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21.12.2006 | Von:
Yves Bizeul

Nationalismus, Patriotismus und Loyalität zur offenen Republik

Gern erklärt man den guten demokratischen Patriotismus als Gegengift zum schlechten Nationalismus. Aber was steckt eigentlich in diesen Begriffen? Yves Bizeul geht ihrer Ideengeschichte nach.

Einleitung

Gegenwärtig wird in Deutschland der "gute" Patriotismus oft vom "schlechten" Nationalismus getrennt. Davon erhofft man sich, die nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Unsicherheit beim Umgang mit der eigenen Nation teilweise zu überwinden und die Zuneigung zum eigenen Land in einer politisch-korrekten Sprache auszudrücken. Der Patriotismus soll zudem helfen, die infolge der Überwindung der großen politischen Ideologien entstandene Sinn- und Orientierungslücke wieder zu kitten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer von Individualisierung, Globalisierung und hoher Veränderungsgeschwindigkeit geprägten Welt zu stärken. Die in der Berliner Republik wieder salonfähig gewordene Vaterlandsliebe soll - im Gegensatz zum früheren aggressiven Nationalismus - eine aufgeklärte, friedliche und demokratische Loyalität zur Nation sein.






In der Tat hat der Patriotismus den großen Vorteil, eine Einstellung bzw. Empfindung zu sein, die kompatibel ist mit einer republikanischen bzw. demokratischen politischen Kultur, in der die Ideen der gegenseitigen Solidarität und einer aktiven politischen Teilhabe hochgehalten werden.[1] Er wird von Otto Dann als "ein gesellschaftlich-politisches Verhalten" definiert, "bei dem nicht die eigenen oder Gruppeninteressen im Vordergrund stehen - wie zumeist in der Politik -, sonderndie Gesellschaft als Ganzes, der Staat, die Umwelt, d.h. in älteren Begriffen: das 'bonum commune' (Gemeinwohl), das Wohl des Vaterlandes (patria)."[2] Der Patriotismus ist politische Tugend und Leidenschaft zugleich, eine tätige Liebe zur politischen Gemeinschaft ("caritas rei publicae") und zu den anderen Staatsbürgern ("caritas civium"),[3] die sich nur in einem moralischen Umfeld entfalten kann.[4] Gerade dies macht ihn in unserer Welt, in der der Ruf nach Moral und Tugendhaftigkeit immer stärker hallt, attraktiv.

Patriotismus und Nationalismus lassen sich voneinander unterscheiden, wenn man wie Ernest Gellner unter Nationalismus "eine Form des politischen Denkens" versteht, "die auf der Annahme beruht, dass soziale Bindung von kultureller Übereinstimmung abhängt".[5] Es handelt sich dann um eine kulturalistische Ideologie, die im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - vor allem in nicht republikanischen Ländern bzw. in nicht republikanischen Milieus - die früheren Ideen des Patriotismus und des Kosmopolitismus verdrängt hat. Damals hatte der Nationalismus ausgeprägt mystische Züge. Er war ein Ersatz für die durch Aufklärung und Säkularisierung geschwächten Religionen,[6] bevor er von totalitären Ideologien abgelöst bzw. instrumentalisiert wurde.

Der Nationalismus hat in der Vergangenheit zu - von oben gesteuerten oder von unten implodierenden - Ausbrüchen irrationaler Gewalt geführt, die zu Massenzerstörungen und Massenmorden von bisher unbekanntem Ausmaß ausuferten. Der Nationalismus ermöglichte außerdem im Innern zusammen mit dem Rassismus eine systematische "Ausschließungspraktik".[7] Nicht zu Unrecht betrachtet Peter Sloterdijk die Nation als eine durch zentral gesteuerte Kommunikation erzeugte Stress- und Erregungsgemeinschaft, die sich selbst mit Hilfe von Hysterien und Paniken fortwährend in eine fürihrÜberleben notwendige Spannung versetzt.[8]

