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21.12.2006 | Von:
Eckhard Fuhr

Was ist des Deutschen Vaterland?

Erst mit einem Jahrzehnt Verspätung gewinnt das geeinte Deutschland im öffentlichen Bewusstsein eine Form: In der "Berliner Republik" verschmelzen abstrakter Verfassungspatriotismus und Geschichtsbewusstsein zu einem neuen deutschen Selbstbild.

Einleitung

Bleibt etwas vom schwarz-rot-goldenen Fußballsommer des Jahres 2006? Zeigt der fröhliche deutsche Patriotismus dieser Wochen, der die Welt, am meisten aber die Deutschen in Staunen versetzte, eine nachhaltige Veränderung im Bewusstsein der Nation an, oder war er bloß das Rauschen eines globalen Fernsehereignisses, von dem nur noch traurig an manchem Balkon hängende Fähnchen zeugen? Die Massenmedien hatten die Weltmeisterschaft als Mega-Event vorbereitet, fast bis zum Überdruss. Von der sonnigen Vaterlandsliebe, der Offenheit und der Gastfreundschaft, die das Land an den Tag legte, wurden sie jedoch überrascht. Sie sprangen auf den patriotischen Zug und überboten sich im Zeigen der Nationalfarben. Doch bei nächstbester Gelegenheit begannen sie zu lamentieren, dass die Jubelstimmung schon wieder verflogen sei. Der Alltag bot solche Gelegenheiten in Fülle. Im Juli stöhnten die Deutschen wieder einmal unter einer Jahrhunderthitze. Der Pegel der Unzufriedenheit mit der Politik der Großen Koalition stieg, die Bedrohung durch den Terror rückte näher. Und als Günter Grass das Geheimnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS lüftete und damit ein Erdbeben öffentlicher Erregung auslöste, da stellte mancher fast mit Genugtuung fest, dass die fußballsommerliche Illusion deutscher "Normalität" verflogen sei und den Blick auf das für immer "schwierige" Vaterland wieder freigebe.






Hier soll die These vertreten werden, dass die Deutschen, um es einmal salopp zu sagen, mit diesem "schwierigen" Vaterland inzwischen ganz gut zurechtkommen. Ihren "langen Weg nach Westen" hat der Historiker Heinrich August Winkler zur Jahrtausendwende in einer paradigmatischen Geschichtserzählung dargestellt. Die nationalen wie die postnationalen Sonderwege sind seit dem 3. Oktober 1990 Geschichte. Als demokratischer Nationalstaat ist Deutschland aktiver Teil eines politisch, ökonomisch und kulturell zusammenwachsenden Europas - so lautet die offizielle Lesart, die nicht falsch, deren Bedeutung aber erst nach und nach in ein neu geformtes Nationalbewusstsein eingegangen ist. Den Freiluft-Patriotismus des Fußballsommers mag man als Zeichen dafür lesen, dass dieses neue Nationalbewusstsein auch emotionale Ausdrucksformen findet, in denen sich Vaterlandsliebe und Weltoffenheit verbinden. Als eine flüchtige Erregung ohne Bedeutung nimmt ihn nur der wahr, der ausblendet, mit welcher Intensität und Vielfalt sich die Deutschen in den vergangenen Jahren in Politik, Medien und Kultur mit der Frage, was denn des Deutschen Vaterland sei, auseinandergesetzt haben. Und im Unterschied zu Ernst Moritz Arndt, der zu keiner befriedigenden Antwort kam, als er diese Frage 1813 in seinem berühmten Gedicht stellte, stehen sie nicht mit leeren Händen da.

