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Die paradoxe Revolution 1918/19

1.12.2008

Revolutionserwartung ohne Revolution



Dass die finale Krise des Kaiserreichs in der Revolution endete, war für die meisten überraschend, und dies galt auch für jene Kräfte, die dezidiert auf den Umsturz hinarbeiteten, wie etwa die Revolutionären Obleute in Berlin. Sie hielten das Kaiserreich für umsturzreif und planten die Revolution nach den Regeln des Syndikalismus. Den Beginn der Revolution legten die Obleute zunächst auf den 4. November 1918 fest. Aus taktischen Erwägungen wurde der Termin dann wieder abgesagt und die revolutionäre Aktion auf den 11. November verschoben. Dieses Mal war es allerdings zu spät. In der Zwischenzeit war die Revolution ausgebrochen, nicht geplant, sondern improvisiert.[9]

Dessen ungeachtet setzte der 9. November hochfliegende Erwartungen frei. Doch die Hoffnungen, die nun viele Arbeiter und heimkehrende Soldaten mit der Revolution verbanden, stießen sich am Willen der mehrheitssozialdemokratischen Führer, die Revolution zu mäßigen. Diese von Beginn an spürbare Diskrepanz zwischen Revolutionserwartung und Revolutionsabkehr ist zu einem der problematischsten Züge in der Entstehungsgeschichte der Weimarer Republik geworden.

Das 1891 in Erfurt beschlossene Parteiprogramm der SPD folgte in seinem grundsätzlichen Teil zwar unbeirrt dem Vokabular des orthodoxen Marxismus. Faktisch aber verfügte die Partei über keine Blaupause für eine revolutionäre Situation. Überdies hatte sich im sozialdemokratischen Sprachgebrauch seit der Jahrhundertwende eine allmähliche Metamorphose der Inhalte vollzogen. Begriffe wie "Klassenkampf", "Revolution" oder "Diktatur des Proletariats" standen einer pragmatischen Umwertung offen. So ließ sich Klassenkampf auch in Form parlamentarisch-demokratischer Auseinandersetzung betreiben. Revolution ließ sich ökonomisch, als "wirtschaftliche Revolution" begreifen, das heißt als allmähliche und gewaltlose, demokratisch legitimierte Umgestaltung der Produktionsverhältnisse. Diktatur des Proletariats schließlich konnte auch als Metapher für stabile sozialdemokratische Mehrheiten im Reichstag dienen.

Tatsächlich war die SPD 1918 zumindest auf Funktionärsebene keine revolutionäre Partei mehr. Ihre Politik richtete sich vielmehr auf die Fortentwicklung des Bestehenden. Die Ziele lauteten: parlamentarische Demokratie, Frauenwahlrecht, Verbesserung der materiellen Arbeitsverhältnisse und Ausbau des Sozialstaats. Alles dies war eine Politik der Evolution, nicht der Revolution. Der seit dem 9. November 1918 amtierende Rat der Volksbeauftragten tat denn auch alles dazu, den Rechtsstaat zu konsolidieren. Er kanalisierte die Revolution und überführte sie in eine parlamentarisch-demokratische Form. Kontinuität war wichtiger als Umwälzung.

Das lag freilich weniger daran, dass die Deutschen nicht in der Lage gewesen wären, eine Revolution zu machen: dass sie, wie Lenin spottete, nicht einmal einen Bahnhof besetzen konnten, ohne zuvor eine Bahnsteigkarte gelöst zu haben. Vielmehr schärft der Vergleich mit dem zaristischen, polizeistaatlichen Russland den Blick für entscheidende strukturelle Unterschiede. Trotz aller obrigkeitsstaatlichen Züge bot das wilhelminische Kaiserreich der Arbeiterschaft beachtliche Organisationsmöglichkeiten und ein gewisses Maß an politischer Partizipation. Es bot eine hinlänglich rechtsstaatliche Ordnung, ein Minimum an sozialer Sicherheit und eine kleine Chance auf bescheidenes Wohlergehen. Es war nicht zuletzt dieser erfahrungsgeschichtliche Hintergrund, der die "Generation Ebert" eine Revolution nach bolschewistischem Muster dezidiert ablehnen ließ.[10] Die SPD wollte keine Revolution auf Bajonetten, sondern eine demokratische Willensbildung. Dementsprechend sollte die Wahl zur Nationalversammlung schnellstmöglich durchgeführt und jedes revolutionäre fait accompli vermieden werden.

Allerdings konnten sich längst nicht alle Kräfte der Arbeiterbewegung mit einer solchen Haltung anfreunden. Zwar hatten die Spartakisten auf der äußersten Linken zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheitschance. Auch die große Mehrheit der Arbeiter- und Soldatenräte war sozialdemokratisch orientiert, wobei offen blieb, ob sie stärker zur Mehrheitssozialdemokratie oder zu den Unabhängigen tendierten. Als aber die Revolution einmal begonnen hatte, förderte sie bei vielen sozialdemokratischen Arbeitern und Agitatoren, Funktionären und Redakteuren die politisch-soziale Phantasie. Gerade vor dem Hintergrund, dass es sich um eine revolutionäre, also scheinbar offene Situation handelte, schien vielen mehr und anderes möglich zu sein, als die sozialdemokratische Führung vorgab.

