APUZ Dossier Bild

21.12.2006 | Von:
Yves Bizeul

Nationalismus, Patriotismus und Loyalität zur offenen Republik

Prioritätensetzung zwischen Patriotismus und Nationalismus

Die entscheidende Frage lautet letztendlich nicht, ob es einen Patriotismus in Reinform geben soll, sondern ob ihm Vorrang vor dem Nationalismus eingeräumt wird oder ob er zu diesem Zwecke instrumentalisiert wird. Mit anderen Worten: Steht die "patria civitatis" (das staatsbürgerliche Vaterland) über der "patria naturae" (dem natürlichen Vaterland), um auf die Begrifflichkeit Ciceros zurückzugreifen,[32] und wird die Nation zuallererst als eine offene Gemeinschaft von freien Staatsbürgern verstanden oder als eine in sich geschlossene kulturelle bzw. Abstammungsgemeinschaft? Es geht also um die richtige Prioritätensetzung zwischen Patriotismus und Nationalismus und nicht um ein völliges Ausschließen nationalistischer und kulturalistischer Empfindungen im Patriotismus.

Angela Merkel ordnete - zumindest auf der Ebene des Diskurses - die Prioritäten nicht richtig, als sie in einem Zeitungsinterview den Patriotismus als "das Bekenntnis zur Geschichte der Nation, mit ihren Höhen und Tiefen, zur Kultur und Sprache des Landes, zu den Liedern, zu den Landschaften und Regionen, zu den Menschen mit ihren Leistungen" verstand und erst dann auf die republikanische Definition des Wortes zu sprechen kam: "Patriotismus bedeutet für mich aber auch darüber hinaus, nicht nur auf das persönliche Wohlergehen zu schauen, sondern sich dafür einzusetzen, dass das eigene Land vorankommt, dass Deutschland auch im Ausland als Erfolgsmodell angesehen wird."[33] Zu Recht hat Merkel infolge der umstrittenen Rede des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann vom 3. Oktober 2003 die Notwendigkeit einer offenen Patriotismus-Debatte betont. Allerdings wurde diese bis heute nicht ernsthaft geführt. In Anbetracht der neueren deutschen "Leitkultur"-Schwärmerei scheint die Justierung von Patriotismus und Nationalismus in Deutschland heute offensichtlich noch Probleme zu bereiten.

Davon zeugt auch das Thesenpapier der sächsischen CDU "Deutscher Patriotismus in Europa", das auf dem 19. Landesparteitag am 5. November 2005 beschlossen wurde.[34] In diesem Text wird Patriotismus vor allem als Heimatliebe und Lokalpatriotismus verstanden. Die Autoren knüpfen an die Tradition der deutschen Romantik an und machen die Gemeinschaftsgefühle, die Kultur der Gebildeten und die tradierten Wertesysteme zur Grundlage eines weitgehend kulturalistisch verstandenen Patriotismus. Ihre Anklage gegen die Anglizismen im Sprachgebrauch und die "Mischmaschsprache ,Denglisch`" verrät eine Sehnsucht nach einer Reinheit der Sprache und der Kultur, die es so nie gegeben hat.[35] Trotz Zustimmung zum Gedanken des liberalen Soziologen Ralf Dahrendorf, wonach Patriotismus die "Voraussetzung des Weltbürgertums" sei,[36] und trotz des Lippenbekenntnisses zur Staatsnation sowie der eindeutigen Kritik von Nationalismus und Chauvinismus[37] sind hier nationale und regionale Identitätsgefühle im Verständnis des Patriotismus übergewichtet.

Dass eine verkehrte Prioritätensetzung fatale Folgen nach sich ziehen kann, musste man in der Vergangenheit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich schmerzlich erfahren. Dies wird am Fallbeispiel des französischen Neoroyalisten Charles Maurras deutlich. In einem in der Zeitschrift "Le Soleil" vom 2. März 1900 erschienenen Aufsatz benutzte Maurras, um den modernen "integralen Nationalismus" - der Begriff stammt von ihm - zu beschreiben, die Sprache des alten Patriotismus und verlangte vom Bürger in Anlehnung an das alte Rom, dass er "seine Gefühle, seine Interessen und sein Lehrgebäude dem Wohle des Vaterlandes unterordnet".[38] Jedoch wird der Patriotismus in der Schrift zu einem aggressiven Chauvinismus. Maurras' Bewunderung gilt hier den Römern und den von ihm sonst verachtetenEngländern, die, angespornt durch den Nationalismus, konsequent und gewaltsam Machtpolitik betrieben haben. Angesichts der folgenschweren Umdeutung des Patriotismus in einen neodarwinistischen Nationalismus ist es nicht erstaunlich, dass Maurras während des Zweiten Weltkriegs zum Apologeten desmit NS-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regimes wurde.

Fußnoten

32.
Marcus Tullius Cicero, De legibus II, 5.
33.
Interview "Die Deutschen sind zu pessimistisch", Ohne Bekenntnis zur Nation ist Europa nicht denkbar, in: Die Welt vom 9. 11. 2004, S. 7.
34.
Vgl. www.cdu-sachsen.de/de/partei/Landesparteitage/19_LPT/Patriotismuspapier/ (19. 9. 2006).
35.
Ebd., S. 10.
36.
Ebd., S. 7 ff.
37.
Vgl. ebd., S. 3.
38.
Charles Maurras, Was ist der integrale Nationalismus?, in: Robert-Hermann Tenbrock/Kurt Kluxen/Werner Grütter/Günther Lottes (Hrsg.), Zeiten und Menschen, Ausgabe Q, Nationalstaat und Nationalismus im 19. Jahrhundert, bearb. v. Hartwig Brandt/Werner Grütter, Paderborn 1981, S. 75f.