Lange Zeit war die Klage über die angebliche Geschichtsvergessenheit der Deutschen ein Leitmotiv insbesondere der konservativen Kulturkritik. Ihr gesellte sich, nur scheinbar kontrapunktisch, jene über die Fixierung der geschichtlichen Erinnerung auf die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur und den Zivilisationsbruch des Holocaust hinzu. Vielen erschien die alte Bundesrepublik so als ein gleichermaßen an seine Geschichte gekettetes wie seiner Geschichte verlustig gegangenes Land. Zwar war die Vergangenheit der deutschen Verbrechen in Schulbüchern, in Rundfunk und Fernsehen, in Literatur und Film allgegenwärtig. Aber das wirkte in der Tat oft nur als Folie, vor der eine tief traumatisierte Nation sich zunächst verbissen und dann scheinbar immer entspannter im Hier und Jetzt der schieren Gegenwart einigelte. Man hatte doch die moralischen und politischen Lektionen einer in der Katastrophe endenden Nationalgeschichte gelernt. Manche Deutschen sahen sich schon wieder als Avantgarde eines heraufziehenden postnationalen Zeitalters und erblickten in der "postkonventionellen Identität", die Jürgen Habermas ihnen verschrieb, die Chance einer Befreiung. Man trug die Last der Geschichte wie ein moralisches Kapital.

Die Geschichtswende von 1989, das Wiedererstehen eines deutschen Nationalstaates, das Ende der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges und die Öffnung der Geschichtsräume Mittel- und Osteuropas haben jenes spezifisch bundesrepublikanische Geschichtsgefühl, aber auch die melancholische oder verbitterte Widerrede, obsolet gemacht. Die Verhältnisse ordneten sich neu. Doch es dauerte über ein Jahrzehnt, bis sich die Konturen eines neuen deutschen Selbstbildes abzeichneten und ins kollektive Bewusstsein traten. Die Geschichtsdebatten der neunziger Jahre etwa über die Hauptstadt oder die Formen historischen Gedenkens, auf die hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann, können als Geburtswehen eines neuen Nationalbewusstseins gedeutet werden, das sich am Ende auch aus alten politischen Zuschreibungen nach dem Links-Rechts-Schema befreite. Schließlich war es eine rot-grüne Mehrheit, eigentlich ein altbundesrepublikanischer Anachronismus, welche um die Jahrtausendwende herum die "Berliner Republik" geschichtspolitisch justierte und Deutschland aus den Hüllen der Nachkriegszeit herausschälte. Das "Ende der Nachkriegszeit" war so etwas wie ein Leitmotiv der Ära Schröder. Immer wieder wurde es angeschlagen, ob nun deutsche Soldaten zum ersten Kriegseinsatz seit 1945 geschickt wurden, ein deutscher Kanzler zum ersten Mal an den Jubiläumsfeierlichkeiten der Alliierten zum Sieg über Hitler-Deutschland teilnahm oder Gerhard Schröder mit Martin Walser vor geballter Medienöffentlichkeit über "Geschichtsgefühl" debattierte. In vielfältiger Weise trat dieser Epochenwechsel, der im Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin einen nicht nur symbolischen Ausdruck fand, ins Bewusstsein.

Kulturell orchestriert wurde er durch eine in ihrer Nachdrücklichkeit erstaunliche Hinwendung der Deutschen zu ihrer Geschichte im Film, in den Massenmedien und in der Literatur. Große Geschichtsausstellungen wie etwa die über das Heilige Römische Reich deutscher Nation oder die im vergangenen Sommer eröffnete Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin ziehen Hunderttausende an. Es kann also von einer Fixierung auf die Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr die Rede sein, auch wenn Hitler immer noch Millionen zu einer gruseligen Begegnung vor die Leinwand lockt. "Der Untergang" von Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel war eines der großen Kinoereignisse der vergangenen Jahre. Aber Eric Tills "Luther" fand fast ebenso viel Interesse, und Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin", der das Ende der DDR als märchenhafte Tragikomödie erzählt, wurde in seinem nationalen und internationalen Erfolg ein veritables Filmwunder. Und wenn man schon bei Wundern ist, darf natürlich auch Sönke Wortmanns "Das Wunder von Bern" nicht unerwähnt bleiben, ein Film, der mit allen Mitteln des Gefühlskinos den Sieg der deutschen Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 zum Gründungsmythos des deutschen Neuanfangs nach der politischen und moralischen Katastrophe von 1945 überhöht und dem deutschen Bundeskanzler die Tränen in die Augen trieb. Alexander Kluge sprach einmal von der Oper als einem "Kraftwerk der Gefühle". Beim Blick auf die jüngste deutsche Filmgeschichte ist man geneigt, das Kino ein "Kraftwerk des Geschichtsgefühls" zu nennen.

