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12.12.2008 | Von:
Karl Gabriel

Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter

Die These von der Wiederkehr der Götter

Auch die These von der "Wiederkehr der Götter" kann auf Max Weber Bezug nehmen. In der aufgewühlten Situation des Jahres 1917 in München formuliert er in einem berühmt gewordenen Vortrag zum Thema "Wissenschaft als Beruf": "Die alten, vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf."[11] Der siegreiche, moderne Kapitalismus - so Weber schon 1904 am Ende der "Protestantischen Ethik" - ist zu einem "stahlharten Gehäuse" geworden. "Niemand weiß noch," - so verweigert er sich einer Prognose - "wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden (...)".[12]

Sind wir heute am Ende der ungeheuren Entwicklung angekommen, die Weber mit den Begriffen "Rationalisierung", "Intellektualisierung" und "Entzauberung der Welt" gekennzeichnet hatte? Anzeichen dafür lassen sich leicht zusammentragen: Zwei religiöse Expansionsbewegungen machen gegenwärtig weltweit auf sich aufmerksam. Das pfingstlerische Christentum wächst augenblicklich an vielen Stellen der Welt mit einer erstaunlichen Dynamik.[13] Dies trifft für große Teile Ostasiens zu, China eingeschlossen. Mit atemberaubendem Tempo nimmt die Zahl der charismatischen Gruppen schon seit einigen Jahren in Lateinamerika zu. Auch das südliche Afrika ist Schauplatz einer Expansion charismatischen Christentums. Mit Evangelikalen und katholischen Charismatikern überschreitet die Bewegung typischer Weise auch die Konfessionsgrenzen.

Die zweite weltweite religiöse Expansionsbewegung ist uns in Europa präsenter: die des Islam.[14] Dabei machen Europa und der Nahe Osten nicht einmal den vorrangigen Ort islamischer Expansion aus. Indonesien ist inzwischen das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt. Außer in Ostasien und unter den Migrantinnen und Migranten Europas wächst der Islam auch in Schwarzafrika. Von einem sich von Westeuropa ausbreitenden Prozess der Säkularisierung im Sinne des Verschwindens von Religion ist augenblicklich wenig in der Welt zu spüren. Im Gegenteil: Die Religion ist in vielen Teilen der Welt eindeutig auf dem Vormarsch. Dass in den Vereinigten Staaten die Uhren in dieser Hinsicht nach wie vor anders gehen als im westlichen Europa, darauf war oben schon hingewiesen worden. Bleibt der Blick auf das westliche Europa als Region der Säkularisierung: Auch hier sind neuerdings Stimmen zu hören, die auch für Europa eine Wiederkehr der Religion, zumindest der individuellen Religiosität und religiösen Erfahrung, der Spiritualität als zeitgemäße Form der Religion behaupten. So bezieht sich etwa Hubert Knoblauch zunächst auf das - wie er formuliert -"erstaunliche Anwachsen bestimmter religiöser Formen, insbesondere der evangelikalen, pfingstlerischen und charismatischen Bewegungen"[15] vornehmlich außerhalb Europas. Als gemeinsamen Kern der christlichen Wachstumsbewegungen macht er die zentrale Bedeutung der unmittelbaren religiösen Erfahrungen aus, die den Kontakt zum Göttlichen ohne eine institutionelle Vermittlung herstelle. Ein analoges Muster entdeckt Knoblauch in den verschiedenen Formen alternativer Religiosität in Europa. Deshalb könne man in dieser Hinsicht durchaus von einer erkennbaren religiösen Dynamik auch in europäischen Gesellschaften sprechen. Diese individualisierte Religiosität lasse sich zwar naturgemäß nicht in Zahlen ausdrücken, erhalte aber dennoch heute eine neue Sichtbarkeit, und zwar auf zweifache Weise. Zum einen mache sich die Religion im öffentlichen politischen Raum bemerkbar, zum anderen komme es zu einem massiven Eindringen religiöser Themen in die populäre Kultur. Knoblauch spricht von einem neuen "hallenden Diskursraum des Religiösen, in dem sich selbst diejenigen Subjekte positionieren, die dezidiert areligiös sind".[16] Die Entzauberung habe deshalb gar nicht stattgefunden, die Moderne habe lediglich die Kirchen strukturell entmachtet und die Form der Religion verändert.

Fußnoten

11.
M. Weber (Anm. 6), S. 605.
12.
Ders. (Anm. 5), S. 204.
13.
Vgl. Stephen Hunt/Malcom Hamilton/Tony Walker (Eds.), Charismatic Christianity. Sociological Perspectives, New York 1997.
14.
Vgl. Werner Ende/Udo Steinbach (Hrsg.), Der Islam in der Gegenwart, München 20055.
15.
Hubert Knoblauch, Die Wiederkehr der Religionen? Statement im Rahmen des Workshops "Wiederkehr der Religionen" der Initiative Pro Geisteswissenschaften in Münster, 19 - 21.10. 2006, S. 3. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von H. Knoblauch in diesem Heft.
16.
Ebd., S. 6.