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12.12.2008 | Von:
René Schlott

Der Papst als Medienstar

Johannes Paul II. war der mediale Superstar unter den Päpsten. Doch schon seine Vorgänger wussten die massenmedialen Möglichkeiten ihrer Zeit für sich zu nutzen. Der Medienstar Benedikt XVI. steht in einer langen Tradition.

Einleitung

Bei 250 Pastoralreisen besuchte er 128 Länder der Erde. Dabei legte er schätzungsweise 1,3 Millionen Kilometer zurück und umrundete die Erde mehr als 30 Mal. Ungefähr 18 Millionen Menschen begegnete er allein bei seinen wöchentlichen Generalaudienzen in Rom. Mehr als 1000 Mal traf er mit Politikern aus aller Welt im Vatikanpalast zusammen. 200 Staats- und Regierungschefs und fast vier Millionen Gläubige pilgerten nach seinem Tod in die Ewige Stadt.


Wahrscheinlich war er der meistfotografierte und -gefilmte Mensch der Geschichte. Womöglich ist nie zuvor ein Einzelner mit so vielen Menschen in Kontakt getreten: unmittelbar durch die Begegnung auf Audienzen oder Reisen, mittelbar über die Massenmedien. Mehr als zwei Milliarden Zuschauer sollen allein sein Requiem an den Fernsehbildschirmen verfolgt haben. Das Institut "Global Language Monitor" hat über 100 000 Zeitungsartikel und zwölf Millionen Internetzitate gezählt, die weltweit anlässlich seines Todes erschienen sind.[1]

Er war der Papst der Superlative und ein medialer Superstar. Die Rede ist von Karol Wojtyla, dem "Great Communicator",[2] der als Papst Johannes Paul II. fast 27 Jahre lang an der Spitze der katholischen Kirche stand.

Die Päpste und die Medien

Als der polnische Kardinal am 16. Oktober 1978 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde, gehörte zu einer seiner ersten Amtshandlungen eine Audienz für 1500 Medienvertreter. Von diesem besonderen Empfang berichtete die "Sunday Times", dass die eigentliche Ansprache des neuen Papstes nur 13 Minuten gedauert, Johannes Paul II. die Audienzhalle aber erst nach weiteren 50 Minuten verlassen habe. Entgegen den vatikanischen Gepflogenheiten gab der neue Papst nämlich einigen der anwesenden Journalisten nach seiner vorbereiteten Rede noch spontane Interviews. "So perhaps a new era is opening in the Vatican for the world's media", mutmaßte die Sunday Times damals.[3] Das Blatt sollte Recht behalten: Johannes Paul II. ist als der "Medienpapst" in die Kirchen- und Kommunikationsgeschichte eingegangen.[4]

Der polnische Pontifex hatte schnell verstanden, welche Möglichkeiten sich mit der massenmedialen Kommunikation für die katholische Kirche eröffneten. Offensiv reagierte er auf die Medialisierung: auf die zunehmende und gegenseitige Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche, darunter auch der Kirche, durch die Massenmedien.[5] In einer Ansprache an katholische Medienexperten im März 2002 machte Johannes Paul II. deutlich, dass er sich bewusst den Medien und ihren Vertretern zuwandte, um möglichst viele Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen: "Die besondere Herausforderung besteht darin, Mittel und Wege zu finden, dass die Stimme der Kirche in der modernen Arena der Medien nicht an den Rand gedrängt oder gar zum Schweigen gebracht wird. (...) Nein! Jesus Christus muß der Welt verkündet werden, und deshalb muß die Kirche mit Mut und Zuversicht das weite Forum der Medien betreten."[6]

Die meisten seiner Vorgänger hatten keine so offene Einstellung den modernen Medienstrukturen gegenüber, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Etablierung von Telegraphenverbindungen, Nachrichtenagenturen und Korrespondentennetzen herausbildeten. Dennoch partizipierten die Päpste immer an den technischen Medienentwicklungen der letzten 150 Jahre, indem sie einen eigenen vatikanischen Medienapparat aufbauten.

