der NS-Vergangenheit zuzuweisen, während in der DDR aufgrund der "antifaschistisch-demokratischen Umwälzung" der Faschismus mit seinen Wurzeln ausgerottet sei.[25] Die westdeutsche Politik wurde als Fortsetzung bzw. Neuauflage des Nationalsozialismus diffamiert. Prominente Beispiele sind die so genannten "Braunbücher" und die Kampagnen gegen Mitglieder der Bundesregierung, die diese als ehemalige NS-Funktionäre entlarven sollte. Es ging immer weniger um die Einordnung des Nationalsozialismus in die Geschichte oder gar eine Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit, sondern um dessen Instrumentalisierung als propagandistische Ressource.

Der ebenfalls "verordnete" Antitotalitarismus in der Bundesrepublik - die NS-Zeit war in den Schulen z.B. im Rahmen der Totalitarismustheorie zu unterrichten[26] - setzte Nationalsozialismus und Kommunismus als totalitäre Diktaturen gleich und verurteilte Letzteren als noch fortdauernde Form des Totalitarismus. So konnte auch die Bundesrepublik den anderen Staat, in dem sich, so Bundespräsident Theodor Heuss bei der Einweihung der Gedenkstätte Bergen-Belsen 1952, "nur die Embleme (...) gewandelt"[27] hätten, als Fortexistenz des "Dritten Reiches" definieren und sich selbst entlasten. Insofern der Antikommunismus bereits Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie war, war zudem eine Art positive, "antitotalitär gefilterte"[28] Bezugnahme auf die NS-Zeit möglich, die überdies ein konsensstiftendes Moment hatte.[29] Der von M. Rainer Lepsius für die DDR konstatierten Universalisierung des Nationalsozialismus über den Antifaschismus steht also eine Universalisierung des Nationalsozialismus über den Antitotalitarismus auf Seiten der Bundesrepublik spiegelbildlich gegenüber.[30]

Der die Formulierung der Geschichtsbilder begleitende Ost-West-Konflikt hatte eine eingeschränkte, der Systemlogik entsprechende Perspektive beiderseits des Eisernen Vorhangs zur Folge. Während Westdeutschland die Verstrickung von Wirtschaftsunternehmen sowie den kommunistischen Widerstand kaum berücksichtigte, führte die Betonung und Überhöhung eben dieser Elemente im Osten auch dort zu einer verzerrten Sichtweise. Beide Staaten vereinnahmten in ihren Interpretationsmustern das "Dritte Reich", um sich voneinander abzugrenzen, indem sie die Fortdauer des Faschismus respektive der totalitären Strukturen im jeweils anderen Staat hervorhoben. Die Teilung Deutschlands schien so eine Analogie in der Teilung in ein "Land der Schuldigen" und eines der "Unschuldigen" aufzuweisen. Die Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit im Systemkonflikt machte diese zum Terrain einer "Stellvertreter-Konfrontation" im Kalten Krieg.

Transformationen

Das westdeutsche Geschichtsbild entwickelte sich weit dynamischer als das ostdeutsche, was seine Ursachen in der pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik hatte, aber auch in der aufgrund von Legitimationsdefiziten bestehenden Fixierung der DDR auf den Antifaschismus-Mythos und den negativen Referenzpunkt Westdeutschland. Während das Bild in der DDR weitgehend statisch blieb, durchlief es in der Bundesrepublik einen Transformationsprozess von der Externalisierung der Schuldfrage in der frühen Nachkriegszeit zur allmählichen Internalisierung der Erinnerung an den Holocaust, seit den 1980er Jahren als zentraler historischer Bezugspunkt des nationalen Gedächtnisses. Und doch lassen sich Parallelen festhalten. So beachteten beide Staaten seit den 1960er Jahren zunehmend Bereiche der deutschen Geschichte, die sie zuvor dem anderen Staat überlassen hatten,[31] und konkurrierten z. T. um dieselben Ereignisse, wie die immer positivere Besetzung und Beanspruchung Stauffenbergs und des "20. Juli" als Traditionsbestand durch die DDR zeigt. Man kann folglich von - wenn auch unterschiedlich ausgeprägten - Neucodierungen und Ausdifferenzierungen der Geschichtsbilder in West und Ost sprechen.

