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Weltkrieg und Verfassung als Gründungserzählungen der Republik


1.12.2008
Demokratische Politiker und republikanische Organisationen versuchten, den Weltkrieg und die Weimarer Verfassung als Teil einer Gründungserzählung zu präsentieren.

Einleitung



Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg; neun Monate später besaß Deutschland eine demokratische Verfassung. Doch der Übergang von der Monarchie zur Republik wollte sich nicht nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der Deutschen einprägen. Dies mag mit der Natur von Gründungserzählungen zusammenhängen, die spektakuläre Ereignisse bevorzugt - besser noch, wenn sich die entscheidenden Momente visuell darstellen lassen, in einem Gemälde oder auf einem Foto.[1] Der liberale Politiker und spätere Bundespräsident Theodor Heuss schrieb 1927: "Dem 11. August [1919, Tag der Unterzeichung der Weimarer Verfassung, N.R.] fehlt die Erschütterung durch einen eindrucksvollen Geschichtsvorgang, der Zeitgenossen einmal getroffen hatte und in eine wuchernde Legende einging. Es fehlt ihm auch das Pathos einer Echo weckenden Verkündigung, das heimliche Bildhafte eines Geschehnisses, an dem die Phantasie sich entzünden könnte."[2] Aber braucht ein Staat wirklich "Pathos" und "wuchernde Legenden", und an welchen Ereignissen soll sich "die Phantasie entzünden"?






Gründungserzählungen sind wichtig, weil sie eine Gemeinschaft erzeugen sollen, die gesellschaftlich Trennendes verbindet. Sie wirken legitimierend und stabilisierend zugleich.[3] Lange dominierte die Traditionsbildung des Kaiserreichs, mit welcher den Deutschen ihr neuer Nationalstaat schmackhaft gemacht werden sollte, die Geschichtsbücher und die historische Forschung.[4] Doch auch die junge Weimarer Republik versuchte eine eigene Gründungserzählung zu entwickeln, um die Demokratie als historisch gewachsene Staatsform zu präsentieren.[5] Wichtige Elemente darin waren, neben Verweisen auf die Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, der Weltkrieg und die Verfassung.


Fußnoten

1.
Dieser Aufsatz behandelt Teilaspekte meiner 2006 am Department of History der University of Limerick abgeschlossenen Dissertation: Visualising the Republic - Unifying the Nation. The Reichskunstwart and the Creation of Republican Representation and Identity in Weimar Germany. Mein Dank geht an Anthony McElligott und an das Irish Research Council for the Humanities and Social Sciences.

Vgl. Wolfgang Frindte/Harald Pätzold (Hrsg.), Mythen der Deutschen, Opladen 1994, S. 21 - 27; Rüdiger Voigt, Mythen, Rituale und Symbole in der Politik, in: ders. (Hrsg.), Politik der Symbole - Symbole der Politik, Opladen 1989, S. 9 - 30.
2.
Theodor Heuss, Verfassungstag, in: Deutsche Republik vom 12.8. 1927, H. 42, S. 617.
3.
Vgl. Heinrich August Winkler, Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004, S. 7 - 13; Robert Gerwarth, The Past in Weimar History, in: Contemporary European History, 15 (2006) 1, S. 1 - 22. Vgl. auch Edgar Wolfrum, Geschichte als Waffe. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Göttingen 2001; Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflection on the origins and spread of nationalism, London 1983; Andreas Dörner, Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos: zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen, Reinbek 1996.
4.
Vgl. Thomas Nipperdey, Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift, 206 (1968), S. 529 - 585; Wolfgang Hardtwig, Bürgertum, Staatssymbolik und Staatsbewusstsein im Deutschen Kaiserreich 1871 - 1914, in: Geschichte und Gesellschaft, 16 (1990), S. 269 - 295. Vgl. auch Ekkehard Mai/Stephan Waetzold (Hrsg.), Kunstverwaltung, Bau- und Denkmal-Politik im Kaiserreich, Berlin 1981.
5.
Vgl. Nadine Rossol, Visualising the Republic-Unifying the Nation. The Reichskunstwart and the Creation of Republican Representation and Identity in Weimar Germany (Diss., 2006, University of Limerick); Daniel Bussenius, Eine ungeliebte Tradition. Die Weimarer Linke und die 1848er Revolution 1918 - 1925, in: H. A. Winkler (Anm. 3), S. 90 - 114; Bernd Buchner, Um nationale und republikanische Identität. Die Sozialdemokratie und der Kampf um die politischen Symbole in der Weimarer Republik, Bonn 2001.