Der erste Papst des massenmedialen Zeitalters, Pius IX. (1846 - 1878), gründete eigene kirchliche Presseorgane, wie die bis heute erscheinende Tageszeitung L'Osservatore Romano (1861) und die Zeitschrift La Civiltà Cattolica (1850). Trotz dieses Medienengagements verurteilte Pius IX. in seinem "Syllabus Errorum" (Liste der Irrtümer) von 1864 die Meinungs- und Pressefreiheit. Sein Nachfolger Leo XIII. (1878 - 1903) machte intensiven Gebrauch von den neuen technischen Medienmöglichkeiten: 1903 sprach er ein Gebet in einen Phonographen. Diese Aufnahme des "Ave Maria" ist die älteste noch erhaltene Aufzeichnung einer Papststimme. Bereits 1896 hatte sich Leo XIII. in den Vatikanischen Gärten filmen lassen. Die bewegten Papstbilder gehören zu den ersten Zeugnissen der Filmgeschichte.

Während Pius X. (1903 - 1914) allen modernen Entwicklungen mit Skepsis begegnete, stand sein Nachfolger Benedikt XV. (1914 - 1922) der Presse als erster Pontifex für Interviews zur Verfügung. Pius XI. (1922 - 1939) gründete 1931 einen eigenen kirchlichen Radiosender. Bis heute sendet Radio Vatikan Nachrichten aus dem Zentrum der katholischen Kirche in 47 verschiedenen Sprachen. Besonders oft machte Pius XII. (1939 - 1958) Gebrauch von der Möglichkeit, über den Kirchensender direkt zu den Gläubigen in aller Welt zu sprechen. Anlässlich des Heiligen Jahres 1950 richtete er einen Vorläufer des heutigen vatikanischen Fernsehzentrums Centro Televisivo Vaticano ein, das die Fernsehanstalten in aller Welt mit kirchlich autorisiertem Filmmaterial versorgt. Die beiden technikfreundlichen Päpste Pius XI. und Pius XII. äußerten sich zudem erstmals in päpstlichen Lehrschreiben positiv zur Rolle der modernen Massenmedien: so in der "Filmenzyklika" Vigilanti Cura (Mit besonderer Aufmerksamkeit) vom 29. Juni 1936 und in der "Medienenzyklika" Miranda Prorsus (Die wunderbaren technischen Entwicklungen) vom 8. September 1957.

Unter Paul VI. (1963 - 1978) wurde 1964 der Päpstliche Rat für die sozialen Kommunikationsmittel eingerichtet, wie die Massenmedien im kirchlichen Sprachgebrauch seit dem II. Vatikanischen Konzil (1963 - 1965) bezeichnet werden. Seit 1967 begeht die Kirche jährlich am 24. Januar, am Fest des Journalistenpatrons Franz von Sales (1567 - 1622), den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel.

Das Pontifikat Pauls VI. markiert außerdem den Beginn der modernen päpstlichen Reisetätigkeit. Von seiner ersten Reise an ist der Papst bei allen Pastoralvisiten und Staatsbesuchen stets von einem großen Presseaufgebot begleitet worden. Die Medienvertreter wurden schon damals vom Heiligen Stuhl ausgewählt und reisten mit dem Pontifex gemeinsam im Flugzeug. "Wie kein anderer Papst vor ihm sucht Paul VI. die Gesellschaft der Journalisten und fühlt sich bei ihnen wohl. (...) Bei seinem Besuch der Vereinten Nationen in New York 1965 sagte der Papst zu den Korrespondenten: Sie sollten wissen, daß wir ein Freund der Presse sind."[7] Seinen Papstnamen Paul hatte er in Erinnerung an den Apostel Paulus gewählt. In ihm sah der Papst auch einen Vorläufer des modernen Journalisten, weil Paulus unter den Völkern die christliche Botschaft mit den Mitteln seiner Zeit verbreitet hatte.

Johannes Paul II. führte einerseits die von Paul VI. und seinen Vorgängern begonnene Medienpolitik fort, setzte andererseits mit seinen geschickten Medieninszenierungen und seinem persönlichen Charisma aber auch völlig neue Maßstäbe. Schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt sprach das britische Nachrichtenmagazin The Economist von einer "Popemania".[8] Mit dem jungen und dynamischen Papst aus Polen war ein neuer Medienstar geboren. Fortan waren die Augen der Welt auf den Mann in der strahlend weißen Soutane gerichtet.

