APUZ Dossier Bild

21.12.2006 | Von:
Roger Boyes

Die Neuen Patrioten

Wie wird der "neue Patriotismus" im Ausland wahrgenommen? "Times"-Korrespondent Roger Boyes gibt seine Sicht der "Neuen Patrioten" und rät ihnen: Findet eine Aufgabe - am besten eine europäische.

Einleitung

Im Sommer 2006 sahen die deutschen Nationalfarben für mich ein bisschen anders aus, nämlich freundlicher und sonnig. Die Flagge wurde Teil einer Marken-Kampagne, die Nationalfarben waren so banal geworden, als seien sie das Logo auf einer Plastiktüte vom Supermarkt. Der plötzliche Wechsel vom überfrachteten Nationalsymbol - etwas, das den Kummer und das Leid von Deutschland symbolisiert - zu einer luftig leichten Werbemarke rief, zumindest in mir, eine Spur von Übelkeit hervor. Keine moralische Abscheu, weit entfernt davon. Ich stamme schließlich aus einem Land, in dem 16-jährige Mädchen Miniröcke in den Farben des Union Jack tragen und 35-jährige zurückgebliebene Punks immer noch T-Shirts anziehen, auf denen die Königin von England als Vampir dargestellt ist. Nein, es ist eher ein Gefühl von Bewegungskrankheit. Der Übergang von chronischen "Oh Gott, oh Gott"-Selbstzweifeln zu "Bin doch stolz, Deutscher zu sein" war zu abrupt für einen simplen Ausländer. Es ist, als ob ich in einen Economy-Class Langstreckenflug gesteckt worden wäre, es schwierig fände zu atmen, die Thrombose in meine Beine kriechen spürte, fürchtete, dass das Flugzeug jeden Moment abstürzen könnte, um dann in einer anderen Klimazone zu landen, in der die Hitze mir ins Gesicht schlägt, während ich unsicher auf der Rollbahn stehe.[1]




Auf der Berliner Fanmeile, dieser ästhetischen Katastrophenzone, geriet ich zwischen Türken und Libanesen, die lautstark Deutschland anfeuerten. Vielleicht haben sie sich selbst etwas vorgemacht, aber sie schienen sich wirklich deutsch zu fühlen: Sie wollten Teil der deutschen Gesellschaft sein, die plötzlich attraktiv, offenherzig und, nun ja, cool erschien. Jetzt, im Winter, haben einige dieser Kids ihre Duldung verloren, aber andere sagen, das Deutschland ihr Zuhause geworden sei, wenn nicht sogar ihre Heimat. Es ist eine emotionale Verkettung entstanden: Die sommerliche Spontaneität mag verflogen sein, aber diese Ausländer, diese Möchtegern-Deutschen, beginnen sich in diesem Land sicher zu fühlen. Verlangen wir von diesen aufstrebenden Deutschen, dass sie Deutschland jetzt lieben? Verlangen es die Deutschen von sich selbst? Ich spüre dieses Schwindelgefühl zurückkehren, wenn diese Fragen diskutiert werden und wenn ich die "Wo ist der Notausgang"-Phrasen der Politiker höre, die lediglich ihre Frauen lieben können, aber nicht die Abstraktion von Deutschland, die darauf stolz sein können, was Deutschland erreicht hat, aber nicht auf Deutschland an sich.

Patriotismus ist die Liebe zur Patrie. Liebe ist kompliziert; sie muss wechselseitig sein; sie muss wachsen oder sie wird schrumpfen, weil Liebe keine Konstante ist. Sie ist eine Variable. Und zum Thema Patrie, Patria, wo ist sie, diese Heimat, wo ist das Vaterland in einer Welt verwischter und schmelzender Grenzen? Patriotismus, um es kurz zu machen, ist eine viel zu komplexe Angelegenheit, um sie den Feuilleton-Chefs zu überlassen, welche die Debatte bisher geführt haben. Matthias Matussek zum Beispiel behandelt Deutschland teilweise so, als wäre es seine eigene Spielzeugeisenbahn, die er auf dem Dachboden aufgebaut hat, mit Märklin-Loks und selbst gebastelten Faller-Häusern.