Einen entscheidenden literarischen Beitrag zum historischen Perspektivenwechsel und zur Öffnung des geschichtlichen Horizonts leistete im Jahr 2002 Günter Grass mit seiner Novelle "Im Krebsgang", die sich schnell an die Spitze der Bestsellerlisten setzte. Grass verarbeitet in dieser hoch komplexen Erzählung die Versenkung des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" durch ein sowjetisches U-Boot. Dass ausgerechnet er sich an die literarische Verarbeitung des Themas Flucht und Vertreibung wage "und das aus emotionaler Verarmung und intellektueller Einfalt gefügte kollektive Denkgehäuse sprengt, stellt vor dem Hintergrund des politischen Werdegangs des Poeta laureatus eine Überraschung dar, die an ein Wunder grenzt", schrieb damals die "Zeit". Marcel Reich-Ranickis Bildschirmbekenntnis, durch "Im Krebsgang" zu Tränen gerührt worden zu sein - die versöhnliche Verbeugung des Großkritikers vor demGroßschriftsteller, dessen letzten Roman "Ein weites Feld" er mit gewaltigem Mediengetöse gnadenlos verrissen hatte -, hat sicherlich zum Publikumserfolg der Novelle beigetragen. Doch letztlich erklären sich dieser Erfolg und die weit über die literarische Öffentlichkeit hinausgehende Aufmerksamkeit, die das Buch fand, dadurch, dass Grass, der in den neunziger Jahren mit der deutschen Einheit gehadert hatte und in die Rolle des griesgrämigen Schwarzsehers geraten war, mit feinem Zeitgeistgespür die Veränderungen erkannt und literarisch gestaltet hat, die sich um die Jahrtausendwende herum im Geschichtsbild und kollektiven Gedächtnis der Deutschen abzeichneten. Der "unverdächtige" Grass erzählt die lange verdrängte oder politisch instrumentalisierte Geschichte deutscher Opfer und deutschen Leids und schlägt eine Brücke zwischen der öffentlichen, "politisch korrekten" bundesrepublikanischen Geschichtserzählung und den "unscharfen" Familiengeschichtsbildern, den Geheimnissen und Traumata der Eltern- und Großelterngeneration, die mit dem Aussterben dieser Generation offenbar noch einmal mit Macht an die Oberfläche drängen.

Grass blieb nicht allein. Ebenso viel Widerhall wie "Im Krebsgang" fand 2002 das Buch "Der Brand" des Historikers Jörg Friedrich, der mit großer Quellennähe auf beklemmende Weise den Untergang der deutschen Städte im Luftkrieg schildert. Die "Opferdebatte", die von diesen beiden Neuerscheinungen angestoßen wurde, mündete nicht mehr in das übliche Aufrechnen von Verbrechen und Leiden, sondern zeigte wohl zum ersten Mal, dass die Deutschen als Täter und die Deutschen als Opfer zusammen gedacht werden können und dass diese beiden Sichtweisen sich nicht konkurrierend gegenseitig im Wege stehen müssen. Dass hier ein nachhaltiger Paradigmenwechsel vollzogen wurde, bestätigte sich literarisch in vielfältiger Weise.