Starpotential Papstamt

Der Papst gilt als Stellvertreter Christi auf Erden und sieht sich in direkter Nachfolge des Apostelfürsten Petrus. Er trägt unter anderem die Titel "Pontifex Maximus" (Größter Brückenbauer), Oberster Priester der Weltkirche, Primas von Italien, Oberhaupt des Staates Vatikanstadt und "Diener der Diener Gottes". Kein anderer Mensch auf Erden vereinigt solche Würden auf sich. Die Einmaligkeit des Papstamtes sorgt bereits für das Starpotential und sichert der altehrwürdigen Institution des Papsttums die andauernde öffentliche Faszination. Mit allen diesen Titeln und der Papstwürde verbunden ist ein herausragendes "Amtscharisma" des Papstes. Der von Max Weber geprägte Begriff besagt, "dass das Charisma vollkommen gelöst von jeder konkreten Person gedacht wird, die das betreffende Amt besetzt."[9] So profitiert auch ein Papst ohne große persönliche Ausstrahlung von dem Charisma, dass allein die Würde und Tradition seines Amtes garantiert.

Nach dem von Soziologen konstatierten Wandel von Knappheits- in Erlebnisgesellschaften im Westeuropa im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit insbesondere auf die Reisen des Papstes, seine Audienzen in Rom oder auf einen Papstwechsel. Diese "Events" befriedigen das gesellschaftliche Bedürfnis nach dem "Erlebnis", und sie entsprechen dem medialen Nachrichtenwert der "Personalisierung". Denn bei den kirchlichen Großveranstaltungen fokussiert sich die Medienaufmerksamkeit heutzutage ganz auf die Person des Papstes. Inzwischen gehört die Teilnahme an der wöchentlichen päpstlichen Generalaudienz, dem sonntäglichen Angelusgebet oder an einer Messe des Papstes zu jedem touristischen Aufenthalt in Rom. Nahezu jeder Besucher der Ewigen Stadt will den Papst sehen, ganz unabhängig von seiner eigenen religiösen Zugehörigkeit. Eindrucksvoll bestätigt wurde die Koinzidenz von "Erlebnis" und "Personalisierung" durch die ungeheuren Pilgermassen und das riesige Medieninteresse nach dem Tod des letzten Papstes im April 2005: "So blieb Karol Wojtyla selbst im Tod noch ein Medienstar."[10]

Nach dem Medienwissenschaftler Knut Hickethier ist unter dem Begriff "Star" eine Person zu verstehen, "die durch ihre körperliche Präsenz, ihr Auftreten, ihre Gestik und Mimik nicht nur eine Rolle glaubhaft verkörpern kann, sondern darüber hinaus auch noch ein Publikum zu faszinieren weiß".[11] Die Herausbildung des modernen Starkultes an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war dabei eng mit der technischen Entwicklung der modernen Massenmedien verbunden. Denn "der Star ist ohne ein Medium nicht denkbar und er ist auch abhängig von den medialen Inszenierungsleistungen. Mit seiner Medienbezogenheit ist der Star ein Phänomen der Moderne."[12] Die ersten Stars waren Theaterschauspieler, deren Images sich durch das innovative Druckverfahren der Lithographie und später durch die Fotographie verbreiteten. Eine wichtige Voraussetzung für den beginnenden Starrummel war die Erfindung und massenhafte Streuung der Starpostkarte Ende des 19. Jahrhunderts.[13] Ab etwa 1910 gab es dann die ersten Filmstars,[14] entstanden aus ökonomischen Interessen der Filmindustrie, in den späten 1950er Jahren kamen die Fernsehstars hinzu. Zwischenzeitlich löste sich das Starimage vom Beruf des Schauspielers und weitete sich auf andere gesellschaftliche Felder wie die Musik, den Sport, die Politik oder auch den Journalismus aus.

