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21.12.2006 | Von:
Matthias Biskupek

Gibt es einen spezifischen Ost-Patriotismus?

Matthias Biskupek sucht nach einem Ost-Patriotismus jenseits der allfälligen "Ostalgie" und findet ihn in nachwirkenden Verstrickungen - der Sprache.

Einleitung

Es ist seltsam: Solange ein verblichener Staatsratsvorsitzender bei jeder Gelegenheit ausrief: "Wir sind stoolz auf die sollistsche dojsche Nassjoohn", war das gemeine (!) Staatsvolk der DDR - oder zumindest jene 70 Prozent, die ein gleichgültiges bis kritisches Verhältnis zu ihrem streng eingegrenzten Land hatten - nicht sonderlich stolz auf die eigene Staatlichkeit. Die Landschaften, die Sporterfolge (gegen viel größere Staaten), die Vigilanz mancher kleiner Leute und vielleicht auch der jahrzehntelang erfolgreich ratternde "Trabant" - das mochte man ganz gern akzeptieren. Doch Stolz? Patriotische Gefühle? Kleine Leute sind gefühlsmäßig oft auf Seiten der Kleinen - weshalb im legendären Fußballspiel 1974 wohl relativ viele (70 Prozent?) zu "ihrer DDR" hielten und schadenfroh des großen professionellen Bruders Niederlage beklatschten.






Jene 70 Prozent aber wanderten Abend für Abend dennoch aus und sahen Westfernsehen - während heute 70 Prozent sich ganz gern an etwas Schönes erinnern möchten und deshalb die DDR gelegentlich leuchten lassen - in warmem Abendlicht oder ehrlichem Morgenrot. Die 70 Prozent sind gefühlte Prozent - aber genau so vom Dichter Adolf Endler verkündet worden.[1]

Kann es aber sein, dass der im Titel angerufene Patriotismus ein Phantomschmerz ist? Das Land ist längst beigetreten, wie es offiziell heißt, bzw. breitgetreten, wie manch Sehnsüchtiger boshaft formuliert. Doch Untote der DDR wandeln durch neckische Shows, finstere Krimis voller Abrisshalden und Stasi-Seilschaften und kommen gelegentlich in Zirkeln hartnäckiger Beschöniger zum Vorschein. Die vielleicht merkwürdigste Hinterlassenschaft aber sind ideologische Alleswisser, die einen rechtskonservativen Patriotismus in den Mustern und Sprachwendungen der ganz alten DDR pflegen. All das folgt, schön der Reihe nach, weil Schlangestehen DDR-Hinterlassenschaft ist. Ganz nach vorn aber lassen wir zunächst die private Erinnerung. Und erzählen vom ureigenen Verhältnis zum Mutterland des Patriotismus.

Fußnoten

1.
Vgl. Das Museum bin ich, in: Die Zeit vom 29.6. 2006, S. 41f.