Nein, Patriotismus ist eine Handlung, eine enthusiastische Tat, kein Streit, der dadurch gewonnen werden kann, dass man laut in Talkshows schreit. Nehmen Sie Ayfer Durur, eine türkisch-deutsche Freundin. Sie ist eine talentierte Friseurin, die nach Erfahrungen bei Vidal Sassoon und Tony & Guy einen eigenen Salon in Berlin-Mitte eröffnen wollte. Die Bank hat ihr keinen Kredit gegeben. Sie war Single, jung, eine Frau, eine Friseurin und türkisch: fünf Risikofaktoren. Also gab ihre Familie - ihre Mutter, die Putzfrau bei der Deutschen Bahn war, und ihr Vater, ein Fabrikarbeiter - ihr das Geld, das sie gespart hatten, um sich in ihrem anatolischen Heimatdorf ein Haus zu bauen. Heute hat Ayfer einen modischen Salon mit sechs deutschen Angestellten. Was war passiert? Eine Familie, die von Deutschland gut behandelt wurde, hat ihr formelles Heimatland aufgegeben und in die deutsche Zukunft ihrer deutsch erzogenen Tochter investiert. Ich weiß nicht, ob das auf Liebe zur Patrie hinausläuft; es war aber sicherlich ein Akt des Vertrauens in Deutschland. Die Familie feuert die Türkei an, wenn sie gegen Deutschland spielt, und Deutschland, wenn es gegen irgendjemand anderen spielt; sie unterstützt deutsche Bundesligateams mit türkischen Spielern. Sie schickt Geld "nach Hause" zu Verwandten in der Türkei. Diese Familie ist wie viele andere gefangen in einem Netz multipler Identitäten. Wenn es jedoch zu einer kritischen, das Leben verändernden Entscheidung käme, würden sie Deutschland wählen. Ich glaube, es war eine patriotische Wahl, verbunden nicht nur mit elterlicher Liebe zu einer talentierten Tochter, sondern zu einer Gesellschaft, die ihrer Tochter gestattet hat aufzublühen.

Mein Problem mit der derzeitigen Debatte über deutschen Patriotismus ist, dass seine energischsten Vertreter Ayfer-Momente nicht unterbringen können. Diejenigen, die wie Matussek glauben, dass wir uns in einer globalisierten Welt mehr auf unsere Abstammung besinnen und dann die Regeln für unseren Volksstamm bestimmen müssen, haben etwas mehr Leidenschaft in die angestaubte alte Leitkultur-Diskussion gebracht, aber letztendlich verfolgen sie dieselbe Idee: Um ein anerkannter Teil des deutschen Volkes zu sein, muss man sich einem Kanon großer deutscher Gedanken und Heldentaten verschreiben. Und das Herz kann nur für das eigene Volk schlagen; man muss um seinen Totempfahl tanzen. Alles was weniger ist als totaler Enthusiasmus, kennzeichnet einen als ein Produkt der 68er, als jemanden, der die Nation im Namen einer Ideologie hintergehen will. Auf den Ausruf "Nie wieder Deutschland" kann es nach Ansicht der "Neuen Patrioten" nur eine einzige akzeptable Antwort geben: "Immer wieder Deutschland!"