Besonders in den 1980er Jahren machten sich in der DDR Modifizierungen in der Wahrnehmung der NS-Zeit bemerkbar, vor allem mit Blick auf die jüdischen Opfer. Neben der allgemeinen Öffnung des Geschichtsbildes im Rahmen des "Erbe und Tradition"-Konzepts und taktischen Erwägungen, die auf eine Intensivierung der Beziehungen zu den USA zielten, spielte dabei auch die zunehmende Schwächung der SED-Herrschaft und der damit einhergehende Kontrollverlust über das Geschichtsbild eine Rolle.[32] Über Rundfunk und Fernsehen sowie oppositionelle Gruppen, insbesondere im Bereich der Kirchen, die gemeinsam mit den westlichen Institutionen das christlich-jüdische Verhältnis eindringlich diskutierten,[33] schlich sich der von einem intensiven Gedenken geprägte bundesrepublikanische Gedächtnisdiskurs gleichsam in die DDR ein. Diesem Erinnerungstransfer konnte die SED-Führung nur mit der Etablierung eigenen Gedenkens etwas entgegensetzen; letztlich konnte sie sich ihm nicht entziehen.[34]

Fazit

Bei aller inhaltlichen Unterschiedlichkeit und direkten Entgegengesetztheit der ost- und westdeutschen Geschichtsbilder und ihres Entstehungskontextes ist dennoch ihre Zusammengehörigkeit zu konstatieren, und zwar in dreifacher Hinsicht: insofern sie erstens die NS-Vergangenheit in einer Rhetorik der Abgrenzung gegen den anderen Staat instrumentalisierten, dabei zweitens aufeinander reagierten und wechselseitig bzw. spiegelbildlich aufeinander bezogen waren sowie drittens versuchten, das Narrativ des jeweils anderen zu unterminieren.

Diese Tendenzen hielten sich bis in die 1980er Jahre, insbesondere auf Seiten der DDR. In deren Endphase wurde die konfrontative Bezogenheit abgelöst von einer Annäherung der Geschichtsbilder. Es fand eine Angleichung bestimmter Perzeptionen an die - sich im Laufe der Zeit stark verändernde - bundesrepublikanische Perspektive statt, so dass von einem Transfer der Erinnerung gesprochen werden kann.[35]

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik haben sich in der offiziösen Erinnerungskultur die Grundlinien des westdeutschen Geschichtsbilds vom Nationalsozialismus durchgesetzt. Die Situation bleibt dennoch ambivalent. Denn das Geschichtsbild der DDR ist nicht verschwunden, vielmehr bestehen nicht wenige Elemente in der Gedenkkultur in Ostdeutschland fort. Das wiedervereinigte Deutschland ist Erbe beider Geschichtsbilder - schließlich stehen auch heute noch zwei deutsche Denkmäler in Mauthausen.
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Fußnoten

1.
Dieser Beitrag geht aus einem Dissertationsprojekt zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in Bundesrepublik, DDR und Österreich hervor, das im Rahmen des Heidelberger Graduiertenkollegs zur Zeitgeschichte "Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa" entsteht.

