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Die paradoxe Revolution 1918/19


1.12.2008
Konzentriert auf die Kriegsniederlage, die überhasteten Oktoberreformen und die tiefen Gegensätze in der Arbeiterbewegung, spitzt der Beitrag die Widersprüche der Revolution thesenhaft zu.

Einleitung



Die Revolution von 1918/19 gehört zu den wichtigsten Weichenstellungen der jüngeren deutschen Geschichte. Allerdings prallten in ihrem Verlauf unterschiedliche, ja unversöhnliche Potentiale aufeinander. Hoffnung und Furcht, Idealismus und Unterdrückung, hochfliegende Erwartungen und tiefe Enttäuschungen verbanden sich in ihr. Entsprechend widersprüchlich blieb die Erfahrungsgeschichte der Revolution. Für die einen, insbesondere die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD), repräsentierte sie eine gleichsam heroische Anstrengung mit Elementen des tragischen Scheiterns. Für die anderen verkörperte sie ein nationales Unglück, während wieder andere sich von ihr einen vorwärtsweisenden Entwicklungsschritt der deutschen Geschichte erhofften.




Für die republikfeindlichen und antidemokratischen Extremisten hingegen war die Revolution von vornherein kontaminiert durch ihren angeblich verräterischen Charakter: Die Kommunisten folgten Lenins Behauptung vom "Arbeiterverrat" der Sozialdemokratie, während die äußerste Rechte das giftige Wort vom "Hochverrat" prägte und die Revolution kriminalisierte. Solche extreme Widersprüchlichkeit der Erinnerung spiegelte die politische Zerrissenheit der Weimarer Gesellschaft. In der Persönlichkeit des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der im Weltkrieg zwei Söhne verloren hatte und von der extremen Linken als "Arbeiterverräter", von der extremen Rechten als "Landesverräter" gebrandmarkt wurde, fand sie eine auf geradezu tragische Weise zugespitzte Verkörperung.[1] Lange Zeit orientierte sich die Geschichtsschreibung an den zeitgenössischen Erfahrungsebenen. Das frühe, ebenso apodiktische wie einflussreiche Urteil Karl Dietrich Erdmanns, wonach 1918/19 ein klares "Entweder-Oder" zwischen parlamentarischer Demokratie im Bund mit den konservativen Kräften einerseits und der bolschewistischen Diktatur andererseits bestanden habe, folgte im Wesentlichen der Selbstwahrnehmung der mehrheitssozialdemokratischen Führer.[2] Die stark von Arthur Rosenberg beeinflusste Revision dieser These sprach dagegen von einem überzogenen Antibolschewismus, postulierte eine "offene Situation" und erblickte in den Arbeiter- und Soldatenräten ein zu nutzendes demokratisches Potential. Damit folgte sie im Wesentlichen der Selbstwahrnehmung der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD).[3]

Je eindeutiger die ältere Geschichtsschreibung solch normative Positionen bezog, desto stärker tendierte sie dazu, angesichts des Scheiterns der Weimarer Republik politische Ex-post-Urteile zu treffen und von Versäumnissen oder "Fehlern" der Akteure zu sprechen. Meist stand dahinter der unausgesprochene Wunsch, der deutschen Geschichte die Möglichkeit eines "anderen", vielversprechenderen Weges zu eröffnen. Heute dagegen braucht die Weimarer Geschichte nicht mehr zur Identitätssicherung in Anspruch genommen zu werden. Vielmehr gilt es, die zutiefst widersprüchliche Signatur der Epoche als solche ernst zu nehmen und sie zum Ausgangspunkt historischen Fragens zu machen. Erst wenn der Ereignisverlauf in seiner Komplexität betrachtet wird, lassen sich auch seine Resultate akzeptieren, und die Versuchung sinkt, rückblickend historisch-politische Zensuren zu verteilen. Auch die Ende 1919 allumfassend spürbare Enttäuschung über den Verlauf der Revolution wird dann zu einer gleichsam eigenständigen historischen Kategorie. Sie erscheint weniger als Folge von falschen Entscheidungen oder Fehlern der Akteure denn als Ergebnis einer widersprüchlichen und unbeherrschbaren Komplexität.

