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Die paradoxe Revolution 1918/19

1.12.2008

Reformbefehl von Reformgegnern



Dass freilich der Krieg keinesfalls verloren wurde, weil die Revolution ausbrach, sondern die Revolution begann, weil der Krieg verloren war, lässt sich an Ludendorffs Handeln Ende September 1918 ablesen. Gleichzeitig mit dem Verweis auf das "Gift spartakistischer Ideen" unternahm er zwei folgenreiche Schritte. Sie sollten das Kaiserreich retten, forcierten faktisch aber sein Ende.

Zum einen wünschte Ludendorff, getrieben von dem Alptraum, die alliierten Truppen könnten im Westen entscheidend durchbrechen, den Krieg baldmöglichst zu beenden. Daher forderte er ultimativ die Herausgabe eines Waffenstillstandsangebotes durch die Reichsleitung. Zugleich erinnerte er sich an das Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Zwar hatten Wilsons "Vierzehn Punkte" vom Januar 1918 bis dahin in den Verlautbarungen der OHL keine Rolle gespielt; jetzt aber, so die Überlegung Ludendorffs, würde dem Deutschen Reich im günstigsten Fall ein maßvoller "Wilson-Frieden" zuteil werden, in dem es weder Sieger noch Besiegte gab. Dies erklärt den ultimativen Druck, den die OHL auf den neuen Reichskanzler Max von Baden ausübte, um das Waffenstillstandsangebot an Wilson herauszugeben. Dabei entbehrte es nicht der Ironie, dass die OHL, welche die Mittel der Politik zur Beendigung des Krieges stets zurückgewiesen hatte, jetzt selbst auf die Politik hoffte, um die Konsequenzen des militärischen Zusammenbruchs abzuwenden. Doch diese Rechnung konnte nicht aufgehen. Statt dessen endete der Krieg in Konfusion. Am 3.Oktober 1918 übersandte die Regierung Max von Baden das Ersuchen um Waffenstillstand und Friedensvermittlung an Wilson: viel zu spät, zugleich überhastet, von nervösen Militärs gedrängt, deren Forderung nach Eile nunmehr jede diplomatische Vorbereitung von Verhandlungen zunichte machte.

Der zweite Schritt, den Ludendorff Ende September 1918 unternahm, ergab sich aus dem ersten: Um die Friedensbedingungen zu verbessern, sollte das Kaiserreich gewissermaßen demokratisch "aufgepeppt" werden. Am 29. September verlangte die OHL daher nachdrücklich die Parlamentarisierung des Reiches - eine Forderung, die sie jahrelang bekämpft hatte. "Ich habe aber S. M. gebeten", erklärte Ludendorff, "jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu verdanken haben, dass wir soweit gekommen sind. Wir werden also diese Herren jetzt in die Ministerien einziehen sehen. (...) Die sollen nun die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben!"[8]

Die erste Konsequenz dieser abrupten Reform von oben war der Rücktritt des Reichskanzlers Georg von Hertling, eines erklärten Reformgegners, am 30. September 1918. Der liberale Prinz Max von Baden bildete daraufhin die erste - und letzte - parlamentarische kaiserliche Regierung. Regierungsverantwortung übernahmen in ihr auch Mitglieder der Reichstagsmehrheit aus SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei, allen voran Friedrich Ebert und Matthias Erzberger. Sie übernahmen damit praktisch die Verantwortung für das Ende des Krieges und für das Eingeständnis der Niederlage. Hier lagen die Wurzeln dafür, dass nach 1919 eine tiefergehende Auseinandersetzung mit jenen Kräften des Kaiserreiches, die den Krieg gewollt, geführt und schließlich verloren hatten, unterblieb. Statt dessen wurde die Weimarer Republik mit der Niederlage belastet, während zugleich die meisten Konservativen und auch nicht wenige Liberale das verlorene Kaiserreich rückblickend in das trügerische Licht verblichenen Glanzes tauchten.

Was die reformorientierten Kräfte im Kaiserreich schon längst angestrebt hatten, immer nachdrücklicher seit 1917, nämlich die Parlamentarisierung des Reiches und die Demokratisierung des Wahlrechts in Preußen, wurde am 28. Oktober 1918 Wirklichkeit. Aber die so genannten Oktoberreformen kamen zu spät, als dass sie noch große Wirkung hätten ausüben können. Der Reichstag war zwar zum entscheidenden politischen Gravitationszentrum geworden; aber er blieb ein Papiertiger und trat erst gar nicht mehr zusammen. Nicht auf die im Grunde sensationellen Reformen blickte das Publikum, sondern auf das Drama der Friedensnoten und das Schicksal des Kaisers. Was zu früheren Zeiten einen großen Integrationsschub für das Kaiserreich hätte bewirken können, verpuffte jetzt. Als eine von notorischen Reformgegnern angeordnete Reform blieb die am Ende überstürzte Parlamentarisierung des Reiches ohne Wirkung.


Fußnoten

8.
Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, hrsg. u. bearb. v. Herbert Michaelis/Ernst Schraepler, Berlin o.J., Bd. II, S. 323.