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Deutschland und der Große Krieg - Essay


1.12.2008
Der Große Krieg repräsentiert den Übergang von einem Zeitalter des Imperiums und der Gewissheit zu jenem der Ungewissheit und Verschiedenartigkeit.

Einleitung



Als im August 1914 der Krieg in Europa begann, glaubte niemand, dass dieser Konflikt die ganze Welt umfangen und ein äußerst schmerzvolles Jahrhundert einläuten sollte. Vereinzelt auftretende Untergangspropheten wurden rasch von einer Flutwelle des Optimismus zum Schweigen gebracht, die jede Krieg führende Nation überschwemmte. Der Krieg würde in wenigen Wochen, spätestens in wenigen Monaten vorüber sein.






Der lange erwartete Kampf beschwor, als er schließlich ausbrach, elementare Bilder der Säuberung herauf. Der Dichter Richard Dehmel sprach in jenen Tagen des August von einem "seelischen Flammenwunder" und "diesem reinigenden Sturm".[1] Das Alte war im Begriff, auseinander zu brechen; das Neue sollte mit reinigender Kraft daraus hervorgehen. Nachdem er Zeuge des deutschen Angriffs auf die belgische Festungsstadt Namur geworden war, schrieb Harry Graf Kessler, von Natur aus eher ein Ästhet denn ein Krieger, an einen Freund: "Ringsherum brannte die Stadt; aber hier ging aus Flammen und Rauch ein neues Leben siegreich auf. Vorwärts über Gräber."[2] Wegen seiner potenziell transformierenden Kraft bezeichnete Karl Scheffler, Kunstkritiker und Verleger, den Krieg bedenkenlos als "Kunstwerk"[3] - eine Installation von einer Größenordnung, wie sie nicht einmal Richard Wagner hätte hervorbringen können.

In der Vorkriegswelt hatte Deutschland die Kräfte der Veränderung und Erneuerung repräsentiert. Frankreich und Großbritannien standen für das Alte, Deutschland für das Neue. Die politische Einigung des Landes war spät, doch dafür umso schneller gekommen. Und mit ihr die Industrialisierung: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte Deutschland die weltweit führende Rolle in den neuesten Industrien, der chemischen und der elektrischen, inne. Die Qualität seiner herstellenden Industrie, das Talent seiner Wissenschaftler und Ingenieure, die Brillanz seiner Philosophen, Historiker und Musiker schienen unübertroffen. "As a rule", so der britische Historiker John Seeley, "good books are in German."[4] Die Bevölkerung des Kaiserreichs war jung, die Frauen- und die soziale Reformbewegung waren stark. In ganz Europa wurde das deutsche Militär zugleich bewundert und gefürchtet. Als nach der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand in Sarajewo durch einen serbischen Nationalisten am 28. Juni 1914 die internationale Krise eskalierte, wäre ein deutscher Rückzug - vom eigenen Anspruch der Selbstbehauptung - ausgeschlossen gewesen. Hinzu kommt, dass in diesem atemberaubend schönen Sommer des Jahres 1914, als ein wolkenloser Tag auf den anderen folgte, niemand in der Lage war, den Regen, den Schlamm und das endlose Gemetzel vorherzusehen, in Langemarck, in Arras, an der Somme, in Fort Vaux, am Hartmannsweilerkopf ...


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Doris Tempfer-Naar, Wien/Österreich.

Richard Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit. Kriegstagebuch, Berlin 1919, S. 9 - 13, S. 24.
2.
Harry Graf Kessler, Krieg und Zusammenbruch 1914/1918. Aus Feldpostbriefen von Harry Graf Kessler, Weimar 1921, S. 21.
3.
Karl Scheffler, Der Krieg, in: Kunst und Künstler, XIII (1914/15), S. 1 - 4.
4.
Zit. nach: Klaus Dockhorn, Der deutsche Historismus in England, Göttingen 1950, S. 217.