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12.12.2008 | Von:
Karl Gabriel

Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter

Die Säkularisierungsthese

Was heißt Säkularisierung? Von der Begriffsgeschichte kommt eine Übersetzung mit "Verweltlichung" oder "Verdiesseitigung" dem Begriffsverständnis am nächsten. Die Geburtsstunde des Begriffs in religiös-politischen Zusammenhängen schlägt am 8. Mai 1646 in Münster. Während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden erfindet der französische Gesandte Henry d'Orleans den Begriff, um das zu kennzeichnen, was mit dem Kirchengut in der Hand der protestantischen Kriegspartei geschehen war.[2] Auf den Bezug zur Überführung von Kirchengut in weltliche Hände greift man 1803 im Reichsdeputationshauptschluss zurück. In einer Fürstenrevolution teilen die deutschen Fürsten den kirchlich-geistlichen Besitz unter sich auf und beenden damit das Heilige Römische Reich und die mittelalterliche Reichskirche, deren Bischöfe gleichzeitig Reichsfürsten waren. Die umstritten gebliebene Legitimation der Säkularisierung von 1803 bildet den Nährboden dafür, dass der Begriff im 19. Jahrhundert zu einem ideenpolitischen Kampfbegriff wird. In den Kulturkämpfen des 19. Jahrhunderts schreiben sich zunächst die Liberalen den Begriff auf ihre Fahnen, um den Einfluss der katholischen Kirche auf den Feldern von Schule, Bildung und Wissenschaft zurückzudrängen. Als Gegenreaktion setzt die katholische Seite die Säkularisierungsbestrebungen mit einem großen, schon mit der Reformation beginnenden Abfall von Gott gleich. Die Liberalen geben die ideenpolitische Fahne der Säkularisierung schon zum Ende des 19. Jahrhunderts an die sozialistischen und kommunistischen Bewegungen weiter. Als Teil der Staatsideologie sozialistischer Regime reicht der Kampfbegriff der Säkularisierung bis in unsere Tage hinein. Unter dem Banner aktiver Säkularisierung wurden in der DDR seit Mitte der 1950er Jahre die Religion und ihre Anhänger stigmatisiert und aus dem öffentlichen Leben entfernt. In keinem Punkt - so heißt es heute zu Recht - war das SED-Regime so erfolgreich wie in seiner Religionspolitik als aktive Säkularisierungspolitik. In wenigen Jahren sank die Kirchenmitgliedschaft in der DDR von über 90 auf unter 30 Prozent. Bis heute gelten die ostdeutschen Bundesländer als eine der säkularisiertesten Regionen nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt.[3]

Auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lässt sich die Geburtsstunde des wissenschaftlichen Begriffs der Säkularisierung datieren. Er spielt in der Entstehungsphase der modernen Soziologie insgesamt wie auch der Religionssoziologie eine zentrale Rolle. Hatte man vor Max Weber und Emile Durkheim die Soziologie gewissermaßen als Ersatz für die Religion zu begründen versucht, so setzen beide an den Platz einer ,Soziologie anstelle von Religion die Religionssoziologie.[4] Schon bei Max Weber entsteht eine höchst elaborierte Konzeption von Säkularisierung, obwohl er den Begriff so gut wie nicht benutzt. Weber treibt Zeit seines Lebens die Frage um, wie der moderne Kapitalismus, der bürokratische Staat und die moderne Wissenschaft entstehen konnten - und: warum sie im westlichen Europa und nur hier zum Durchbruch kamen. Das westliche Christentum - so die Antwort Webers - beschreitet einen Sonderweg.[5] Das jüdische und christliche Erbe von Prophetie und Heilsreligion setzt im westlichen Christentum einen Prozess der schrittweisen Entzauberung der Welt in Gang. Mittelalterlicher Katholizismus, Luthertum und schließlich der Calvinismus bedeuten Schritte auf einem Weg, an dessen Ende die Welt jeden Zauber von Heilsbedeutsamkeit verliert. So kann sie rückhaltlos Gegenstand rationaler Wissenschaft, rationalen Betriebskapitalismus und rational-bürokratischer Herrschaft werden. Für Weber konnte die moderne, auf Weltbeherrschung zielende Rationalität nur über die Religion ihren Siegeszug beginnen. Sie war für ihn die Lebensmacht aller vormodernen Gesellschaften schlechthin. Einmal - an den Rockschößen der Religion hängend - zum Durchbruch gekommen, kehrt sich für Weber das Verhältnis von moderner Rationalität und Religion um. Die Religion überlebt in der modernen, rationalen Welt bestenfalls im - wie er sich ausdrückt - "hinterweltlichen Reich mystischen Lebens oder in der Brüderlichkeit unmittelbarerer Beziehungen der einzelnen zueinander".[6] Zur Macht gekommen, benötigt der Kapitalismus die Religion nicht mehr. Säkularisierung als Rationalisierung der Welt bleibt für Weber nicht auf den Ort ihres ersten Durchbruchs im westlichen Europa beschränkt. Es ist für ihn nicht anders denkbar, als dass sie von Europa aus ihren Siegeszug über die ganze Welt antritt.