Der Krebsgang, das tastende, suchende Rückwärtsschreiten, ist zu einer bevorzugten Fortbewegungsweise der deutschen Literatur geworden. Schriftsteller der in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geborenen Generation machen sich auf die Suche nach Vätern und Großvätern. Sie verfolgen das, was man die "jüngere deutsche Geschichte" nennt und was längst zu einer politisch-moralischen Erzählung über Schuld und Versagen der "Tätergeneration" geronnen ist, am Faden familiärer Überlieferung zurück und dringen dabei meist auch über jene Schwelle vor, die durch das Jahr 1933 markiert ist. Ulla Hahn, Uwe Timm, Wibke Bruhns, Tanja Dückers, Stephan Wackwitz und Thomas Medicus haben in den vergangenen Jahren solche meist halbfiktionalen Familiengeschichten vorgelegt. Und gerade die Vertreter der 68er-Generation und ihrer jüngeren Geschwister schalten dabei vom Modus des Anklagens und Verurteilens auf den des skeptisch-einfühlsamen Verstehens. Sie finden einen Ton, der jeden Verdacht, hier solle ein fauler Frieden mit der Vergangenheit vorbereitet werden, gegenstandslos macht.

Dieser wieder aktivierte historisch-kulturelle Resonanzboden schwingt mit, wenn in der Politik über "Patriotismus" debattiert wird. Die Frage nach "des Deutschen Vaterland" ist mit den Konsensformeln des Verfassungspatriotismus nicht mehr zu beantworten. Andererseits steht ein wiedererwachtes, geschichtlich fundiertes Nationalgefühl den verfassungspatriotischen Wertentscheidungen nicht mehr im Wege. Verfassungspatriotismus und Geschichtsgefühl verbinden sich. Damit ist ein Antagonismus aufgehoben, der die Geschichte der alten Bundesrepublik bestimmt hatte. Der Publizist Dolf Sternberger hatte auf Ernst Moritz Arndts Frage die für diese Epoche weithin gültige Antwort gegeben. Zum dreißigsten Jahrestag des Grundgesetzes schrieb er 1979: "Das Nationalgefühl bleibt verwundet, wir leben nicht im ganzen Deutschland. Aber wir leben in einer ganzen Verfassung, in einem ganzen Verfassungsstaat, und das ist selbst eine Art von Vaterland." Der Staat des Grundgesetzes also sei des Deutschen Vaterland und Verfassungspatriotismus deshalb der angemessene Ausdruck von Vaterlandsliebe. Die Verfassung der Bundesrepublik, in die unmittelbar die Erfahrung des Scheiterns der Weimarer Republik einging, ist für ihn das Dokument eines noch immer gefährdeten Neuanfangs, ein kostbares Unterpfand deutscher Freiheit, an dem der freie Teil der Nation mit "Zähnen und Klauen" festhalten müsse. Man dürfe nicht der Versuchung nachgeben, "auszuziehen aus der Verfassung um der Nation und ihrer Vollständigkeit willen". In Sternbergers Definition ist noch deutlich präsent, dass Verfassungspatriotismus das Annehmen und Verarbeiten eines Verlustes ist. Die Freiheit muss im Zweifel durch den Verzicht auf die Einheit bezahlt werden. Ohne Trauer ist also nach Sternberger über Verfassungspatriotismus nicht zu reden.

Bald jedoch verlor dieser Begriff seine Einfärbung durch Geschichtstrauer. Im Historikerstreit um die Singularität des nationalsozialistischen Judenmords schärfte Jürgen Habermas ihn an. Er verstand Verfassungspatriotismus nicht mehr als Annehmen eines Verlusts, sondern als eine aus dem Untergang des deutschen Nationalstaates hervorgegangene politische Verheißung: "Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus. Eine in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach - und durch - Auschwitz bilden können." Auschwitz wird so zur negativen Quelle eines neuen, eines postnationalen, ja eines antinationalen deutschen Selbstbewusstseins, eines Selbstbewusstseins, das sogar die Form des Stolzes annehmen kann: "Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte."