Wenn es aber eine patriotische Ethik für Menschen wie Ayfer gibt, die es sich ausgesucht haben, Deutsche sein zu wollen, dann muss es so etwas sein wie die bevorzugte Variante von Christian Rickens, eine Kombination von Verfassungspatriotismus und Heimatliebe. Es ist die weise Nachkriegsverfassung, ihre Ordnung der Gesellschaft, die das nötige Vertrauen schafft, mit dem Ayfer entschieden hat, mehr deutsch als türkisch sein zu wollen, nicht die abstammungsbedingte Liebe von Matussek, Udo di Fabio oder Jörg Schönbohm. Wenn eine Nation über die Loyalität ihrer Bürger verfügen möchte, dann muss sie Sicherheiten anbieten können, nicht nur Abstraktionen. Patriotismus beginnt im Kiez. "Orte des Patriotismus und der Republik" schreibt Paul Nolte. "Das beginnt nicht bei der Nation, sondern im Horizont konkreter Lebens- und Erfahrungswelten von Menschen: in der Nachbarschaft oder im Stadtviertel, in der politischen Gemeinde, in der Region. Wenn diese Räume sich von sozial und politisch bedeutungsvollem Handeln entleeren - von Handeln, in dem Verantwortung sichtbar wird -, dann steht auch die Nation auf tönernen Füßen."

Anders gesagt, die Nation ist weit mehr als eine Spielzeugeisenbahn. Sie ist ein massives Netzwerk von Menschen, die im sozialen Interesse handeln, auf einer Vielzahl von Ebenen, begleitet von einer gemeinsamen Geschichte und in breitem Einverständnis über die Zukunft.

Das hört sich staatstragend an; ist es aber nicht. Es ist eher die Ansicht eines britischen Pragmatikers, der den Neuen Patrioten - oder neuen Spießern, wie Rickens sie nennt - mit tiefstem Misstrauen begegnet. Selbst ein oberflächliches Lesen von Matusseks Buch "Wir Deutschen" enthüllt, dass es nur wenig Neues über seine nationale Bestandsaufnahme enthält. Einiges von seiner Rhetorik könnte direkt aus den Tagen des anglo-deutschen militärischen Wettrüstens in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. Alles in allem ist es ein vergleichender Blick auf Deutschlands Standort in der Welt. Wie können es die Briten wagen zu behaupten, die Deutschen hätten keinen Sinn für Humor, die Briten mit ihrer versoffenen Jugend, ihren hässlichen Frauen und mangelnder öffentlicher Kultur? Wie kann die Welt es wagen, einen Fetisch aus den berüchtigten zwölf Jahren zu machen und Deutschland auf den misslichen Unfall des Nationalsozialismus zu reduzieren? Großbritannien hat sein Glück letztendlich auf dem Sklavenhandel aufgebaut. "Die britische Geschichte - die Ausrottung der Indianer, der Sklavenhandel, die Burenmassaker, die Konzentrationslager in Kenia - watet durchaus im Blut Unschuldiger", schreibt Matussek.

Ist das eine ausgewogene Diskussion über die jeweiligen Verdienste nationaler Gewalt - oder ist es ein rhetorisches Mittel, das darauf abzielt, von einem schwachen Argument abzulenken? Denn wenn man natürlich die Ansicht vertreten will, dass die Deutschen ein Volk seien, das stolz auf seinen einzigartigen Beitrag zur europäischen und zur Weltkultur sein sollte, dann muss man einige intellektuelle Buchhaltung vollbringen. Und man muss sich fragen, was Deutschlands Abstammungs-Chauvinismus - eher noch als freigeistiger, regional verankerter Verfassungspatriotismus - von Europa übernommen hat. Der jüdische Beitrag zum deutschen Charakter - sein wissenschaftliches Verständnis, die Fülle seiner Kunst und Beobachtung, sein Sprachwitz - sticht geradezu aus Matusseks triumphalistischem Marsch durch die deutsche Geschichte heraus.