In diesem Sinne und in thesenhaft zugespitzter Auswahl werden im Folgenden vier Widerspruchsfelder vermessen. Gemeinsam konstituierten sie ein paradoxes Spannungsfeld, in dem sich die Revolution vorbereitete, entfaltete, polarisierte und zugleich erschöpfte.

Verteidigungs- und Angriffskrieg zugleich



Für die übergroße Mehrheit der Deutschen galt im Herbst 1918 dieselbe verbindliche Deutung des Geschehens wie vier Jahre zuvor: Die Deutschen hatten einen Verteidigungskrieg gefochten. Die ebenso markigen wie schicksalsschweren Worte vom August/September 1914 hallten noch nach: "In aufgedrungener Notwehr, mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert", so Kaiser Wilhelm II. in seiner Thronrede vom 4. August 1914.[4] "Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen", lautete das Echo der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion.[5] "Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann", resümierten 93 deutsche Professoren in ihrem Aufruf "An die Kulturwelt" vom September 1914.[6]

Aber der Gedanke des Verteidigungskrieges war von Beginn an kontaminiert durch die Idee des "Siegfriedens", das heißt eines Friedens, in dem das Kaiserreich seinen Gegnern die Bedingungen des Friedens diktieren konnte. Eine solche Idee des "Siegfriedens" wirkte bei der nationalen Rechten integrativ, und die Dritte Oberste Heeresleitung (OHL) verfolgte sie mit zäher Konsequenz. Überdies ließ sich Verteidigung vor dem Hintergrund der Zweifrontenkonstellation auch begreifen als "Sicherung des Deutschen Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit", wie es Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg im so genannten "Septemberprogramm" von 1914 formuliert hatte.[7] Aber eine solche voluntaristische Befreiung aus der geographischen Mittellage erforderte dann eben doch Annexionen, wirtschaftliche Großraumordnung, kurz: deutsche Hegemonie - gerade so, wie es der Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 programmatisch in die Tat umsetzte.

Hinzu kamen die Umstände des Kriegsbeginns. Bekanntlich suchte das Kaiserreich sein politisch-diplomatisches Problem, die so genannte "Einkreisung", mit militärstrategischen Mitteln zu lösen. Das alternativlose Mittel der Wahl hierzu war der Schlieffen-Plan, der die rasche Niederwerfung Frankreichs vorsah, um sodann mit geballter Kraft den Krieg im Osten führen zu können. In der Konsequenz freilich erschien Deutschland als der Hauptschuldige des Jahres 1914. Vom Kalkül "Angriff ist die beste Verteidigung", das dem Schlieffen-Plan zu Grunde lag, nahmen die anderen Völker Europas nur den Angriff zur Kenntnis. Nach dem August 1914 hatten die Deutschen daher zu keinem Zeitpunkt mehr eine Chance, ihrer Version der Geschehnisse internationale Geltung zu verschaffen. In den Augen der Weltöffentlichkeit war die Frage nach der Kriegsschuld längst beantwortet.

So entstand 1918/19 das folgenreiche Paradox, dass die meisten Deutschen der festen Überzeugung waren, einen Verteidigungskrieg geführt zu haben, während das Reich doch zugleich als militaristischer und alleinschuldiger Aggressor galt. Mit psychologisch verheerender Wirkung kam hinzu, dass die Niederlage zu einem Zeitpunkt unausweichlich wurde, da die Hoffnungen auf den Sieg ihren Höhepunkt erreicht hatten. Dementsprechend wurden die Deutschen im Herbst 1918 einer horrenden Belastungsprobe unterzogen. Zahlreich sind die Zeugnisse von schwerster Erschütterung und Depression, von Weinkrämpfen und Zusammenbrüchen, die gestandene Männer bei der Einsicht in das Unvermeidliche erfassten. Diese Stimmungslage hatte traumatische Züge, und sie wurde durch das Paradox des Sieges, der so nah zu sein schien, verschärft. Für alle national denkenden Deutschen stellte es wohl eine kognitive Überforderung dar, sich nüchtern mit der Kriegslage auseinanderzusetzen.

Vor diesem Hintergrund entfaltete die "Dolchstoßlegende" nicht nur für das extrem nationalistische Spektrum eine entlastende Funktion. Von General Erich Ludendorff, Kopf der Dritten OHL, bewusst in die Welt gesetzt und von Paul von Hindenburg propagiert, presste sie das ebenso Schreckliche wie Unvermutete, nämlich die Niederlage im Kriege, in eine epistemisch gerade noch erträgliche Form. Gegenüber der undurchschaubaren Komplexität des Kriegsgeschehens versprachen die Elemente der "Dolchstoßlegende" leicht fassbare "Erklärungen" für das Unerklärliche.