Als erster Medienstar unter den Päpsten gilt Pius IX., denn er war das erste katholische Kirchenoberhaupt, von dem Fotografien aufgenommen wurden. Postkarten und illustrierte Zeitschriften sorgten für eine weite Verbreitung des Papstbildnisses, das fortan zur Grundausstattung eines guten katholischen Hauses gehörte. "Die Drucke und Lithographien, die ihn betend, denkend, segnend oder im Kreis seiner Berater zeigen, übersteigen vermutlich das Maß dessen, was bis dahin für Päpste üblich war."[15] Pius IX. etablierte die öffentlichen Papstaudienzen, tauchte damit regelmäßig in der Öffentlichkeit auf und bot Anlass zur Berichterstattung - sei es über die dabei gesprochenen Worte, die Gäste der Audienz, über Mimik und Gestik oder den Gesundheitszustand des Papstes. Gleichzeitig vollzog sich mit der "zunehmenden Leichtigkeit des Reisens" und der "bewussten Vervielfältigung der Audienzen" eine "Wende von der Institution und Tradition zur Person": "Schon das bemerkenswerte Faktum, daß man jetzt nach Rom reist, um den Papst gesehen zu haben, und nicht mehr in erster Linie, um die Gräber der Apostelfürsten und die Reliquien Roms zu sehen und dort zu beten, drückt diese Wende (...) aus."[16]

Diese Personalisierung des Papstamtes und auch der Ursprung des Starkults aus der Theaterwelt werden in einem Nachruf der Frankfurter Zeitung auf Leo XIII. deutlich: "Seien wir einmal offenherzig und sprechen wir vom verstorbenen Papste, wie die Mitglieder einer Bühne von ihrem toten star (sic!, Original im Sperrdruck) reden würden. In gewissem Sinne darf man ja den Vatikan wegen der großen Feste, die er zu geben pflegt und die manchen Theaterintendanten neidisch machen könnten, mit einem Theater vergleichen, ohne deshalb gleich eine Gotteslästerung zu begehen. Ebenso kann man die Begeisterung der Durchschnittsgläubigen, die nach Rom kommen, der Schwärmerei der Backfische jeglichen Geschlechts für die Darsteller sentimentaler oder heroischer Rollen vergleichen."[17] Auch wenn noch eine gewisse Scheu aus dem Zitat spricht, ist es einer der ersten Belege dafür, dass der Papst mit dem Begriff "Star" versehen wurde.

Pius XII. war der erste Träger des Papstamtes, der sich selbst bewusst medial in Szene gesetzt hat. Im Garten der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo ließ er ganze Fotostrecken aufnehmen, die ihn beispielsweise umgeben von jungen Lämmern zeigen: eine Anspielung auf die biblische Erzählung vom guten Hirten. Diese Aufnahmen wurden dann in einer zehnseitigen Reportage der französischen Starpostille Paris Match abgedruckt.[18] Für den Dokumentarfilm "Pastor Angelicus" (Der engelgleiche Hirte) aus dem Jahre 1942 öffnete Pius XII. erstmals die päpstlichen Privatgemächer für die Kamera und agierte selbst als Darsteller. Er umgab sich gern mit Filmstars und empfing diese in Audienz im Vatikan, darunter Sophia Loren, Gregory Peck und Alec Guinness.[19] Mit der Live-Übertragung seiner Beisetzung und der feierlichen Krönung seines Nachfolgers Johannes XXIII. (1958 - 1963) im Jahr 1958 erhielten diese althergebrachten Rituale erstmals eine massenmediale Öffentlichkeit und wurden fortan zu Fernsehmedienereignissen, in deren Mittelpunkt der Papst stand.

Wegen der zunehmenden personalisierten Fernsehberichterstattung könnte man annehmen, dass die folgenden Papstwahlen auch von der Frage bestimmt waren, wie telegen ein Kandidat war und wie gewinnend er lächeln konnte. Während der rundliche und joviale Johannes XXIII. diesen Anforderungen mühelos gerecht wurde, konnte aus dem hageren, stets unglücklich wirkenden Paul VI. aus diesen Gründen eben kein Medienstar werden. Seinem Nachfolger Johannes Paul I. (August-September 1978) verpassten die Medien dagegen schnell das Image vom lachenden Papst, und es ist davon auszugehen, dass er mit seiner gewinnenden, einfachen Art schnell zu einem Medienstar aufgestiegen wäre. Nach dem frühen Tod von Johannes Paul I. entschieden sich die Kardinäle dazu, einen jüngeren Mann aus Polen zum Kirchenoberhaupt zu wählen - der in seiner Jugend fünf Jahre lang als Laienschauspieler auf der Theaterbühne gestanden hatte.