Der "Neue Patriotismus" handelt von Deutschen-Stolz, der mit ebensolcher missionarischer Überzeugung gepredigt wird wie die Homosexuellen in San Francisco einst Schwulen-Stolz propagiert haben. Es ist die Bitte Deutschlands, nach seinen eigenen Bedingungen geliebt zu werden, weil es dann die Freiheit erhalten kann, sich selbst zu lieben. Das Resultat ist, dass Matussek, wenn er sich nicht wie Tarzan auf die Brust trommelt, um die liebende Legitimation einer fremden Zuhörerschaft buhlt. "Warum uns die anderen gern haben können" lautet der unterwürfige Untertitel von "Wir Deutschen". Zweifelsohne würde der Autor behaupten, dass dieser Spruch ironisch gemeint sei, aber die Gier nach Liebe ist immer noch vorhanden. Und man fühlt sich an Winston Churchills grausame Stichelei erinnert: "Die Deutschen hängen entweder an Deiner Kehle oder hocken auf Deinen Knien."

Es fällt schwer, den Neuen Patrioten die Liebe zu geben, die sie wollen, solange sie darauf beharren, besser als alle anderen zu sein. Das ist ganz einfach eine Frage des Tonfalls und des Geschmacks: Die Neuen Patrioten müssen noch die Vorzüge des Charmes entdecken, auch als rhetorisches Mittel. Aber das wesentliche Problem ist die absichtliche Verzerrung der Geschichte. Die Neuen Patrioten können gern glauben, dass die 68er der Anti-Christ sind, aber der Weg wurde ihnen natürlich von Gerhard Schröders "Wir sind normal"-Debatte geebnet. Seine Rede an den Stränden der Normandie 2004, 60 Jahre nach den Landungen am D-Day, warb dafür, das Kriegs-Kapitel für Deutschland zu schließen. Eine außergewöhnliche Aussage, aber die logische Schlussfolgerung von allem, was er seit seinem Amtsantritt 1998 über die deutsche Souveränität gesagt hatte. Der "Pfad der Normalität" - wenn ich diesen Satz verwenden darf, ohne wie einer von Tom Cruises Scientology-Freunden zu klingen - verlief parallel zum "Recht zu trauern". Das war gewöhnlich die Begründung von Gruppen wie dem Bund der Vertriebenen. Schröder, der "privat" - das heißt nur von der "Bild"-Zeitung fotografiert - das Kriegsgrab seines Vaters in Rumänien besuchte und auch anderen toten Soldaten Tribut zollte, brachte Trauern über die Kriegszeit in den Mainstream. Zu der Zeit, als der "Spiegel"-Mitarbeiter den Anschluss an die Entwicklungen fand - er war Auslandskorrespondent im mühevollen Exil von der Hamburger Zentrale -, verging kaum ein Tag, ohne dass jemand eine Träne für tote Deutsche vergoss. Wibke Bruhns entdeckte und betrauerte ihren Nazi-Vater, Uwe Timm seinen Bruder. Verleger entdeckten eine profitable Nische in der Opferrolle: Von "Auf der Flucht" (Hellmuth Karasek) bis zu Ulla Hahns "Unscharfe Bilder". Der Trendsetter "Im Krebsgang" wurde natürlich von dem vergesslichen Waffen-SS-Veteran Günter Grass geschrieben.

Die Neuen Patrioten bestehen darauf, dass die Rückgewinnung der deutschen Geschichte - und teilweise das Leid der deutschen Bevölkerung in der Kriegszeit - ein wesentlicher Teil ist, um einen bewussteren Sinn für die nationale Identität zu entwickeln. Nun, die Briten haben kein Problem damit. Der verstörendste Moment des Trauermarsches im Februar 2006 in Dresden war allerdings der, als wir über eine Elbbrücke schritten. Anarchisten (oder wer auch immer - sie waren zu weit entfernt, um sie fragen zu können) spannten ein Plakat an einem Gebäude, auf dem in Englisch stand: "No Tears for Krauts." Es war eine anstößige und dumme Message, und in diesem Moment fühlte ich mich auf perverse Weise zur NPD hingezogen, die diesen Marsch organisiert hatte. Kein Wunder, dass ich mich am Ende des Tages in einem Zustand der Verwirrung befand: der Sohn eines Engländers, der Deutsche getötet hatte.