Das Habermas'sche Verständnis von Verfassungspatriotismus war wirkungsmächtig. Es bestimmte nahezu konkurrenzlos das Denken im linken und linksliberalen Milieu und wurde, trotz aller gefühligen Geschichtsrhetorik des Kanzlers Helmut Kohl, ein vorherrschendes intellektuelles Stilelement der Bundesrepublik der achtziger Jahre. Diese Wirkungsmacht gewann es aus seinen inneren Spannungen und Ambivalenzen, die erst im Laufe der Zeit und vor allem nach der Geschichtswende von 1989/90 sichtbar wurden. Der Habermas'sche Verfassungspatriotismus ist historisch und ahistorisch zugleich, er fungierte gleichermaßen als Leitbegriff affirmativen Status-quo-Denkens wie kritischer Emanzipation. Er schützte das linksliberale juste milieu gegen die Zumutungen der Wende und war doch vital genug, einer rot-grünen Bundesregierung den politischen Neuanfang in der "Berliner Republik" zu ermöglichen. Sternbergers Verfassungspatriotismus hat sich mit der Wiedervereinigung erfüllt. Die Deutschen erlangten die staatliche Einheit, ohne der Versuchung nachzugeben, um der Einheit willen aus der Verfassung auszuziehen. Das Habermas'sche Konzept erschöpft sich erst jetzt. Geschichtsbezogen ist es in der Forderung, das deutsche Gegenwartsbewusstsein an den Zivilisationsbruch von Auschwitz zu knüpfen. Daraus erwächst die Pflicht zur Erinnerung. Das Berliner Holocaust-Mahnmal ist das für alle Zeiten errichtete Mahnzeichen dieser Pflicht. Doch eben in diesem Drang, die historische Zeit steinern gerinnen zu lassen und die Erinnerung zu monumentalisieren, zeigt sich auch das Ahistorische dieses Ansatzes. Das Mahnen überlagert das Vergegenwärtigen der Geschichte, die politische Pädagogik das Erzählen.

Habermas war durchaus bewusst, dass die Fixierung der neuen postnationalen Identität auf das unhintergehbare Datum "Auschwitz" ein Ausdörren des Geschichtsbewusstseins bedeutet. Er hielt das für eine Chance: "Wenn unter Jüngeren die nationalen Symbole ihre Prägekraft verloren haben, wenn die naive Identifikation mit der eigenen Herkunft einem eher tentativen Umgang mit Geschichte gewichen ist, wenn Diskontinuitäten stärker empfunden, Kontinuitäten nicht um jeden Preis gefeiert werden, wenn nationaler Stolz und kollektives Selbstwertgefühl durch den Filter universalistischer Wertorientierungen hindurchgetrieben werden - in dem Maße, wie das wirklich zutrifft, mehren sich die Anzeichen einer postkonventionellen Identität."

Als Ende der achtziger Jahre die Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa die nationale Frage wieder auf die Tagesordnung setzten, entdeckten die linken Verfassungspatrioten die viel geschmähte alte Bundesrepublik als ihr bedrohtes postnationales Vaterland. Das brachte bizarre intellektuelle Posen hervor. Als sich die Möglichkeit abzeichnete, den Auftrag der Verfassung zu erfüllen, nämlich die Einheit der Nation in freier Selbstbestimmung herbeizuführen, wurde der sich auf universalistische Prinzipien berufende Verfassungspatriotismus partikular, ja provinziell. Er gebärdete sich als konservative Teilstaatsphilosophie und denunzierte die Aussicht auf die Erfüllung des Verfassungsauftrages als Bedrohung der in der Bundesrepublik erbrachten politischen Zivilisierungsleistung, die sich die Linke nun vor allem selbst zuschrieb. Habermas warf das böse Wort vom "D-Mark-Nationalismus" in die Debatte.

Entgegen allen Befürchtungen war das Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung keine Ära der Renationalisierung. In kausalem Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung machte der Prozess der europäischen Integration einen Qualitätssprung. Und obwohl es in den ersten Jahren durchaus Versuche gab, die Wiedervereinigung als Rückkehr in die alten Bahnen einer "selbstbewussten Nation" zu deuten, ist doch offensichtlich, dass die vorherrschende Erfahrung der Deutschen in dieser Umbruchszeit mit dem Begriff der "Globalisierung" und nicht mit dem der "Renationalisierung" zu beschreiben ist. Die verfassungspatriotischen Abwehrreaktionen gegen alles Nationale ließen im Verlauf der neunziger Jahre nach. Universalistische Prinzipien hatten sich jetzt unter den Bedingungen wiedererlangter nationaler Souveränität zu bewähren. Niemand gestattete den Deutschen mehr, unter Berufung auf die Geschichte einen Schonraum für sich zu beanspruchen. Nach dem Regierungswechsel von 1998 musste ausgerechnet Rot-Grün als parteipolitische Fleischwerdung des linken Verfassungspatriotismus den postnationalen Sonderweg der westdeutschen Nachkriegsgeschichte beenden.