Der Spiegel schrieb über das folgende, über ein Vierteljahrhundert währende "Medienpontifikat" von Johannes Paul II.: "Seit den ersten Amtstagen übertragen TV-Sender jedes Papst-Event bis in den letzten Winkel. Keiner wurde je von so vielen Menschen gesehen wie Wojtyla Superstar, der Maradona des Glaubens. Ob er im Dreck Kalkuttas vor dem Haus von Mutter Teresa betete, zwischen Panzerwracks und Bombenkratern in Angola oder umringt von Guerilleros in Osttimor, die Welt war dabei. Medial ist dieser Propagandist seines Herrn ein Genie."[20] Nach seinem Tod zeigte das Nachrichtenmagazin auf seinem Titel den Leichnam von Johannes Paul II. bei seiner Überführung in den Petersdom inmitten einer Menschenmenge, in der viele ihre Mobiltelefone in die Höhe reißen, um ein letztes Foto von ihrem Idol aufzunehmen: "Es definiert den Star, dass er das Bad in der Menge liebt - in diesem Fall sogar aufgebahrt."[21]

Benedikt - Medienstar wider Willen

Der Nachfolger trat in große mediale Fußstapfen und fand ein schweres Erbe vor. Benedikt XVI. versuchte erst gar nicht das Medienstar-Image seines Vorgängers nachzuahmen. Großer, plakativer Gesten enthielt er sich bisher. Ganz im Gegenteil: Wer den ersten Auftritt des neugewählten Papstes am Abend des 19. April 2005 auf der Loggia des Petersdomes in Erinnerung hat, sieht das Bild eines schüchtern wirkenden, unbeholfen winkenden Mannes, der den Jubel der Menge keineswegs zu genießen scheint. Allenfalls ein zaghaftes Lächeln huschte ihm über das Gesicht. Doch wenige Tage nach seiner Wahl empfing Benedikt XVI. wie sein Vorgänger in einer der ersten Audienzen die in Rom versammelten Vatikan-Korrespondenten aus aller Welt und dankte ihnen für ihre Arbeit während der Zeit des Papstwechsels. Damit wurde klar, dass er sich den von Johannes Paul II. gesetzten Maßstäben im Umgang mit den Medien nicht entziehen konnte.

Noch offensichtlicher wurde dieser Konnex, als Benedikt XVI. im August 2005 den noch von seinem Vorgänger initiierten Weltjugendtag in Köln besuchte. Damals erschien in der Jugendzeitschrift "Bravo" am 17. August 2005 ein Poster des Papstes mit dem Schriftzug "BRAVO, Bene!". Auf diesem großformatigen Foto (80 × 55 cm), normalerweise den Musik-, Film- und Fernsehstars der Jugend vorbehalten, erhebt der lächelnde Papst, mit glänzendem Fischerring und Brustkreuz ausgestattet, die Hand zum Segen. Die direkte Ansprache mit "Bene" suggeriert eine persönliche Beziehung zum Kirchenoberhaupt. Der Chefredakteur des Blattes erklärte in einer Pressemitteilung: "Bravo berichtet über Stars, und für viele Jugendliche in Deutschland ist Papst Benedikt XVI. ein Star." Doch dieser Kult um seine Person bereitete Benedikt sichtlich Unbehagen. Immer wieder wies er die jugendlichen Pilger, deren Ziel fast immer die Begegnung mit dem Papst war, auf den eigentlichen Mittelpunkt des Treffens hin: Jesus Christus.

Eine Untersuchung des Forschungskonsortiums Weltjugendtag sah die "Notwendigkeit einer bestimmten medialen Inszenierung des Papstes, nämlich als Celebrity oder Berühmtheit des Medienevents, die dessen sakrale und populäre Aspekte verbindet (...). Damit zeichnet sich (...) ein Wandel des Amtes des Papstes ab: Die Notwendigkeit einer Selbstinszenierung als Celebrity kann nicht mehr dem persönlichem Charisma eines Mannes zugeschrieben werden, wie es bei Johannes Paul II. noch getan wurde. Vielmehr erscheint dieses Muster der Inszenierung in den heutigen Mediengesellschaften als verstetigter Teil des Papstamtes. Das zeigt sich exemplarisch an den von Johannes Paul II. geschaffenen und von Benedikt XVI. übernommenen Weltjugendtagen."[22]