Es gibt dennoch zwei Schwierigkeiten bei der Verknüpfung von Patriotismus und Opferrolle. Die erste ist, dass die Geschichte verfälscht ist. "Der Untergang" war ein schlechter Film, weil er außerhalb des zentralen Themas verlief - nämlich den letzten wahnhaften Tagen eines Diktators - und versuchte, etwas darüber zu sagen, wie Deutschland für Hitler bestraft wurde. Um die dramatische Verbindung zwischen dem Untergrund-Führer und dem überirdischen "Dritten Reich" darzustellen, macht Bernd Eichinger Helden aus Mahnke - den die Briten und Franzosen aus gutem Grund als Kriegsverbrecher ansehen - und Schenck, einem Nazi-Doktor, der mit Insassen von Konzentrationslagern experimentierte. Dennoch wird der Film von den Neuen Patrioten als ein Kultwerk der Kunst und der Geschichtserzählung angesehen. Es war ein Film über arme Deutsche, leidende Deutsche, moralisch schwache Deutsche - und nur einen schlechten, verrückten Österreicher. Kein Wunder, dass "Der Spiegel" eine tragende Rolle bei der Vermarktung des Films gespielt hat.

Wenn man anfängt, Geschichte umzuschreiben, ist jeder betroffen. Was mich zu meinem zweiten Einwand bringt. Wenn die Deutschen Opfer sind, wer sind dann die Täter? Es ist immer noch politisch inkorrekt, auch für die Neuen Patrioten, offen die Barbarei der Russen zu diskutieren. Selbst die leidenschaftlichsten Leugner unter den deutschen Nationalisten erinnern sich daran, was die Deutschen den Russen angetan haben. Aber die Briten haben fair gespielt. Und wenn man zwischen den Zeilen von "Wir Deutschen" liest, kann man die Konturen einer gesonderten und ziemlich abwegigen These erkennen: die Engländer als Tätervolk. Wenn das der Preis für Deutschlands neu gefundenen Stolz auf sich selbst ist, dann würde ich vorziehen, dass die Deutschen in ihren alten, wohlbekannten Zustand der Selbstzerfleischung zurückkehren. Lasst uns auf alle Fälle britische Kriegsverbrechen im und außerhalb des Empire diskutieren. Aber nicht, damit sich die Deutschen wegen des Holocaust besser fühlen oder ihn als irrelevant für das deutsche Nationalbewusstsein abtun.

Zum Glück repräsentieren die Neuen Patrioten nicht die öffentliche deutsche Meinung. Sie haben eine Stimmung aufgefangenund ihre Ideen clever gleichzeitig mit der Fußballweltmeisterschaft vermarktet, als jeder Kommentator sich selbst in Schwarz-Rot-Gold hüllte. Reinhard Mohr wertete eine Infratest-Umfrage von 1991 aus. Frage: Wie sollte Deutschland im Jahr 2000 aussehen? Die Deutschen wollten eine nette, offene Republik: 86 Prozent wünschten sich Umweltschutz als Thema Nummer 1. Etwa 75 Prozent der Deutschen hätten eine "Weltmacht Deutschland" nicht akzeptiert.

Hat sich die deutsche Mentalität seit 1991 radikal verändert? Ich glaube nicht. Das Land ist härter, kälter und weniger großzügig geworden. Aber es erinnert sich gedankenvoll und umsichtig an seine Rolle in der Welt. Die WM war ein riesiges mobilisierendes Event, weil die Deutschen sich selbst gern für weltoffen halten; es gibt keine schlimmere Beleidigung, als als provinziell betrachtet zu werden, auch wenn Deutschlands Provinzialität seine versteckte Stärke ist. Wenn die Neuen Patrioten wirklich die Pioniere eines neuen deutschen Stolzes sein wollen, müssen sie anfangen, ihr Volk aufmerksamer zu beobachten, vielleicht auch ihnen zuzuhören.