Insbesondere bestand die sichere Erwartung, dass die Macht der Unternehmer wenn nicht gebrochen, so doch zurückgedrängt werden würde - aber schon am 15. November 1918, gleichsam im Rücken der Revolution, verständigten sich Gewerkschaftsführung und Unternehmer auf den Achtstundentag, Tarifverträge und die Wahrung der Besitzverhältnisse. Ferner bestand die sichere Erwartung, zumindest Banken und Schwerindustrie würden sozialisiert werden - doch die Sozialisierung wurde von der MSPD halbherzig angegangen und auf die Zeit nach den Wahlen zur Nationalversammlung verschoben. Zumindest aber bestand die sichere Erwartung, die alte Militärführung werde entmachtet - statt dessen verabredeten Friedrich Ebert und Wilhelm Groener, Ludendorffs Nachfolger in der OHL, wechselseitige Unterstützung. Schließlich bestand die sichere Erwartung, dass die obrigkeitsstaatlichen Strukturen in Verwaltung und Justiz beseitigt würden - doch der Rat der Volksbeauftragten beeilte sich, "die Gehalts-, Pensions- und sonstigen Rechtsansprüche der in öffentlichen Diensten stehenden Beamten und Angestellten" zu garantieren.[11]

Tatsächlich fand in keinem dieser Bereiche überhaupt so etwas wie eine Revolution statt. Schon viele Zeitgenossen kritisierten die mehrheitssozialdemokratische Führung unter Ebert und Philipp Scheidemann dafür scharf. Und auch in der Forschung bestand lange Zeit die Neigung, in der Regierungspolitik der MSPD schwere Versäumnisse zu beklagen. Statt dessen glaubte man in den Räten ein Potential zu erkennen, das kraft revolutionären Rechtes zur "Fundamentaldemokratisierung" der deutschen Gesellschaft hätte genutzt werden können.[12] Aber die Plausibilität dieser These ist fraglich. Jedes revolutionäre fait accompli wäre demokratisch nicht legitimiert, faktisch also eine Art Willkürakt gewesen. Die Integrationsfähigkeit der Weimarer Republik hätte dies kaum erhöht. Im bürgerlichen Lager wäre zum Beispiel der Präzedenzfall einer demokratisch nicht legitimierten Sozialisierung als schwerster Rechtsbruch empfunden worden. Er hätte die gegenrevolutionären Kräfte in noch stärkerem Maße auf den Plan gerufen, als dies ohnehin schon der Fall war.

Wenn also eher wenig dafür spricht, dass wirtschafts- und gesellschaftspolitische Quasi-Willkürakte in der labilen Übergangsphase des Winters 1918/19 zur Befriedung Deutschlands beigetragen hätten, so wurde doch umgekehrt die immense Enttäuschung, welche die Regierungspolitik unvermeidlich hervorrief, für die Weimarer Republik zu einer schweren Belastung. Die Kluft, die sich zwischen der Enttäuschung über den Verlauf der Revolution und der gegenrevolutionären Mobilisierung auftat, wurde seit Mitte Dezember 1918 immer tiefer. Im Rat der Volksbeauftragten zerbrach darüber die Koalition zwischen der MSPD und der auf das "Weitertreiben" der Revolution drängenden USPD.

Seit Ende 1918 eskalierte die Situation immer häufiger in gewaltsamen Auseinandersetzungen. Auf der einen Seite setzte die extreme Linke ihre hemmungslose Agitation gegen die Regierung fort; auf der anderen Seite stand das ungemein brutale Vorgehen der neugebildeten Freikorpstruppen. Beginnend mit dem Berliner "Januaraufstand", in dessen Verlauf am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden, entwickelten sich in Deutschland während der ersten Jahreshälfte 1919 mehr als einmal bürgerkriegsähnliche Zustände.


Fußnoten

9.
Vgl. Theodor Eschenburg, Die improvisierte Republik. Gesammelte Aufsätze zur Weimarer Republik, München 1963, S. 38f. u. S. 62.
10.
Vgl. Bernd Braun, Die "Generation Ebert", in: ders./Klaus Schönhoven (Hrsg.), Generationen in der Arbeiterbewegung, München 2005, S. 69 - 86.
11.
Bekanntmachung des Rats der Volksbeauftragten vom 15.11. 1918, abgedruckt in: Die deutsche Revolution 1918 - 1919. Dokumente, hrsg. v. Gerhard Ritter/Susanne Miller, Frankfurt/M. 19832, S. 229.
12.
Exemplarisch: Reinhard Rürup, Probleme der Revolution in Deutschland 1918/19, Wiesbaden 1968.