Allerdings versucht Benedikt XVI. dieser medialen Forcierung als Star zu widerstehen. Während sein Vorgänger auch den gemeinsamen Auftritt mit Popstars nicht gescheut hat - so geschehen beim Internationalen Eucharistischen Kongress im September 1997 in Bologna zusammen mit Bob Dylan -, strebt er die Rückbesinnung auf den Kern der liturgischen Feiern an. Dazu gehört auch die Erleichterung der Durchführung des alten lateinischen Messritus. Benedikt XVI. stand bereits während des Pontifikats von Johannes Paul II. den Medieninszenierungen manches Papstauftritts skeptisch gegenüber. Im September 2007 wechselte er den dafür mitverantwortlichen päpstlichen Zeremonienmeister des alten Papstes aus. Noch als Kardinal Ratzinger erkannte er die Risiken, die in einer zu starken Medialisierung liegen, unter anderem die Gefahr für das Papsttum, die Inszenierungs- und Deutungshoheit über die kirchlichen Rituale zu verlieren. Die großen Papstevents, wie Reisen, Messen, Weltjugendtage, bergen auch einen anderen Nachteil. Die damit einhergehende Personalisierung, die Fixierung auf die Papstfigur, "beschert der katholischen Kirche zwar öffentliche Aufmerksamkeit, hat aber ungewollte Nebenwirkungen: Laien treten selten als Handelnde, sondern meist als Rezipienten in Erscheinung, das kirchliche Leben in den Gemeinden erweist sich als kaum darstellbar, der Eindruck von Autorität und Hierarchie innerhalb der katholischen Kirche wird überhöht."[23]

Doch werden Benedikt und seine Nachfolger den einmal eingeschlagenen Weg nicht ganz verlassen können; auch die altehrwürdige Institution des Papsttums muss den Anforderungen der medialisierten Gesellschaft gerecht werden. Darin liegt aber eine Chance, denn "das Papstamt wandelt sich in heutigen Mediengesellschaften und -kulturen dahingehend, dass es auch die Erfüllung einer Medienfigur erfordert. Indem die Katholische Kirche zumindest dem Prinzip nach mit dem Papst über ein Amt verfügt, das mit seinem grundlegenden Amtscharisma den Anforderungen der Personalisierung von Medien-Berühmtheiten gerecht wird, hat sie herausragende Möglichkeiten, ihr Glaubensangebot den heutigen Medien angemessen zu kommunizieren."[24]

Am Medienstar-Image des Papstes bestätigt sich zudem anschaulich und eindrucksvoll eine Erkenntnis des Medienwissenschaftlers Werner Faulstich: "Nur in dem Maße gibt es Stars, in dem wir sie wollen und sie ins Bild fassen. Der Star ist das Produkt kollektiven Begehrens."[25] Über die Idolisierung des Papstes scheinen sich die Menschen in unserer rationalisierten und technisierten Zeit auch geistige Orientierung sowie eine Art Anschluss an das Göttliche zu erhoffen. So ist Johannes Paul II. auch Jahre nach seinem Tod noch immer ein Star. Sein Konterfei dominiert weiterhin die Postkartenständer in der Umgebung des Vatikans. Immer wieder berichtet die Presse über den Stand seines Seligsprechungsprozesses. Seit dem Beginn dieses Verfahrens im Juni 2005 wird ein monatliches Magazin mit dem Titel "Totus Tuus" (Ganz Dein), dem Wahlspruch von Johannes Paul II., in sechs Sprachen herausgeben, in dessen Mittelpunkt allein Leben und Werk des polnischen Papstes stehen. Im Vatikan wird bereits überlegt, seinen Leichnam zu exhumieren und ihn in einem Glassarg im Petersdom zu zeigen. Das Grab in den Vatikanischen Grotten ist unterdessen zu einer neuen Pilgerstätte und Touristenattraktion geworden, die von bis zu 20 000 Menschen täglich besucht wird. Auch nach seinem Tode steht der Medienstar unter medialer Dauerbeobachtung. Auf der Internetseite des Vatikans überträgt eine Webcam Tag und Nacht das Geschehen an seinem Grab.[26]
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Fußnoten