Deutschland befindet sich im Winter 2007 in einem Prozess der Ent-Klinsmannisierung. Er war ein starker Führer, der alles richtig gemacht hat und nicht länger gebraucht wird; es gibt keine sich hinziehende Sentimentalität in Bezug auf ihn. Der Wendepunkt kam mit dem WM-Film, "Deutschland - ein Sommermärchen" von Sönke Wortmann. Dort wurde Klinsmann gezeigt, wie er hysterisch seine Spieler anschrie, sie dazu drängte, den Polen "den Arsch aufzureißen", was als motivierende Ansprache gemeint war. Ich erinnere mich an die Vorlage für diesen Film: eine Aufzählung des französischen Teams von 1998, welche die ruhige Präsenz des französischen Trainers zeigte, wie er mit jedem einzelnen Spieler über seine jeweiligen Stärken sprach. Im Gegensatz dazu erschien Klinsmann wie ein Drill-Seargent der US Army, ein unnatürliches Wesen. War das die Art von Patriotismus, die Deutschland im Gedächtnis behalten wollte? Ich glaube nicht.

Für die Neuen Patrioten bleibt Klinsmann ein Held: ein Deutscher, der Tabus brechen kann (vor der Kamera unhöflich über die Polen zu sprechen!), weil er weit entfernt wohnt und nicht des stumpfen Nationalismus bezichtigt werden kann. Ein Deutscher, der Erfolge bringt und trotzdem noch weinen kann. Klinsmann hat sich in der Schlacht bewährt, während die Neuen Patrioten den finalen Test des Patrioten scheuen. Würden Sie für ihr Land sterben? Es kommt nicht überraschend, dass Deutsche nicht sterben wollen und dass sie die vielen Auslandseinsätze, von Bosnien bis Afghanistan, nicht mögen und ihnen misstrauen. Als die "Bild"-Zeitung Bilder von deutschen Soldaten druckte, wie sie den ausgeblichenen Schädel eines toten Taliban-Kämpfers hochhielten, reagierten die Leser mit Empörung: Das war der Beweis der tief empfundenen Überzeugung, dass die Kämpfe in der Fremde die guten deutschen Jungs verrohten.

Dennoch ist das Wesentliche sowohl beim alten als auch beim modernen Patriotismus die Bereitschaft, für seine Überzeugungen, seine Gesellschaft und seinen Lebenswandel zu kämpfen. Nicht jeder Soldat liebt sein Land. Aber er hat sich damit einverstanden erklärt, als Stellvertreter für eine Nation zu handeln, und akzeptiert die Notwendigkeit, deren Errungenschaften zu verteidigen.

Klinsmann hat, abgesehen von seiner Hysterie, immer verstanden, dass es ein Teil seines Jobs war, dabei zu helfen, das neue Deutschland zu definieren. Politiker gehen einen ähnlichen Weg, wenn sie ihre Truppen ins Ausland schicken: Es geht um Deutschlands Image, aber ebenso um seine Identität. Und trotzdem will keiner der Neuen Patrioten die Frage von Blut und Identität diskutieren. Hat jemals einer von ihnen eine deutsche Offiziersmesse besucht - und stolz die Regimentsflaggen oder Fotos alter Helden betrachtet? Natürlich nicht. Ihre Aufgabe ist es, einen lockereren deutschen Umgang mit der Nation und ihren Symbolen zu präsentieren und zu predigen, nicht herauszufinden, wie ein Land ohne eine Tradition von Kriegshelden Soldaten in die Schlacht schicken kann.

