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1.12.2008 | Von:
Nadine Rossol

Weltkrieg und Verfassung als Gründungserzählungen der Republik

Republikanische Erinnerung an den Weltkrieg

Die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die Weimarer Republik kann kaum überschätzt werden. Individuelle Trauer um verstorbene Angehörige, staatliche Ehrenmalprojekte, Kriegsromane und Kriegsfilme ebenso wie Diskussionen um finanzielle Ansprüche von Kriegsversehrten berührten große Teile der Gesellschaft.[6] Trotzdem wirkte die Kriegserinnerung nicht gemeinschaftsstiftend. Vielmehr reklamierten verschiedene gesellschaftliche und politische Gruppen die Interpretation des Kriegsgeschehens für sich. Dem (politischen) Gegner wurde jegliches Deutungsrecht abgesprochen.[7] Nicht nur nationalistisch gesinnte Kreise pflegten in Kriegsvereinen und bei Veteranentreffen ihre Erinnerungen, auch für viele Republikaner war der Weltkrieg ein entscheidendes Erlebnis. Sie hatten gekämpft und Opfer gebracht, hatten Angehörige und Freunde verloren und waren deshalb nicht bereit, die Interpretationshoheit über das Ereignis den Rechten zu überlassen. Dies galt für Männer und Frauen.

Im Jahre 1924 gründete sich das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Es verstand sich als republikanische Kriegsveteranenvereinigung und zugleich als Schutztruppe für die junge Demokratie.[8] Offen für alle männlichen Republikaner und betont überparteilich, versuchte das Reichsbanner nicht nur eine republikanische Interpretation des Weltkriegs zu verbreiten, sondern auch durch Feste und Umzüge die Republik und ihre Unterstützer sichtbar zu machen. Auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene wurde das Reichsbanner zu einer wichtigen Säule der jungen Demokratie. Der Anspruch der Überparteilichkeit bewahrheitete sich in der Führungselite: Auf lokaler Ebene dominierten Sozialdemokraten das 1,5 Millionen Mitglieder starke Reichsbanner.[9]

Das Kriegsgedenken des Reichsbanners verfolgte mehrere Ziele. Es sollte Raum schaffen für republikanische Kriegserinnerungen, besonders die der Arbeiterklasse, um so den eigenen Mitgliedern und ihren Kriegsopfern gerecht zu werden.[10] Ebenso wichtig war die öffentliche Besetzung, Reklamierung und Verteidigung dieses Raumes. Im Sommer 1924 erklärte der Bundesvorstand des Reichsbanners, dass das Kriegsgedenken der nationalistischen Kreise "einen monarchischen Rummel" produziert habe, dem das Reichsbanner eigene Feiern entgegensetzen müsse.[11] Die Zeitung des Reichsbanners reagierte auf die auch 1929 noch die Öffentlichkeit dominierende nationalistische Kriegserinnerung und schrieb: "(D)ass es ihre Toten waren, erklären rechte Kreise immer gern (...), aber die 2 Millionen, die fielen (mit ihren verschiedenen Ansichten und Einstellungen), gehören nur der gesamten Nation und nicht einer einzelnen Partei."[12]

Es war das erklärte Ziel des Reichsbanners zu zeigen, dass viele Republikaner unter diesen zwei Millionen Toten waren, damit nationalistische Kreise keine Alleinherrschaft auf das Vermächtnis des Weltkriegs beanspruchen konnten. Mehr noch, Republikaner sollten nicht als Verräter an Vaterland und Nation diffamiert werden können, weil sie angeblich das Land nicht verteidigt hätten. Die Reichsbannerführer für Oberbayern und Schwaben erinnerten ihre lokalen Gruppen daran, dass würdige Gedenkfeiern durchzuführen seien, "die eindrucksvoll beweisen, dass in unserem Lager Massen von Kriegsteilnehmern und Angehörigen von Kriegsopfern sind".[13] Drei Elemente dominierten die Rhetorik des Reichsbanners bezüglich des Weltkriegs. Zuerst wurde der nationalistische Anspruch, nach dem es sich allein um "ihre" Kriegstoten handele, kritisiert. Dann betonte das Reichsbanner die enormen Kriegsverluste in den Reihen der Republikaner, und letztendlich erinnerte es daran, dass das Vermächtnis des Krieges nur Frieden und Verständigung mit anderen Nationen sein könnte.[14]

Fußnoten

6.
Vgl. Richard Bessel, Germany after the First World War, Oxford 1993; Jeffrey Verhey, The Spirit of 1914. Militarism, Myth and Mobilization in Germany, Cambridge 2000, S. 206 - 230; Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich (Hrsg.), "Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch...". Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkrieges, Essen 1993.
7.
Vgl. Benjamin Ziemann, Das Fronterlebnis des Ersten Weltkrieges- eine sozialhistorische Zäsur?, in: Hans Mommsen (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg und die europäische Nachkriegsordnung. Sozialer Wandel und Formenveränderung der Politik, Köln 2000, S. 80f.
8.
Vgl. Benjamin Ziemann, Republikanische Kriegserinnerung in einer polarisierten Öffentlichkeit. Das Reichsbanner Schwarz-rot-gold als Veteranenverband der sozialistischen Arbeiterschaft, in: Historische Zeitschrift, 267 (1998), S. 357 - 398; Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz-rot-gold, Düsseldorf 1966.
9.
Vgl. K. Rohe (ebd.), S. 298, S. 73.
10.
Vgl. B. Ziemann (Anm. 8), S. 357 - 398.
11.
Das Reichsbanner, Nr. 3 vom 1.6. 1924, Mitteilung des Bundesvorstands.
12.
Das Reichsbanner, Nr. 47 vom 23.11. 1929, Die Toten Deutschlands.
13.
Bundesarchiv Berlin (BArch), SAPMO, Ry 12II 113/3, S. 99, Reichsbanner Oberbayern-Schwaben, 13.10. 1932.
14.
Vgl. B. Ziemann (Anm. 8), S. 388.