Säkularisierung ist nach Max Weber in erster Linie eine kulturelle Transformation. Der westliche Sonderweg hat aber auch bei Weber schon eine strukturelle Seite. Schon seit dem Investiturstreit beanspruchen Papst- und Kaisertum eigene, autonome Wertsphären für sich, die den jeweils Anderen in seine Schranken verweisen. Die Wissenschaft löst sich von religiösen Vorgaben und erhebt den Anspruch, die eigentliche Produzentin von Wahrheit zu sein. Mit dem Kapitalismus schließlich entsteht ein wirtschaftlicher Wertekosmos, an dem alle Maximen einer christlichen Brüderlichkeitsethik hoffnungslos abprallen müssen. Die Grundzüge der Säkularisierungsthese sind damit tief in die Ursprünge der Soziologie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eingelassen. Sie macht einen Teil der disziplinären Identität des Faches aus. Der weitere Ausbau der These erfolgt in drei eng aufeinander bezogene Richtungen. Webers Entdeckung des Kampfs der Wertsphären in modernen Gesellschaften wird in der Theorie funktionaler Differenzierung entfaltet. Säkularisierung erhält hier die Bedeutung der Trennung und Ablösung der gesellschaftlichen Funktionsbereiche von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. von der Religion. Seit den 1930er Jahren wird die Religion zum Gegenstand der neu entstehenden empirischen Sozialforschung. Sie wendet sich dem Messbaren an der Religion zu: Kirchgangshäufigkeit, massenstatistische Befragungen zu Gottesglauben, Befolgung kirchlicher Moralvorschriften und Vertrauen zur Institution Kirche. Die empirische Sozialforschung belegt seither, dass die so gemessene Religiosität bzw. Kirchlichkeit in lang- wie kurzfristiger Perspektive abnimmt. Sie stellt bis heute einen signifikanten Zusammenhang mit typischen Merkmalen moderner Gesellschaften wie Industrialisierung, Urbanisierung und Höhe des Bildungsgrads her. Die Säkularisierung als Rückgang des Glaubens auf individueller Ebene erhielt damit den Charakter einer vielfach bestätigten empirischen Tatsache. Noch in eine dritte Richtung erfährt die Säkularisierungsthese einen weiteren charakteristischen Ausbau: Religion wird in modernen Gesellschaften als Phänomen der Privatsphäre begriffen. Während die dominierenden Institutionen des öffentlichen Lebens nach säkularen, rationalen Maximen funktionieren, bleibt der Religion das Reich des Privaten. Sie wird privatisiert, individualisiert und verwandelt sich in einen Gegenstand individueller Wahlvorgänge.[7]

Der Einfluss der Säkularisierungsthese reicht weit über die Soziologie hinaus. Man übertreibt kaum, wenn man sagt, die Säkularisierungsthese sei die dominierende Kategorie der Selbstverständigung des 20. Jahrhunderts, zumindest unter den Intellektuellen Europas. Die aufstrebenden Naturwissenschaften können sich auf sie berufen, und alle Geisteswissenschaften sind von ihr imprägniert. Auch die Geschichte der Theologie des 20. Jahrhunderts, die evangelische wie die katholische, lassen sich nicht begreifen ohne Bezug zum Horizont dieser These.

Fußnoten

2.
Vgl. Richard Schröder, Säkularisierung: Ursprung und Entwicklung eines umstrittenen Begriffs, in: Christina von Braun/Wilhelm Gräb/Johannes Zachhuber (Hrsg.), Säkularisierung. Bilanz und Perspektiven einer umstrittenen These, Berlin 2007, S. 62.
3.
Vgl. Detlef Pollack, Säkularisierung - ein moderner Mythos?, Tübingen 2003, S. 77 - 131.
4.
Vgl. Hartmann Tyrell, Von der Soziologie statt Religion zur Religionssoziologie, in: Volkhard Krech/Hartmann Tyrell (Hrsg.), Religionssoziologie um 1900, Würzburg 2003, S. 79 - 127.
5.
Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 19889 (zuerst 1920).
6.
Vgl. ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 19856, S. 612.
7.
Vgl. Thomas Luckmann. Die unsichtbare Religion, Frankfurt/M. 1991.