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Die paradoxe Revolution 1918/19

1.12.2008

Die Revolution, die niemand wollte



Dies führt zur letzten, wohl fundamentalsten Paradoxie des Umbruchs von 1918/19. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich nämlich, dass faktisch keine einzige der politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Deutschland diese Revolution gewollt hatte und dass es fast allen schwer fiel, sie zu akzeptieren.

Die nationalkonservativen und monarchistischen Gruppierungen vermochten im November 1918 ohnehin nichts anderes zu sehen als den Zusammenbruch ihrer politischen Wünsche, Hoffnungen und Träume. Viele bürgerliche Liberale und Zentrumsanhänger vermochten sich höchstens zu einer "vernunftrepublikanischen" Haltung durchzuringen, indem sie sich auf den "Boden der Tatsachen" stellten.[13] Längerfristig konnte von hier aus eine echte Identifikation mit der Republik ausgehen - wie zum Beispiel bei Thomas Mann. Dies blieb aber die Ausnahme, und ein grundsätzlich affirmatives Verhältnis zur revolutionären Gründungsgeschichte der Weimarer Republik begründete auch der Vernunftrepublikanismus nicht.

Die zur äußeren Linken tendierenden Kräfte hatten zwar die Revolution gewollt, aber nicht diese Revolution. Ihnen galt das Verhalten der SPD-Führung in der Revolution als "Verrat" an der Arbeiterbewegung. Damit wurde die ganze sozialdemokratische Spaltungsgeschichte - vom Revisionismusstreit über die Bewilligung der Kriegskredite am 4. August 1914 bis zur Gründung der USPD 1917 - um ein weiteres bitteres und gewaltsam ausgetragenes Kapitel fortgeschrieben. Freilich hatte auch die MSPD-Führung die Revolution nicht gewollt; aber Ebert, Scheidemann und viele andere übernahmen in den Ruinen des alten Regimes das, was andere wohlweislich scheuten: politische Verantwortung. Indem sie dies tat, wurde die MSPD zum Hauptakteur des Umbruchs von 1918/19 und daher auch stets mit der Revolution, die sie nicht angestrebt hatte, identifiziert.

Vor diesem Hintergrund ist schon früh die Frage gestellt worden, ob die Revolution von 1918/19 nicht gleichsam eine überflüssige Revolution war, weil sie im Grunde nicht mehr erreichte, als bereits durch die Oktoberreformen kodifiziert worden war, nämlich die parlamentarische Regierungsform. Eine solche Anschauung würde zwar wesentliche Aspekte wie den politischen Mobilisierungs- und Partizipationsschub, die sozialpolitische Expansion und die überbordende Fülle der Weimarer Kultur ausblenden. Aber sie verweist einmal mehr auf den paradoxen Grundzug der Revolution, der sich im Kern freilich aus der widersprüchlichen Natur des Kaiserreiches ergab.

Einerseits der modernste Staat des europäischen Kontinents, war es andererseits doch zur Reform aus eigener Kraft bis zuletzt nicht fähig. Zuviel preußischer Obrigkeitsstaat, zuviel militärische Autonomie außerhalb der Verfassung, aber auch zu tiefe soziale und politisch-kulturelle Gräben kennzeichneten das Kaiserreich.[14] Es bedurfte daher des von außen kommenden Anstoßes der Einsicht in die Niederlage, um den überfälligen Reformprozess in Gang zu setzen. Zugleich freilich bestätigten die paradoxen Folgen einmal mehr den Satz von Alexis de Tocqueville, wonach es für eine schlechte Regierung dann am gefährlichsten wird, wenn sie beginnt, sich zu reformieren.

Vor diesem Hintergrund wäre es unhistorisch, von der Weichenstellung der Jahre 1918/19 ex post einen staatlichen Gründungsakt und gesellschaftlichen Zukunftsentwurf "aus einem Guss" zu erwarten. Vielmehr offenbart die Geschichte der Revolution exemplarisch die tiefen Widersprüche und Belastungen, die den Weg der deutschen Gesellschaft in die Moderne säumten und die auch nach dem Ende des Weltkriegs fortbestanden. So wurde das Jahr 1919 wohl unvermeidlich zum Jahr der Enttäuschungen und der neuen Polarisierungen. Nur zum geringsten Teil hatte dies die junge Republik selbst zu verantworten; das Legitimationsdefizit, das ihr von Beginn an anhaftete, vermochte sie jedoch während ihrer kurzen Geschichte nicht zu tilgen.


Fußnoten

13.
Vgl. hierzu jetzt: Andreas Wirsching/Jürgen Eder (Hrsg.), Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft, Stuttgart 2008.
14.
Vgl. Wolfgang Sauer, Das Scheitern der parlamentarischen Monarchie, in: Eberhard Kolb (Hrsg.), Vom Kaiserreich zur Republik, Köln 1972, S. 77 - 99.