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12.12.2008 | Von:
Ulrich Steuten
Hermann Strasser

Lady Di - Die moderne Madonna

Die heilige Diana

Auch die heilige Maria ist keine tote Heilige. Maria ist in der modernen Gesellschaft unter allen Heiligen im katholischen Christentum und, wenngleich in etwas geringerem Maß, im Islam eine begehrte, verehrte und vielfach angerufene Heilige und Schutzpatronin, deren Nähe und Beistand gesucht wird.

Konkret zeigte sich dies in der jüngeren Vergangenheit in vielfacher Weise, so während des Streiks der Danziger Werftarbeiter in den 1980er Jahren, als diese zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau pilgerten und Marienbilder auf dem bestreikten Werksgelände aufhängten. Vielleicht noch deutlicher zeigte sich dies im Sommer 1999 in der aufflackernden Marienverehrung im saarländischen Marpingen, die zu einem kurzzeitigen, allerdings von der katholischen Hierarchie gestoppten Pilgertourismus führten. Ungebrochen erweist sich die Marienverehrung in der Moderne als Ausdruck von Volksfrömmigkeit in Kapellen, Wegkreuzen, Votivtafeln, Gebeten, Fürbitten und Wallfahrten. Zentrale Bezugspunkte sind dabei die der Gottesmutter Maria immer wieder zugeschriebenen charakteristischen Eigenschaften: ihre Barmherzigkeit, ihr Verständnis für das menschliche Leid und allzu menschliche Schwächen, ihre Parteinahme für die Benachteiligten dieser Welt.

Die Parallelen zwischen Lady Diana und der heiligen Maria sind augenfällig. Als "People's Princess" erbarmte sie sich im Stil einer advocata der "Unberührbaren" unserer Zeit. Von Landminen Verkrüppelten und Obdachlosen schenkte sie ihr Mitgefühl, indem sie ostentativ deren - auch körperliche - Nähe suchte. Aidskranken wurde sie zur Fürsprecherin - ohne moralische Verurteilung und gottväterlich mahnende Worte. Ihr eigenes Leid als betrogene und vom Königshaus verstoßene Ehefrau ertrug sie dem Anschein nach tapfer und ohne falsche Beschönigung. Mit der Inszenierung ihrer offen und öffentlich eingestandenen und mit Würde ertragenen Erniedrigung wie auch mit dem Eingeständnis ihrer Depressionen, Magersucht und Suizidgefährdung repräsentierte sie, gleichsam als eine moderne mater dolorosa, das unverdiente Schicksal aller Schwachen und Kranken im Volk.

In jedem dieser mariengleichen Züge wurde sie - freilich unterstützt, überzeichnet und vorangetrieben von Massenmedien und Kommerz - zur Projektionsfläche vielfältiger, auch ambivalenter Identifikationsbedürfnisse. Massenmediale Modellierung wie auch die drängenden Erwartungshaltungen ihrer Verehrer formten sie zu einer der herausragenden säkularen Heiligen des ausgehenden 20. Jahrhunderts, posthum zu einer Ikone, die passgenau mit den unspezifischen religiösen Orientierungen einer modernen Gesellschaft korrespondiert.