Es spricht für die Vitalität und Wandlungsfähigkeit des Verfassungspatriotismus, dass er in den Anfängen der "Berliner Republik" eine fast triumphale Auferstehung feierte. Vielfach ist die Beteiligung Deutschlands am Krieg der NATO gegen Serbien als innere Begründung der neuen, der "postrheinischen" Bundesrepublik beschrieben worden. Sie besiegelte tatsächlich einen radikalen politischen Paradigmenwechsel. Das deutsche Nachkriegstabu militärischer Intervention war gebrochen.

Möglich war das nur, weil dieser Bruch als zwingende Konsequenz aus der Verpflichtung auf universalistische Prinzipien dargestellt werden konnte. Der Wille, die "ethnischen Säuberungen" im Kosovo zu beenden, also eine Wiederkehr des Völkermords in Europa zu verhindern, brach den Grundsatz, dass der Einsatz deutscher Soldaten dort undenkbar sei, wo Deutsche im Zweiten Weltkrieg als Aggressoren und Besatzer aufgetreten waren. Damit allerdings war der Moment des dialektischen Umschlagens erreicht. Der Universalismus führte in äußerster Folgerichtigkeit der Praxis in eben jene geschichtlichen Räume, die heute noch aufgeladen sind mit der Erinnerung an deutsche Verbrechen. Der Luftkrieg holte die deutsche Politik auf den Boden der Geschichte zurück. Just in dem Augenblick, in dem die Deutschen den langen Weg nach Westen hinter sich haben, finden sie sich mitten in der deutschen Geschichte wieder. Ein Beispiel dafür, was das bedeutet, bot in jüngster Zeit eine gemeinhin wenig beachtete Facette der Politik: die Auswärtige Kulturpolitik. Über ihre Ausrichtung wurde im vergangenen Jahr heftig gestritten. Soll sie an den Brennpunkten globaler Kulturkonflikte westlich-universalistische Basisarbeit leisten, oder soll sie in erster Linie deutsche Sprache und Kultur vermitteln? Es zeichnet sich ein großkoalitionärer Konsens in letzterem Sinne ab, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass die Adressaten Auswärtiger Kulturpolitik es vorziehen, den westlichen Universalismus in seinem jeweiligen nationalkulturellen Gewand und seiner nationalhistorischen Konkretisierung kennen zu lernen.

Die beschriebenen Entwicklungen in der kulturellen und der politischen Sphäre kann man als ein Verschmelzen von Universalismus und nationalem Geschichtsbewusstsein oder eben, wie schon gesagt, von Verfassungspatriotismus und Geschichtsgefühl verstehen. Aus diesem Vorgang erwächst für die Deutschen die Chance einer nationalen Identität, die sich nicht mehr in erster Linie auf die Erzählung eines pathologischen Sonderweges stützen muss und die sie zu selbstbewussten Europäern und Weltbürgern macht.

Es kann keine Rede davon sein, dass der Patriotismus sich illegitimerweise durch die Hintertür wieder einen Platz unter den politischen Leitbegriffen und Tugenden erobert habe, dass er nur Phrase sei oder eine billige Worthülse der Talkshow-Demokratie. Die freudige Nationalerregung der Fußball-Weltmeisterschaft mag schnell abgeklungen sein. Alles andere wäre ja auch der Ausnahmezustand in Permanenz. Ein gänzlich falsches Bild von sich selbst gewannen die Deutschen durch diesen Blick in den Spiegel jedoch nicht. Es ist das Bild einer erneuerten Nation.