Reformbefehl von Reformgegnern



Dass freilich der Krieg keinesfalls verloren wurde, weil die Revolution ausbrach, sondern die Revolution begann, weil der Krieg verloren war, lässt sich an Ludendorffs Handeln Ende September 1918 ablesen. Gleichzeitig mit dem Verweis auf das "Gift spartakistischer Ideen" unternahm er zwei folgenreiche Schritte. Sie sollten das Kaiserreich retten, forcierten faktisch aber sein Ende.

Zum einen wünschte Ludendorff, getrieben von dem Alptraum, die alliierten Truppen könnten im Westen entscheidend durchbrechen, den Krieg baldmöglichst zu beenden. Daher forderte er ultimativ die Herausgabe eines Waffenstillstandsangebotes durch die Reichsleitung. Zugleich erinnerte er sich an das Friedensprogramm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Zwar hatten Wilsons "Vierzehn Punkte" vom Januar 1918 bis dahin in den Verlautbarungen der OHL keine Rolle gespielt; jetzt aber, so die Überlegung Ludendorffs, würde dem Deutschen Reich im günstigsten Fall ein maßvoller "Wilson-Frieden" zuteil werden, in dem es weder Sieger noch Besiegte gab. Dies erklärt den ultimativen Druck, den die OHL auf den neuen Reichskanzler Max von Baden ausübte, um das Waffenstillstandsangebot an Wilson herauszugeben. Dabei entbehrte es nicht der Ironie, dass die OHL, welche die Mittel der Politik zur Beendigung des Krieges stets zurückgewiesen hatte, jetzt selbst auf die Politik hoffte, um die Konsequenzen des militärischen Zusammenbruchs abzuwenden. Doch diese Rechnung konnte nicht aufgehen. Statt dessen endete der Krieg in Konfusion. Am 3.Oktober 1918 übersandte die Regierung Max von Baden das Ersuchen um Waffenstillstand und Friedensvermittlung an Wilson: viel zu spät, zugleich überhastet, von nervösen Militärs gedrängt, deren Forderung nach Eile nunmehr jede diplomatische Vorbereitung von Verhandlungen zunichte machte.

Der zweite Schritt, den Ludendorff Ende September 1918 unternahm, ergab sich aus dem ersten: Um die Friedensbedingungen zu verbessern, sollte das Kaiserreich gewissermaßen demokratisch "aufgepeppt" werden. Am 29. September verlangte die OHL daher nachdrücklich die Parlamentarisierung des Reiches - eine Forderung, die sie jahrelang bekämpft hatte. "Ich habe aber S. M. gebeten", erklärte Ludendorff, "jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu verdanken haben, dass wir soweit gekommen sind. Wir werden also diese Herren jetzt in die Ministerien einziehen sehen. (...) Die sollen nun die Suppe essen, die sie uns eingebrockt haben!"[8]

Die erste Konsequenz dieser abrupten Reform von oben war der Rücktritt des Reichskanzlers Georg von Hertling, eines erklärten Reformgegners, am 30. September 1918. Der liberale Prinz Max von Baden bildete daraufhin die erste - und letzte - parlamentarische kaiserliche Regierung. Regierungsverantwortung übernahmen in ihr auch Mitglieder der Reichstagsmehrheit aus SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei, allen voran Friedrich Ebert und Matthias Erzberger. Sie übernahmen damit praktisch die Verantwortung für das Ende des Krieges und für das Eingeständnis der Niederlage. Hier lagen die Wurzeln dafür, dass nach 1919 eine tiefergehende Auseinandersetzung mit jenen Kräften des Kaiserreiches, die den Krieg gewollt, geführt und schließlich verloren hatten, unterblieb. Statt dessen wurde die Weimarer Republik mit der Niederlage belastet, während zugleich die meisten Konservativen und auch nicht wenige Liberale das verlorene Kaiserreich rückblickend in das trügerische Licht verblichenen Glanzes tauchten.