Die Neuen Patrioten können ihre Trompeten blasen und ihre Trommeln schlagen, aber sie können nicht die Tatsache ignorieren, dass die Deutschen sich nicht länger selbst für ihre Nation opfern wollen. Anders gesagt, deutscher Patriotismus hat sehr klare Grenzen. Es ist eine Sache (wie Florian Langenscheidt vermutet), stolz auf Vivil-Pfefferminzbonbons und Nivea-Creme zu sein; aber eine ganz andere, den eigenen Sohn in der Schlacht zu verlieren.

Die politische Klasse kann keine Opferung für eine Nation verlangen - höchstens das kleinere Opfer von weniger Arbeitslosengeld -, wenn der ausschlaggebende Sinn für die nationale Identität fehlt. Paul Nolte hat Recht: "Eine Nation braucht eine Idee, einen Begriff von sich selbst." Ich bin nicht sicher, ob ich Noltes "Patriotismus der Zukunftsgestaltung und Selbstverbesserung" zustimme. Das klingt so sehr wie ein Schulkonzept für Yuppie-Management, in dem wir alle danach streben müssen, unser Land besser zu machen. Aber wir brauchen tatsächlich ein Konzept für die Nation, das über die Suche nach Heimat hinausgeht.

Die deutsche Heimat kann wegen ihrer geographischen Unbestimmtheit nicht als Grundlage für modernen Patriotismus dienen. Ich glaube, dass die deutsche Version von Heimat in der Kindheit wurzelt, eher in persönlichen Biographien als in Atlanten. Das ist der Grund, warum der Bund der Vertriebenen in diesem Land so viel emotionale Macht hat - ich denke manchmal, dass sie die einzige leidenschaftliche Gruppe in der deutschen Politik sind -; sie betrauern nicht so sehr ein verlorenes Land, sondern vielmehr eine verlorene Kindheit. Das Fernsehen, das die Deutschen auf so vielfältige Weise betrogen hat, hat intuitiv dieses Verlangen nach Aufarbeitung früherer Lebensläufe verstanden. Davon zeugen nicht nur Edgar Reitz' "Heimat" und die vielen Dokumentationen über Flucht und Vertreibung, sondern auch Filme, die sich mit den Problemen beschäftigen, wenn man in der DDR aufgewachsen ist. Ich glaube, dass all das Teil eines kollektiven Versuchs ist, eine gemeinsame nationale Geschichte zu finden: Was für eine Art von Menschen waren wir? Was für Menschen sind wir geworden?

Dieser Untersuchungsbereich gehört eher ins Reich der Psychotherapie als in die Politik oder den essayistischen Diskurs der Feuilletonisten. Das passt natürlich zu der im Ausland weit verbreiteten Ansicht, dass Deutschland eher ein Patient auf der Couch ist als ein aktiver Gestalter seines Schicksals. Vielleicht haben wir Recht; es wäre nicht das erste Mal. Wie auch immer, mein Ratschlag für eine Nation auf der Suche nach sich selbst oder beim Versuch, ihre zerbrochene Kindheit zusammenzuflicken, ist der: Findet eine Aufgabe. Deutschland muss eine zentrale Rolle bei der Integration Europas sowohl des Ostens als auch des Westens spielen. Das ist Deutschlands fundamentalstes Interesse; eine Anerkennung der Geschichte, der Geographie und der Zukunft. Wir könnten es sogar eine historische Mission nennen.

Aber Deutschland ist so mit seinen häuslichen Problemen beschäftigt, echten und imaginären, dass es die ernsthafte europäische Politik vernachlässigt. Konzentriert Euch wieder auf Europa, auf ein starkes Deutschland in einem starken Europa, und dieses patriotische Geplapper erledigt sich von selbst. Gott schütze mich; es gibt heutzutage sogar Momente, in denen ich Helmut Kohl vermisse. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Satz jemals schreiben würde.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Heike Cornelsen, Berlin. Vom Autor soeben erschienen: My dear Krauts. Ein Engländer entdeckt die Deutschen, Berlin 2006.