Zur Entstehungsgeschichte der Denkmäler vgl. Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen. 1945 bis zur Gegenwart, Innsbruck 2006, S. 181-187.
2.
So die Titel von Ulrich Herbert/Olaf Groehler (Hrsg.), Zweierlei Bewältigung. Vier Beiträge über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden deutschen Staaten, Hamburg 1992 und Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995.
3.
Vgl. z.B. Martin Sabrow, Die NS-Vergangenheit in der geteilten deutschen Geschichtskultur, in: Christoph Kleßmann/Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Bonn 2005, S. 132-151; Christoph Classen, Fremdheit gegenüber der eigenen Geschichte. Zum öffentlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus in beiden deutschen Staaten, in: Jan C. Behrends/Thomas Lindenberger/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 101-126.
4.
Karl Dietrich Erdmann, Drei Staaten - zwei Nationen - ein Volk? Überlegungen zu einer deutschen Geschichte seit der Teilung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 36 (1985), S. 671-683, Zitat S. 682. Vgl. auch Edgar Wolfrum, Die beiden Deutschland, in: Volkhard Knigge/Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S. 133-149, hier S. 146.
5.
Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München-Wien 1995, S. 21.
6.
Vgl. Christiane Brenner, Verordnete Vergangenheitsbewältigung: Nationalsozialismus und antifaschistisches Traditionsverständnis im Geschichtsbild der DDR, in: Bohemia, 34 (1993), S. 279-294, hier S. 288; Jürgen Danyel, Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage in der DDR, in: ders. (Anm. 2), S. 31-46.
7.
Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadt 1999, S. 54-56.
8.
Vgl. Gerhard Schröder, Rede zum 20. Juli 1958, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, 22.7. 1958, Nr. 130, S. 1381.
9.
Der Tagesspiegel vom 8.5. 1955, zit. nach Peter Hurrelbrink, Der 8. Mai 1945 - Befreiung durch Erinnerung. Ein Gedenktag und seine Bedeutung für das politisch-kulturelle Selbstverständnis in Deutschland, Bonn 2005, S. 86.
10.
Hamburger Volkszeitung vom 24.7. 1947, abgedruckt bei Malte Thießen, Das Gedächtnis der Stadt. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005, Diss. ms., Hamburg 2006, S. 141.
11.
Agnes Blänsdorf, Die Einordnung der NS-Zeit in das Bild der eigenen Geschichte. Österreich, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, in:Werner Bergmann/Rainer Erb/Albert Lichtblau (Hrsg.), Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt-New York 1995, S. 18-45, Zitat S. 28; Alexander Abusch, Der Irrweg einer Nation. Ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte, Berlin 1946.
12.
Herfried Münkler, Antifaschismus als Gründungsmythos der DDR. Abgrenzungsinstrument nach Westen und Herrschaftsmittel nach innen, in: Manfred Agethen/Eckhard Jesse/Ehrhart Neubert (Hrsg.), Der missbrauchte Antifaschismus. DDR-Staatsdoktrin und Lebenslüge der deutschen Linken, Freiburg 2002, S. 79-99, Zitat S. 87.
13.
Walter Ulbricht auf einer Innenministerkonferenz 1948, zit. nach Karin Hartewig, Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 259.
14.
Konrad Adenauer, Regierungserklärung, 20.9. 1949, in: Klaus Stüwe (Hrsg.), Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schröder, Opladen 2002, S. 35-47, Zitat S. 42f.
15.
Zit. nach P. Hurrelbrink (Anm. 9), S. 99.
16.
Robert G. Moeller, Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen. Kriegsgefangene, Vertriebene, NS-Verfolgte: Opferausgleich als Identitätspolitik, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 29-58, Zitat S. 33.
17.
Vgl. Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005, S. 97-99.
18.
Ders., Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996, S. 405.
19.
Heinrich Lübke, Rede zum 20. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen, 25.4. 1965, zit. nach P.Reichel (Anm. 5), S. 158.
20.
Jürgen Danyel, Der 20. Juli, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, München 2001, S. 220-237, Zitat S. 233.
21.
Gerhard Schröder, Rede zum 20. Juli 1954, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes, 20.7. 1954, Nr. 132, S. 1191f., Zitat S. 1191.
22.
Insbesondere findet sich diese Tendenz in Dokumentar- und Spielfilminszenierungen wie "Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer" (2001), "Die Kinder der Flucht (2006)", "Der Untergang" (2004), "Dresden" (2006). Vgl. auch Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, München 2002.
23.
Vgl. Henryk M. Broder, Der Holocaustneid. Die Sudetendeutschen wollen auch Opfer eines Völkermordes sein, in: Der Tagesspiegel vom 31.5. 2006.
24.
Peter Bender, Deutsche Parallelen. Anmerkungen zu einer gemeinsamen Geschichte zweier getrennter Staaten, Berlin 1989, S. 48.
25.
So auf dem III. SED-Parteitag; vgl. Die gegenwärtige Lage und die Aufgaben der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Dokumente der SED, Bd. 3, Berlin 1952, S. 97.
26.
So die Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus der Kultusministerkonferenz von 1962; vgl. E. Wolfrum (Anm. 7), S. 196.
27.
Theodor Heuss, Rede am 30.11. 1952, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes, Nr. 189, 2.12. 1952, S. 1655f.
28.
Helmut Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages, München-Wien 1999, S. 177.
29.
Vgl. C. Classen (Anm. 3), S. 110. Rainer Gries bewertet den Antikommunismus als stärkstes integrierendes Propagem für die Bundesrepublik, vgl. ders., Mythen des Anfangs, in: APuZ, (2005) 18-19, S. 12-18, hier S. 17.
30.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des "Großdeutschen Reiches", in: ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 229-245, hier S. 232.
31.
Vgl. Wilhelm Bleek, The Competition over German History between the two German States, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 19 (1990), S. 209-232.
32.
Vgl. C. Classen (Anm. 3), S. 121; M. Sabrow (Anm. 3), S. 137-139.
33.
Vgl. Harald Schmid, Antifaschismus und Judenverfolgung. Die "Reichskristallnacht" als politischer Gedenktag in der DDR, Göttingen 2004, S. 116f.
34.
In gewisser Analogie dazu existiert die strittige These, mit der Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 habe sich das "Geschichtsbewußtsein der BRD ausnahmsweise einmal an das der DDR angeglichen"; Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 302, Anm. 102.
35.
Insbesondere auch nach dem Ende der SED-Diktatur, z. B. im "Bekenntnis zu Verantwortung und Mitschuld für Vergangenheit und Zukunft" der Volkskammer 1990 und in der Rede der Präsidentin, Sabine Bergmann-Pohl, zum 8. Mai 1990, die deutlich auf die Weizsäcker-Rede von 1985 rekurrierte und dies mit spezifisch ostdeutschen Sichtweisen verband; vgl. Texte zur Deutschlandpolitik, Reihe III, Bd. 8a, Bonn 1991, S. 158-160; Sabine Bergmann-Pohl, Viele waren schuldig geworden. Alle sind verantwortlich, in: Frankfurter Rundschau vom 9.5. 1990, S. 18.