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12.12.2008 | Von:
Ulrich Steuten
Hermann Strasser

Lady Di - Die moderne Madonna

Lady Di - Die moderne Madonna?

Im Grunde genommen hätte eine andere Persönlichkeit der 1990er Jahre größere Chancen haben müssen. Angesichts ihrer Verdienste um die Armen Indiens wäre Mutter Teresa, die Ordensfrau aus Kalkutta, sicherlich prädestiniert gewesen, an erster Stelle der aktuellen Heiligenanwärter zu rangieren. In ihrem langen Leben - sie starb 87-jährig zwei Wochen nach Prinzessin Diana - stand sie bis kurz vor ihrem natürlichen Tod "an der Front des Elends",[11] nämlich in den Slums von Kalkutta, und kümmerte sich um die Ärmsten der Armen. Obwohl ihr soziales Engagement das des "kümmerlich entwickelten, verwöhnten Upper-Class-Girls" sicherlich um ein Vielfaches übertroffen haben dürfte,[12] fand ihr Tod, verglichen mit dem Dianas, eine sehr viel geringere und bei weitem nicht so nachhaltige Beachtung.[13]

Wie ist zu erklären, dass der Tod der vom britischen Königshaus verstoßenen Prinzessin die Menschen stärker bewegte als das Lebensende der Friedensnobelpreisträgerin aus Indien? Was macht die Faszination dieser Frau aus, "die der Menschheit weder ein politisches Programm noch eine Kurzgeschichte, weder ein Lied noch ein annehmbares Gemälde (...), ja nicht einmal einen einzigen mehr oder weniger bemerkenswerten Gedanken geschenkt hat"?[14] Immerhin galt Mutter Teresa als "das gute Gewissen des 20. Jahrhunderts", und schon sechs Jahre nach ihrem Tod verkündete Papst Johannes Paul II. die Aufnahme Mutter Teresas in den Reigen der Seligen und Heiligen des Himmels.

Anders als Mutter Teresa, stellte Lady Diana Spencer gleich in mehrfacher Weise und für verschiedene Zielgruppen eine ideale Identifikationsfigur dar. Für die einen war sie die junge, attraktive, fotogene und emanzipierte Frau, für viele andere verkörperte sie das Leitbild der Ehefrau und Mutter mit all den alltäglichen Nöten und Sorgen, die mit diesen Rollen verbunden sind; für wieder andere war sie die uneigennützige Wohltäterin und für nicht wenige sicher auch eine Art Jeanne d' Arc, eine Vorkämpferin gegen die Verkrustungen des britischen Adels. Wenngleich einige dieser Zuschreibungen auf den ersten Blick widersprüchlich sein mögen, so erscheint hinter der persönlichen Gestaltung und medialen Positionierung die Princess of Wales als eine moderne Heilige.

So spiegelt sich in ihrem Erscheinungsbild auch der Wandel der britischen Gesellschaft, in der in den 1980er Jahren der Starkult den Klassenkult hinter sich ließ. Viele Konservative auf der Insel sehen vor allem in Diana den Grund für das Entstehen einer celebrity culture, auch wenn Jacqueline Kennedy und Grace Kelly, ja Hollywood schlechthin, und sogar die junge Elisabeth II. im eigenen Land frühe Beispiele für den kommenden Starkult waren. Nur Lady Di stand nicht so sehr "da oben"; sie befand sich vielmehr "auf Augenhöhe", wie auch der Höhepunkt des Zerwürfnisses mit dem Hause Windsor zu beweisen schien, als ihr der Titel "Königliche Hoheit" aberkannt wurde und sie ihn gegen die Hoheit des Menschlichen eintauschte.[15]

Fußnoten

11.
Der Spiegel, Jahreschronik 1997, S. 235.
12.
Leon de Winter, Lady Madonna, in: ebd., S. 196.
13.
In seiner Jahreschronik 1997 widmet Der Spiegel der verunglückten Prinzessin 13 Seiten (inkl. 13 Fotos); für Mutter Teresa gibt es gerade zehn Zeilen auf zwei Seiten (inkl. zwei Fotos). In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen in der Woche nach Dianas Tod knapp 80 Beiträge über die britische Prinzessin.
14.
Vgl. L. de Winter (Anm. 12), S. 196.
15.
Thomas Kielinger, Nach Diana, in: Die Welt vom 31. August 2007, S. 10.