Für besonders viel Stress sorgt die Definition der Nation als homogene kulturelle Einheit. Dabei ist historisch gesehen die Nation weniger das Erzeugnis einer gemeinsamen Kultur bzw. eines gemeinsamen Codes als dessen Voraussetzung gewesen. Die "Erfindung der Nation"[9] hat einen tief greifenden kulturellen Integrationsprozess samt der dazu gehörenden Abgrenzung in Gang gesetzt,[10] der eine "Überwindung sippenförmiger, kastenförmiger, patriarchalischer und ständischer Partikularismen" mit sich brachte.[11] Autochthone und eingewanderte kulturelle Minderheiten wurden - nicht selten unter Zwang - in das eingegliedert, was Will Kymlicka die territorial verdichtete "dominante gesellschaftliche Kultur" nennt; und dies nicht nur in Staaten mit einem ausgeprägten assimilatorischen Verständnis des Nationalen wie Frankreich, sondern auch in traditionellen Einwanderungsgesellschaften wie den Vereinigten Staaten von Amerika oder Australien.[12] Von den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern erwartete man in aller Regel, dass sie die Mehrheitssprache lernten, das kollektive Gedächtnis der Nation - samt dessen Verdichtung in Erinnerungsorten - verinnerlichten und sich dominanten Wert- und Normeinstellungen und Verhaltensweisen anpassten. In den einzelnen Nationalstaaten ist so aus dem Schmelztiegel der einheimischen und fremden Kulturen allmählich eine stets im Wandel begriffene Mehrheitsmischkultur entstanden, die für die Einwohner eines Landes verpflichtend war. Der so entstandene gemeinsame Code ermöglichte eine ausgedehnte Komplementarität der sozialen Kommunikation.[13] Die kulturelle Integration erwies sich auch als Grundvoraussetzung für eine sich in Umverteilungsmaßnahmen äußernde Solidarität zwischen den in unterschiedlichen Schichten und Regionen mit ungleicher Wirtschaftskraft lebenden Bürgern.

Die Vertreter der Idee der Kulturnation haben die im Laufe der Nationenbildung entstandene gemeinsame Kultur in eine mythische Vergangenheit hineinprojektiert.[14] Die Nation wurde dann als eine ursprüngliche und in sich geschlossene kulturelle Wesenseinheit verstanden, die gegen eine Außenwelt, die stets deren Eigenart zu "verunreinigen" droht, geschützt werden soll. Solch ein nie endendes Ringen um den Erhalt bzw. die Wiederherstellung einer mythischen ursprünglichen Reinheit der eigenen Kultur hat Menschen für rassistische Wahnvorstellungen anfällig gemacht. Zugleich wurde die eigene Kultur oft als ursprünglicher und großartiger als die der anderen bewertet, als eine Art weltliches Heilmittel, an dem die ganze Welt genesen sollte.

Es ist kein Zufall, dass die in Deutschland tief verwurzelte kulturalistische Definition der Nation den Weg für den mörderischen Nationalsozialismus gebahnt hat. Die Gründe für das deutsche Bekenntnis zur subjektiven, sprachlich-geistigen Kulturnation, das später sowohl eine objektive und letztendlich auch eine rassistische Dimension erhielt, sind hinreichend bekannt: Die Deutschen bildeten nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und der späten Durchsetzung der kleindeutschen Lösung lange eine "Sprachgemeinschaft" ohne Staat. Deutschland war infolgedessen eine "verspätete Nation" - oder besser ein verspäteter Nationalstaat.[15] Die "Kleriker" und die intellektuellen Fürsprecher des neuen Nationalismus wurden durch eine kränkelnde Aristokratie von der Politik ferngehalten und übernahmen aus diesem Grund eine partikulare Sicht des Nationalen.[16] Außerdem wurde eine durch Religion und Mythen saturierte Kultur überhöht.