Was die reformorientierten Kräfte im Kaiserreich schon längst angestrebt hatten, immer nachdrücklicher seit 1917, nämlich die Parlamentarisierung des Reiches und die Demokratisierung des Wahlrechts in Preußen, wurde am 28. Oktober 1918 Wirklichkeit. Aber die so genannten Oktoberreformen kamen zu spät, als dass sie noch große Wirkung hätten ausüben können. Der Reichstag war zwar zum entscheidenden politischen Gravitationszentrum geworden; aber er blieb ein Papiertiger und trat erst gar nicht mehr zusammen. Nicht auf die im Grunde sensationellen Reformen blickte das Publikum, sondern auf das Drama der Friedensnoten und das Schicksal des Kaisers. Was zu früheren Zeiten einen großen Integrationsschub für das Kaiserreich hätte bewirken können, verpuffte jetzt. Als eine von notorischen Reformgegnern angeordnete Reform blieb die am Ende überstürzte Parlamentarisierung des Reiches ohne Wirkung.

Revolutionserwartung ohne Revolution



Dass die finale Krise des Kaiserreichs in der Revolution endete, war für die meisten überraschend, und dies galt auch für jene Kräfte, die dezidiert auf den Umsturz hinarbeiteten, wie etwa die Revolutionären Obleute in Berlin. Sie hielten das Kaiserreich für umsturzreif und planten die Revolution nach den Regeln des Syndikalismus. Den Beginn der Revolution legten die Obleute zunächst auf den 4. November 1918 fest. Aus taktischen Erwägungen wurde der Termin dann wieder abgesagt und die revolutionäre Aktion auf den 11. November verschoben. Dieses Mal war es allerdings zu spät. In der Zwischenzeit war die Revolution ausgebrochen, nicht geplant, sondern improvisiert.[9]

Dessen ungeachtet setzte der 9. November hochfliegende Erwartungen frei. Doch die Hoffnungen, die nun viele Arbeiter und heimkehrende Soldaten mit der Revolution verbanden, stießen sich am Willen der mehrheitssozialdemokratischen Führer, die Revolution zu mäßigen. Diese von Beginn an spürbare Diskrepanz zwischen Revolutionserwartung und Revolutionsabkehr ist zu einem der problematischsten Züge in der Entstehungsgeschichte der Weimarer Republik geworden.

Das 1891 in Erfurt beschlossene Parteiprogramm der SPD folgte in seinem grundsätzlichen Teil zwar unbeirrt dem Vokabular des orthodoxen Marxismus. Faktisch aber verfügte die Partei über keine Blaupause für eine revolutionäre Situation. Überdies hatte sich im sozialdemokratischen Sprachgebrauch seit der Jahrhundertwende eine allmähliche Metamorphose der Inhalte vollzogen. Begriffe wie "Klassenkampf", "Revolution" oder "Diktatur des Proletariats" standen einer pragmatischen Umwertung offen. So ließ sich Klassenkampf auch in Form parlamentarisch-demokratischer Auseinandersetzung betreiben. Revolution ließ sich ökonomisch, als "wirtschaftliche Revolution" begreifen, das heißt als allmähliche und gewaltlose, demokratisch legitimierte Umgestaltung der Produktionsverhältnisse. Diktatur des Proletariats schließlich konnte auch als Metapher für stabile sozialdemokratische Mehrheiten im Reichstag dienen.

Tatsächlich war die SPD 1918 zumindest auf Funktionärsebene keine revolutionäre Partei mehr. Ihre Politik richtete sich vielmehr auf die Fortentwicklung des Bestehenden. Die Ziele lauteten: parlamentarische Demokratie, Frauenwahlrecht, Verbesserung der materiellen Arbeitsverhältnisse und Ausbau des Sozialstaats. Alles dies war eine Politik der Evolution, nicht der Revolution. Der seit dem 9. November 1918 amtierende Rat der Volksbeauftragten tat denn auch alles dazu, den Rechtsstaat zu konsolidieren. Er kanalisierte die Revolution und überführte sie in eine parlamentarisch-demokratische Form. Kontinuität war wichtiger als Umwälzung.