1.
Vgl. N. N., Unprecedented Global Media Outpouring in Coverage of Pope John Paul II's Passing, in: http://www.languagemonitor.com/media_ analysis/po pe-john-paul-ii (11.11. 2008).
2.
Jonathan Petre/Bruce Johnston He lived by the camera and he is dying by it', in: The Daily Telegraph vom 2.4. 2005, S. 2.
3.
George Armstrong, Pope breaks with tradition for Press, in: The Sunday Times vom 22.10. 1978, S. 1.
4.
Johannes Schidelko, Vom Unbekannten zum Medienpapst, in: Rhein-Zeitung vom 15.10. 2008, S. 4.
5.
Vgl. Frank Bösch/Norbert Frei, Die Ambivalenz der Medialisierung, in: dies. (Hrsg.), Medialisierung und Demokratie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 7 - 23, hier S. 9.
6.
Audienz für die Mitglieder der Vollversammlung des päpstlichen Rats für die sozialen Kommunikationsmittel, in: http://www.vatican.va/holy_father/john _paul_ii/speeches/2002/march/documents/
hf_jp-ii_ spe_20020301_pccs_ge.html (11.11. 2008).
7.
Giselbert Deussen, Ethik der Massenkommunikation bei Papst Paul VI., München 1973, S. 16.
8.
N. N., How to cope with the Pope, in: The Economist vom 28.10. 1978, S. 57.
9.
Winfried Gebhardt, Charisma als Lebensform. Zur Soziologie des alternativen Lebens, Berlin 1994, S. 64.
10.
Sigmund Gottlieb, Der "Medienpapst", in: Communicatio Socialis, 38 (2005), S. 285.
11.
Knut Hickethier, Vom Theaterstar zum Filmstar, in: Werner Faulstich/Helmut Korte (Hrsg.), Der Star. Geschichte-Rezeption-Bedeutung, München 1997, S. 29 - 47, hier S. 31.
12.
Ders., Das Starphänomen - eine medienwissenschaftliche Bestandsaufnahme, in: Bad Boller Skripte, (2005) 3, S. 18 - 28, hier S. 19.
13.
Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Kommentar von Detlev Schöttker, Frankfurt/M. 2007, S. 213.
14.
Vgl. Enno Patalas, Sozialgeschichte der Stars, Hamburg 1963, S. 11.
15.
Jörg Seiler, Die Inszenierung der Körperlichkeit Pius IX. in der Rottenburger Bistumszeitung, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, 101 (2007), S. 77 - 106, hier S. 78.
16.
Klaus Schatz, Vaticanum I 1869 - 1870, Bd. 1: Vor der Eröffnung, Paderborn 1992, S. 22.
17.
N.N., Der Tod des Papstes, in: Frankfurter Zeitung vom 23. 7. 1903 (Erstes Morgenblatt), S. 1.
18.
Vgl. Jean Maquet, A Castelgandolfo, le Saint-Père vit l'évangile du Bon Pasteur, in: Paris Match, Nr. 347 vom 3.12. 1955, S. 36 - 45, hier S. 39.
19.
Vgl. Maria Way, Politics, the Papacy and the Media, in: Joss Hands/Eugenia Siapera (Hrsg.), At the Interface. Continuity and Transformations in Culture and Politics, Amsterdam-New York 2004, S. 39 - 58, hier S. 41.
20.
Der Marathonmann Gottes, in: Der Spiegel, Nr. 13 vom 26.3. 2005, S. 98.
21.
Irmela Schneider, "Wo keine neuen Fakten sind, da steigert man die Adjektive." Der Tod von Johannes Paul II. und die Medien, in: Christina Bartz/dies. (Hrsg.), Formationen der Mediennutzung I: Medienereignisse, Bielefeld 2007, S. 159 - 181, hier S. 174.
22.
Forschungskonsortium WJT/Winfried Gebhardt u.a. (Hrsg.), Megaparty Glaubensfest. Weltjugendtag: Erlebnis-Medien-Organisation, Wiesbaden 2007, S. 143.
23.
Christian Klenk, Ein deutscher Papst wird Medienstar. Benedikt XVI. und der Kölner Weltjugendtag in der Presse, Berlin 2008, S. 59.
24.
W. Gebhardt (Anm. 22), S. 150.
25.
Werner Faulstich, Stars: Idole, Werbeträger, Helden. Sozialer Wandel durch Medien, in: Funkkolleg Medien und Kommunikation, Studienbrief 7, Weinheim 1990, S. 51.
26.
Vgl. http://www.vaticanstate.va/DE/Monumente/ webcam/index?cam=webcam2&testo=Grab%20S.H. %20Johannes% 20Paul%20II (11.11. 2008).