Freilich warnen deutsche Wissenschaftler wie Otto Kallscheuer und Claus Leggewie vor einer zu groben Vereinfachung dieser Fragestellung. Sie sehen in Herder in erster Linie einen aufgeklärten Kosmopoliten und in Fichte einen republikanischen Jakobiner und listen die vielen deutschen Verfechter eines weltoffenen Patriotismus auf. Am Ende ihrer Studie müssen jedoch auch sie zugeben, dass es eben doch einen deutschen "Sonderweg" in dem Verständnis, was eine Nation sei, gegeben hat.[17]

Fußnoten

1.
Der Begriff "Patriotismus" ist im englischen und deutschen Sprachraum erst im frühen 18. Jahrhundert entstanden - vgl. Reinhart Koselleck, Patriotismus. Gründe und Grenzen eines neuzeitlichen Begriffs, in: Robert von Friedeburg (Hrsg.), "Patria" und "Patrioten" vor dem Patriotismus. Pflichten, Rechte, Glauben und die Rekonfigurierung europäischer Gemeinwesen im 17. Jahrhundert, Wiesbaden 2005, S. 535 - 552. Die Tugenden der Freundschaft zwischen Staatsbürgern bzw. der "amor patriae" wurden allerdings schon in der antiken Polis und im republikanischen Rom für bestimmend für eine gute Politik gehalten. Man findet die "amor patriae" auch in Schriften des Mittelalters. Sie erhielt jedoch erst unter den Republikanern der Frühen Neuzeit und der Neuzeit wieder eine zentrale Bedeutung.
2.
Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland: 1770 - 1990, München 19963, S. 16.
3.
Vgl. Maurizio Viroli, Die Idee der republikanischen Freiheit. Von Machiavelli bis heute, Zürich-München 2002, S. 100.
4.
Vgl. Alasdair MacIntyre, Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart, Frankfurt/M. 1995, S. 338.
5.
Ernest Gellner, Nationalismus, Kultur und Macht, Berlin 1999, S. 3.
6.
Vgl. Carlton J. H. Hayes, Nationalism. A Religion, New York 1960; Hans Ulrich Wehler, Nationalismus, Geschichte, Formen, Folgen, München 2001, S. 32f.; Friedrich Wilhelm Graf, Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur, Bonn 2004, S. 116ff.
7.
Vgl. Gerd Wiegel, Nationalismus und Rassismus. Zum Zusammenhang zweier Ausschließungspraktiken, Köln 1995; Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.
8.
Vgl. Peter Sloterdijk, Die Nation als Stressgemeinschaft, in: Die Zeit vom 2. 1. 1998, S. 9 - 12.
9.
Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/M.- New York 1996.
10.
Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000, S. 41.
11.
Richard Münch, Die Struktur der Moderne. Grundmuster und differentielle Gestaltung des institutionellen Aufbaus der modernen Gesellschaften, Frankfurt/M. 1992, S. 267.
12.
Will Kymlicka, Multikulturalismus und Demokratie. Über Minderheiten in Staaten und Nationen, Hamburg 1999, S. 21ff.
13.
Vgl. Karl W. Deutsch, Nationenbildung, Nationalstaat, Integration, Düsseldorf 1972.
14.
Vgl. die Unterscheidung zwischen dem so genannten "static" bzw. "territorial-civic nationalism" politischer Prägung und dem ethnisch-kulturalistischen "cultural nationalism" in: Chaim Gans, The Limits of Nationalism, Cambridge 2003, S. 8.
15.
Vgl. Helmuth Plessner, Die verspätete Nation, Frankfurt/M. 1974.
16.
Vgl. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Bd. 1, Frankfurt/M. 199519, S. 36ff.
17.
Vgl. Otto Kallscheuer/Claus Leggewie, Deutsche Kulturnation versus französische Staatsnation? Eine ideengeschichtliche Stichprobe, in: Helmut Berding (Hrsg.), Nationales Bewußtsein und kollektive Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 2, Frankfurt/M. 1994, S. 112 - 162. Vgl. hierzu auch Dieter Oberndörfer, Deutschland ein Mythos? Von der nationalen zur postnationalen Republik, in: Yves Bizeul (Hrsg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen, Berlin 2000, S. 161 - 196.