Das lag freilich weniger daran, dass die Deutschen nicht in der Lage gewesen wären, eine Revolution zu machen: dass sie, wie Lenin spottete, nicht einmal einen Bahnhof besetzen konnten, ohne zuvor eine Bahnsteigkarte gelöst zu haben. Vielmehr schärft der Vergleich mit dem zaristischen, polizeistaatlichen Russland den Blick für entscheidende strukturelle Unterschiede. Trotz aller obrigkeitsstaatlichen Züge bot das wilhelminische Kaiserreich der Arbeiterschaft beachtliche Organisationsmöglichkeiten und ein gewisses Maß an politischer Partizipation. Es bot eine hinlänglich rechtsstaatliche Ordnung, ein Minimum an sozialer Sicherheit und eine kleine Chance auf bescheidenes Wohlergehen. Es war nicht zuletzt dieser erfahrungsgeschichtliche Hintergrund, der die "Generation Ebert" eine Revolution nach bolschewistischem Muster dezidiert ablehnen ließ.[10] Die SPD wollte keine Revolution auf Bajonetten, sondern eine demokratische Willensbildung. Dementsprechend sollte die Wahl zur Nationalversammlung schnellstmöglich durchgeführt und jedes revolutionäre fait accompli vermieden werden.

Allerdings konnten sich längst nicht alle Kräfte der Arbeiterbewegung mit einer solchen Haltung anfreunden. Zwar hatten die Spartakisten auf der äußersten Linken zu keinem Zeitpunkt eine Mehrheitschance. Auch die große Mehrheit der Arbeiter- und Soldatenräte war sozialdemokratisch orientiert, wobei offen blieb, ob sie stärker zur Mehrheitssozialdemokratie oder zu den Unabhängigen tendierten. Als aber die Revolution einmal begonnen hatte, förderte sie bei vielen sozialdemokratischen Arbeitern und Agitatoren, Funktionären und Redakteuren die politisch-soziale Phantasie. Gerade vor dem Hintergrund, dass es sich um eine revolutionäre, also scheinbar offene Situation handelte, schien vielen mehr und anderes möglich zu sein, als die sozialdemokratische Führung vorgab.

Insbesondere bestand die sichere Erwartung, dass die Macht der Unternehmer wenn nicht gebrochen, so doch zurückgedrängt werden würde - aber schon am 15. November 1918, gleichsam im Rücken der Revolution, verständigten sich Gewerkschaftsführung und Unternehmer auf den Achtstundentag, Tarifverträge und die Wahrung der Besitzverhältnisse. Ferner bestand die sichere Erwartung, zumindest Banken und Schwerindustrie würden sozialisiert werden - doch die Sozialisierung wurde von der MSPD halbherzig angegangen und auf die Zeit nach den Wahlen zur Nationalversammlung verschoben. Zumindest aber bestand die sichere Erwartung, die alte Militärführung werde entmachtet - statt dessen verabredeten Friedrich Ebert und Wilhelm Groener, Ludendorffs Nachfolger in der OHL, wechselseitige Unterstützung. Schließlich bestand die sichere Erwartung, dass die obrigkeitsstaatlichen Strukturen in Verwaltung und Justiz beseitigt würden - doch der Rat der Volksbeauftragten beeilte sich, "die Gehalts-, Pensions- und sonstigen Rechtsansprüche der in öffentlichen Diensten stehenden Beamten und Angestellten" zu garantieren.[11]

Tatsächlich fand in keinem dieser Bereiche überhaupt so etwas wie eine Revolution statt. Schon viele Zeitgenossen kritisierten die mehrheitssozialdemokratische Führung unter Ebert und Philipp Scheidemann dafür scharf. Und auch in der Forschung bestand lange Zeit die Neigung, in der Regierungspolitik der MSPD schwere Versäumnisse zu beklagen. Statt dessen glaubte man in den Räten ein Potential zu erkennen, das kraft revolutionären Rechtes zur "Fundamentaldemokratisierung" der deutschen Gesellschaft hätte genutzt werden können.[12] Aber die Plausibilität dieser These ist fraglich. Jedes revolutionäre fait accompli wäre demokratisch nicht legitimiert, faktisch also eine Art Willkürakt gewesen. Die Integrationsfähigkeit der Weimarer Republik hätte dies kaum erhöht. Im bürgerlichen Lager wäre zum Beispiel der Präzedenzfall einer demokratisch nicht legitimierten Sozialisierung als schwerster Rechtsbruch empfunden worden. Er hätte die gegenrevolutionären Kräfte in noch stärkerem Maße auf den Plan gerufen, als dies ohnehin schon der Fall war.

