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Die paradoxe Revolution 1918/19

1.12.2008

Verteidigungs- und Angriffskrieg zugleich



Für die übergroße Mehrheit der Deutschen galt im Herbst 1918 dieselbe verbindliche Deutung des Geschehens wie vier Jahre zuvor: Die Deutschen hatten einen Verteidigungskrieg gefochten. Die ebenso markigen wie schicksalsschweren Worte vom August/September 1914 hallten noch nach: "In aufgedrungener Notwehr, mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert", so Kaiser Wilhelm II. in seiner Thronrede vom 4. August 1914.[4] "Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen", lautete das Echo der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion.[5] "Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann", resümierten 93 deutsche Professoren in ihrem Aufruf "An die Kulturwelt" vom September 1914.[6]

Aber der Gedanke des Verteidigungskrieges war von Beginn an kontaminiert durch die Idee des "Siegfriedens", das heißt eines Friedens, in dem das Kaiserreich seinen Gegnern die Bedingungen des Friedens diktieren konnte. Eine solche Idee des "Siegfriedens" wirkte bei der nationalen Rechten integrativ, und die Dritte Oberste Heeresleitung (OHL) verfolgte sie mit zäher Konsequenz. Überdies ließ sich Verteidigung vor dem Hintergrund der Zweifrontenkonstellation auch begreifen als "Sicherung des Deutschen Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit", wie es Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg im so genannten "Septemberprogramm" von 1914 formuliert hatte.[7] Aber eine solche voluntaristische Befreiung aus der geographischen Mittellage erforderte dann eben doch Annexionen, wirtschaftliche Großraumordnung, kurz: deutsche Hegemonie - gerade so, wie es der Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 programmatisch in die Tat umsetzte.

Hinzu kamen die Umstände des Kriegsbeginns. Bekanntlich suchte das Kaiserreich sein politisch-diplomatisches Problem, die so genannte "Einkreisung", mit militärstrategischen Mitteln zu lösen. Das alternativlose Mittel der Wahl hierzu war der Schlieffen-Plan, der die rasche Niederwerfung Frankreichs vorsah, um sodann mit geballter Kraft den Krieg im Osten führen zu können. In der Konsequenz freilich erschien Deutschland als der Hauptschuldige des Jahres 1914. Vom Kalkül "Angriff ist die beste Verteidigung", das dem Schlieffen-Plan zu Grunde lag, nahmen die anderen Völker Europas nur den Angriff zur Kenntnis. Nach dem August 1914 hatten die Deutschen daher zu keinem Zeitpunkt mehr eine Chance, ihrer Version der Geschehnisse internationale Geltung zu verschaffen. In den Augen der Weltöffentlichkeit war die Frage nach der Kriegsschuld längst beantwortet.

So entstand 1918/19 das folgenreiche Paradox, dass die meisten Deutschen der festen Überzeugung waren, einen Verteidigungskrieg geführt zu haben, während das Reich doch zugleich als militaristischer und alleinschuldiger Aggressor galt. Mit psychologisch verheerender Wirkung kam hinzu, dass die Niederlage zu einem Zeitpunkt unausweichlich wurde, da die Hoffnungen auf den Sieg ihren Höhepunkt erreicht hatten. Dementsprechend wurden die Deutschen im Herbst 1918 einer horrenden Belastungsprobe unterzogen. Zahlreich sind die Zeugnisse von schwerster Erschütterung und Depression, von Weinkrämpfen und Zusammenbrüchen, die gestandene Männer bei der Einsicht in das Unvermeidliche erfassten. Diese Stimmungslage hatte traumatische Züge, und sie wurde durch das Paradox des Sieges, der so nah zu sein schien, verschärft. Für alle national denkenden Deutschen stellte es wohl eine kognitive Überforderung dar, sich nüchtern mit der Kriegslage auseinanderzusetzen.

Vor diesem Hintergrund entfaltete die "Dolchstoßlegende" nicht nur für das extrem nationalistische Spektrum eine entlastende Funktion. Von General Erich Ludendorff, Kopf der Dritten OHL, bewusst in die Welt gesetzt und von Paul von Hindenburg propagiert, presste sie das ebenso Schreckliche wie Unvermutete, nämlich die Niederlage im Kriege, in eine epistemisch gerade noch erträgliche Form. Gegenüber der undurchschaubaren Komplexität des Kriegsgeschehens versprachen die Elemente der "Dolchstoßlegende" leicht fassbare "Erklärungen" für das Unerklärliche.


Fußnoten

4.
Verhandlungen des Reichstags, Stenographische Berichte, Bd. 206 (4.8. 1914 - 16.3. 1916), Berlin 1916, S. 2.
5.
Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II/Bd. 1: 1914 - 1917, Berlin (Ost) 1958, S. 22.
6.
Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871 - 1918, hrsg. v. Rüdiger vom Bruch/Björn Hofmeister, Stuttgart 2000, S. 366. Vgl. zum Kontext Klaus Schwabe, Wissenschaft und Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die politischen Grundfragen des Ersten Weltkriegs, Göttingen 1969, S. 21 - 34.
7.
Zit. nach Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland, Düsseldorf 19672, S. 93.