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Die paradoxe Revolution 1918/19


1.12.2008
Konzentriert auf die Kriegsniederlage, die überhasteten Oktoberreformen und die tiefen Gegensätze in der Arbeiterbewegung, spitzt der Beitrag die Widersprüche der Revolution thesenhaft zu.

Einleitung



Die Revolution von 1918/19 gehört zu den wichtigsten Weichenstellungen der jüngeren deutschen Geschichte. Allerdings prallten in ihrem Verlauf unterschiedliche, ja unversöhnliche Potentiale aufeinander. Hoffnung und Furcht, Idealismus und Unterdrückung, hochfliegende Erwartungen und tiefe Enttäuschungen verbanden sich in ihr. Entsprechend widersprüchlich blieb die Erfahrungsgeschichte der Revolution. Für die einen, insbesondere die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD), repräsentierte sie eine gleichsam heroische Anstrengung mit Elementen des tragischen Scheiterns. Für die anderen verkörperte sie ein nationales Unglück, während wieder andere sich von ihr einen vorwärtsweisenden Entwicklungsschritt der deutschen Geschichte erhofften.




Für die republikfeindlichen und antidemokratischen Extremisten hingegen war die Revolution von vornherein kontaminiert durch ihren angeblich verräterischen Charakter: Die Kommunisten folgten Lenins Behauptung vom "Arbeiterverrat" der Sozialdemokratie, während die äußerste Rechte das giftige Wort vom "Hochverrat" prägte und die Revolution kriminalisierte. Solche extreme Widersprüchlichkeit der Erinnerung spiegelte die politische Zerrissenheit der Weimarer Gesellschaft. In der Persönlichkeit des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der im Weltkrieg zwei Söhne verloren hatte und von der extremen Linken als "Arbeiterverräter", von der extremen Rechten als "Landesverräter" gebrandmarkt wurde, fand sie eine auf geradezu tragische Weise zugespitzte Verkörperung.[1] Lange Zeit orientierte sich die Geschichtsschreibung an den zeitgenössischen Erfahrungsebenen. Das frühe, ebenso apodiktische wie einflussreiche Urteil Karl Dietrich Erdmanns, wonach 1918/19 ein klares "Entweder-Oder" zwischen parlamentarischer Demokratie im Bund mit den konservativen Kräften einerseits und der bolschewistischen Diktatur andererseits bestanden habe, folgte im Wesentlichen der Selbstwahrnehmung der mehrheitssozialdemokratischen Führer.[2] Die stark von Arthur Rosenberg beeinflusste Revision dieser These sprach dagegen von einem überzogenen Antibolschewismus, postulierte eine "offene Situation" und erblickte in den Arbeiter- und Soldatenräten ein zu nutzendes demokratisches Potential. Damit folgte sie im Wesentlichen der Selbstwahrnehmung der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD).[3]

Je eindeutiger die ältere Geschichtsschreibung solch normative Positionen bezog, desto stärker tendierte sie dazu, angesichts des Scheiterns der Weimarer Republik politische Ex-post-Urteile zu treffen und von Versäumnissen oder "Fehlern" der Akteure zu sprechen. Meist stand dahinter der unausgesprochene Wunsch, der deutschen Geschichte die Möglichkeit eines "anderen", vielversprechenderen Weges zu eröffnen. Heute dagegen braucht die Weimarer Geschichte nicht mehr zur Identitätssicherung in Anspruch genommen zu werden. Vielmehr gilt es, die zutiefst widersprüchliche Signatur der Epoche als solche ernst zu nehmen und sie zum Ausgangspunkt historischen Fragens zu machen. Erst wenn der Ereignisverlauf in seiner Komplexität betrachtet wird, lassen sich auch seine Resultate akzeptieren, und die Versuchung sinkt, rückblickend historisch-politische Zensuren zu verteilen. Auch die Ende 1919 allumfassend spürbare Enttäuschung über den Verlauf der Revolution wird dann zu einer gleichsam eigenständigen historischen Kategorie. Sie erscheint weniger als Folge von falschen Entscheidungen oder Fehlern der Akteure denn als Ergebnis einer widersprüchlichen und unbeherrschbaren Komplexität.

In diesem Sinne und in thesenhaft zugespitzter Auswahl werden im Folgenden vier Widerspruchsfelder vermessen. Gemeinsam konstituierten sie ein paradoxes Spannungsfeld, in dem sich die Revolution vorbereitete, entfaltete, polarisierte und zugleich erschöpfte.


Fußnoten

1.
Zu Eberts Rolle in der Revolution 1918/19 vgl. Walther Mühlhausen, Friedrich Ebert 1871 - 1925. Reichspräsident in der Weimarer Republik, Bonn 2006, S. 150 - 164.
2.
Vgl. Karl Dietrich Erdmann, Die Geschichte der Weimarer Republik als Problem der Wissenschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 3 (1955), S. 1 - 19, hier: S. 6 - 8.
3.
Vgl. Zur Forschungsentwicklung und -diskussion Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, München 20026, S. 166 - 177.

 
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