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12.12.2008 | Von:
Karl Gabriel

Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter

Die Säkularisierungsthese in der Kritik

Die Kritiker der Säkularisierungsthese gewinnen heute auf verschiedenen Ebenen an Boden. Zuerst trifft es die Annahme, mit der Säkularisierung habe man wissenschaftlich einen gesellschaftlichen Prozess identifiziert, der notwendig und zielgerichtet verlaufe und zwangsläufig auf ein Ende der Religion zusteuere. Ausgenommen einige versprengte kämpferische Atheisten - heute zumeist in einem biologistischen und naturalistischen Gewand - vertritt die Säkularisierungsthese als Teleologie, als Ziel von Geschichte und Gesellschaft, eigentlich niemand mehr. Ein zweites Feld der Kritik betrifft den inhärenten Eurozentrismus der Säkularisierungsthese. Die These ist im westlichen Europa entstanden und zeigt sich in die weltanschaulichen Frontstellungen, wie sie sich nur in Europa entwickelten, tief verstrickt. Im Verhältnis zur übrigen Welt nährte sie zudem den Glauben an eine überlegene Mission Europas für die ganze Welt. In den Vereinigten Staaten hat sich die Säkularisierungsthese nie voll entfalten können, und heute sieht sich die Mehrheit der amerikanischen Religionssoziologen im Recht, wenn sie sagt, bei der Säkularisierungsthese handele es sich um ein typisch europäisches Produkt. Eine These, die für die USA nicht taugt, wird aber schwerlich geeignet sein, etwas Entscheidendes über moderne Gesellschaften auszusagen. Dass die Säkularisierungsthese eine eurozentrische Dimension besitzt, wird heute kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen.

Aus der Soziologie selbst hat der spanisch-amerikanische Soziologe José Casanova vor über zehn Jahren viele kritische Argumente zur Säkularisierungsthese gebündelt und mit Wucht vorgetragen.[8] Das Hauptproblem der Säkularisierungsthese sieht Casanova darin, dass sie in problematischer Weise Aussagen zur funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, zur Abnahme individuellen Glaubens und zur Privatisierung der Religion zu einer einzigen These unentwirrbar miteinander verschränke. Die drei Prozesse müssen aus seiner Sicht als einzelne betrachtet werden. Hatte Casanova in den 1990er Jahren zumindest noch den Prozess der funktionalen Differenzierung als konstitutiv für moderne Gesellschaften angesehen, so rückt er heute auch davon ab. Für die Entwicklungen im Verhältnis von Religion und Politik zum Beispiel sei die Säkularisierungsthese im Sinne funktionaler Differenzierung wenig instruktiv. Fruchtbarer sei es, von einer Vielzahl verschiedener Modelle wechselseitiger Tolerierung von Religion und Politik auszugehen.[9] Offenkundig sei, dass mit Prozessen der Modernisierung nicht notwendig der Rückgang individuellen Glaubens verbunden sein müsse. Außer für den Westen Europas treffe dies empirisch einfach nicht zu. Am Beispiel so unterschiedlicher Phänomene wie der islamischen Revolution im Iran, der Befreiungstheologie in Lateinamerika, der Solidarnoscbewegung in Polen und der religiösen Rechten in den USA kann Casanova überzeugend belegen, dass auch von einem zwangsläufigen Zusammenhang von Modernisierung und Privatisierung der Religion nicht ausgegangen werden kann.

Mit der In-Frage-Stellung der Säkularisierungsthese ist eine wissenschaftliche Revolution verbunden. Ist doch - so hatten wir gesehen - die These tief in die gesamte Wissenschaftskultur der Moderne als Hintergrundannahme eingelassen. Für das Verhältnis von Religion und Politik trifft dies in besonderem Maße zu. Deshalb ist es sinnvoll, das alte Thema Religion und Politik interdisziplinär und durch die historischen Epochen hindurch erneut auf die wissenschaftliche Agenda zu setzen.[10]

Fußnoten

8.
Vgl. José Casanova, Public Religions in the Modern World, Chicago-London 1994.
9.
Vgl. ders., Public religions revisited, in: Hermann-Josef Große Kracht/Christian Spieß (Hrsg.), Christentum und Solidarität (FS Karl Gabriel), Paderborn-München-Wien-Zürich 2008, S. 320 - 329.
10.
Dazu bietet das Exzellenzcluster "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne" an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster eine gute Chance.