Wenn also eher wenig dafür spricht, dass wirtschafts- und gesellschaftspolitische Quasi-Willkürakte in der labilen Übergangsphase des Winters 1918/19 zur Befriedung Deutschlands beigetragen hätten, so wurde doch umgekehrt die immense Enttäuschung, welche die Regierungspolitik unvermeidlich hervorrief, für die Weimarer Republik zu einer schweren Belastung. Die Kluft, die sich zwischen der Enttäuschung über den Verlauf der Revolution und der gegenrevolutionären Mobilisierung auftat, wurde seit Mitte Dezember 1918 immer tiefer. Im Rat der Volksbeauftragten zerbrach darüber die Koalition zwischen der MSPD und der auf das "Weitertreiben" der Revolution drängenden USPD.

Seit Ende 1918 eskalierte die Situation immer häufiger in gewaltsamen Auseinandersetzungen. Auf der einen Seite setzte die extreme Linke ihre hemmungslose Agitation gegen die Regierung fort; auf der anderen Seite stand das ungemein brutale Vorgehen der neugebildeten Freikorpstruppen. Beginnend mit dem Berliner "Januaraufstand", in dessen Verlauf am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden, entwickelten sich in Deutschland während der ersten Jahreshälfte 1919 mehr als einmal bürgerkriegsähnliche Zustände.

Die Revolution, die niemand wollte



Dies führt zur letzten, wohl fundamentalsten Paradoxie des Umbruchs von 1918/19. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich nämlich, dass faktisch keine einzige der politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Deutschland diese Revolution gewollt hatte und dass es fast allen schwer fiel, sie zu akzeptieren.

Die nationalkonservativen und monarchistischen Gruppierungen vermochten im November 1918 ohnehin nichts anderes zu sehen als den Zusammenbruch ihrer politischen Wünsche, Hoffnungen und Träume. Viele bürgerliche Liberale und Zentrumsanhänger vermochten sich höchstens zu einer "vernunftrepublikanischen" Haltung durchzuringen, indem sie sich auf den "Boden der Tatsachen" stellten.[13] Längerfristig konnte von hier aus eine echte Identifikation mit der Republik ausgehen - wie zum Beispiel bei Thomas Mann. Dies blieb aber die Ausnahme, und ein grundsätzlich affirmatives Verhältnis zur revolutionären Gründungsgeschichte der Weimarer Republik begründete auch der Vernunftrepublikanismus nicht.

Die zur äußeren Linken tendierenden Kräfte hatten zwar die Revolution gewollt, aber nicht diese Revolution. Ihnen galt das Verhalten der SPD-Führung in der Revolution als "Verrat" an der Arbeiterbewegung. Damit wurde die ganze sozialdemokratische Spaltungsgeschichte - vom Revisionismusstreit über die Bewilligung der Kriegskredite am 4. August 1914 bis zur Gründung der USPD 1917 - um ein weiteres bitteres und gewaltsam ausgetragenes Kapitel fortgeschrieben. Freilich hatte auch die MSPD-Führung die Revolution nicht gewollt; aber Ebert, Scheidemann und viele andere übernahmen in den Ruinen des alten Regimes das, was andere wohlweislich scheuten: politische Verantwortung. Indem sie dies tat, wurde die MSPD zum Hauptakteur des Umbruchs von 1918/19 und daher auch stets mit der Revolution, die sie nicht angestrebt hatte, identifiziert.

Vor diesem Hintergrund ist schon früh die Frage gestellt worden, ob die Revolution von 1918/19 nicht gleichsam eine überflüssige Revolution war, weil sie im Grunde nicht mehr erreichte, als bereits durch die Oktoberreformen kodifiziert worden war, nämlich die parlamentarische Regierungsform. Eine solche Anschauung würde zwar wesentliche Aspekte wie den politischen Mobilisierungs- und Partizipationsschub, die sozialpolitische Expansion und die überbordende Fülle der Weimarer Kultur ausblenden. Aber sie verweist einmal mehr auf den paradoxen Grundzug der Revolution, der sich im Kern freilich aus der widersprüchlichen Natur des Kaiserreiches ergab.

Einerseits der modernste Staat des europäischen Kontinents, war es andererseits doch zur Reform aus eigener Kraft bis zuletzt nicht fähig. Zuviel preußischer Obrigkeitsstaat, zuviel militärische Autonomie außerhalb der Verfassung, aber auch zu tiefe soziale und politisch-kulturelle Gräben kennzeichneten das Kaiserreich.[14] Es bedurfte daher des von außen kommenden Anstoßes der Einsicht in die Niederlage, um den überfälligen Reformprozess in Gang zu setzen. Zugleich freilich bestätigten die paradoxen Folgen einmal mehr den Satz von Alexis de Tocqueville, wonach es für eine schlechte Regierung dann am gefährlichsten wird, wenn sie beginnt, sich zu reformieren.

Vor diesem Hintergrund wäre es unhistorisch, von der Weichenstellung der Jahre 1918/19 ex post einen staatlichen Gründungsakt und gesellschaftlichen Zukunftsentwurf "aus einem Guss" zu erwarten. Vielmehr offenbart die Geschichte der Revolution exemplarisch die tiefen Widersprüche und Belastungen, die den Weg der deutschen Gesellschaft in die Moderne säumten und die auch nach dem Ende des Weltkriegs fortbestanden. So wurde das Jahr 1919 wohl unvermeidlich zum Jahr der Enttäuschungen und der neuen Polarisierungen. Nur zum geringsten Teil hatte dies die junge Republik selbst zu verantworten; das Legitimationsdefizit, das ihr von Beginn an anhaftete, vermochte sie jedoch während ihrer kurzen Geschichte nicht zu tilgen.

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Fußnoten

1.
Zu Eberts Rolle in der Revolution 1918/19 vgl. Walther Mühlhausen, Friedrich Ebert 1871 - 1925. Reichspräsident in der Weimarer Republik, Bonn 2006, S. 150 - 164.
2.
Vgl. Karl Dietrich Erdmann, Die Geschichte der Weimarer Republik als Problem der Wissenschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 3 (1955), S. 1 - 19, hier: S. 6 - 8.
3.
Vgl. Zur Forschungsentwicklung und -diskussion Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, München 20026, S. 166 - 177.
4.
Verhandlungen des Reichstags, Stenographische Berichte, Bd. 206 (4.8. 1914 - 16.3. 1916), Berlin 1916, S. 2.
5.
Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II/Bd. 1: 1914 - 1917, Berlin (Ost) 1958, S. 22.
6.
Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Bd. 8: Kaiserreich und Erster Weltkrieg 1871 - 1918, hrsg. v. Rüdiger vom Bruch/Björn Hofmeister, Stuttgart 2000, S. 366. Vgl. zum Kontext Klaus Schwabe, Wissenschaft und Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die politischen Grundfragen des Ersten Weltkriegs, Göttingen 1969, S. 21 - 34.
7.
Zit. nach Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland, Düsseldorf 19672, S. 93.
8.
Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart, hrsg. u. bearb. v. Herbert Michaelis/Ernst Schraepler, Berlin o.J., Bd. II, S. 323.
9.
Vgl. Theodor Eschenburg, Die improvisierte Republik. Gesammelte Aufsätze zur Weimarer Republik, München 1963, S. 38f. u. S. 62.
10.
Vgl. Bernd Braun, Die "Generation Ebert", in: ders./Klaus Schönhoven (Hrsg.), Generationen in der Arbeiterbewegung, München 2005, S. 69 - 86.
11.
Bekanntmachung des Rats der Volksbeauftragten vom 15.11. 1918, abgedruckt in: Die deutsche Revolution 1918 - 1919. Dokumente, hrsg. v. Gerhard Ritter/Susanne Miller, Frankfurt/M. 19832, S. 229.
12.
Exemplarisch: Reinhard Rürup, Probleme der Revolution in Deutschland 1918/19, Wiesbaden 1968.
13.
Vgl. hierzu jetzt: Andreas Wirsching/Jürgen Eder (Hrsg.), Vernunftrepublikanismus in der Weimarer Republik. Politik, Literatur, Wissenschaft, Stuttgart 2008.
14.
Vgl. Wolfgang Sauer, Das Scheitern der parlamentarischen Monarchie, in: Eberhard Kolb (Hrsg.), Vom Kaiserreich zur Republik, Köln 1972, S. 77 - 99.