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Bismarck und die Weimarer Republik


1.12.2008
Die Erinnerung an Bismarck diente nach 1918 rechten Kreisen als Instrument zur Verbreitung ihrer Ideologie und zur Popularisierung eines Führerkultes, den Hitler zu nutzen verstand.

Einleitung



Im Frühjahr 1921, wenig mehr als zwei Jahre nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches und der Geburt der Weimarer Republik aus Kriegsniederlage und Revolution, veröffentlichte die linksliberale "Weltbühne" einen vielbeachteten Artikel über die "Bismarck-Legende". Der 1898 gestorbene Reichsgründer Otto von Bismarck, so die zunächst ungewöhnlich anmutende Kernaussage des Aufsatzes, stelle für die Weimarer Republik eine "schwere politische Gefahr" dar. In der Propaganda der politischen Rechten sei der Name Bismarck zu einer Chiffre für vergangene politische Größe und die Forderung nach einem neuen Führer von "bismarckschem Format" geworden. Um sich als historisch legitimer und politisch gefestigter Staat zu etablieren, so die Schlussfolgerung der "Weltbühne", müsse die Republik deshalb endgültig aus Bismarcks Schatten hervortreten und beweisen, dass die erste deutsche Demokratie zur Lösung schwierigster Krisen befähigt sei.[1]




Die "Weltbühne" stand mit ihrer Einschätzung, dass die Erinnerung an den "Eisernen Kanzler" und seine politische Instrumentalisierung durch die deutsche Rechte eine Bedrohung für die junge Republik darstelle, keineswegs alleine da. Zahlreiche liberale Intellektuelle wie etwa der Rechtstheoretiker Hermann Ulrich Kantorowicz schlossen sich dieser Auffassung an. In seinem Buch "Bismarcks Schatten" schrieb er, dass die Konsolidierung der Demokratie in Deutschland nur auf den "Trümmer(n) des Bismarckkultes" gelingen könne.[2]

Beweise für die Gültigkeit dieser Aussage lieferten die rechten Gegner der Demokratie zuhauf. Im April 1919, während in Weimar noch über eine neue Verfassung verhandelt wurde, erhob die konservative "Tradition", eine Wochenschrift der rechtsgerichteten Vaterländischen Verbände, den Vorwurf, dass das Bismarckreich keineswegs der feindlichen Übermacht der Gegner im Weltkrieg erlegen, sondern einem von langer Hand geplanten "Staatsstreich" zum Opfer gefallen sei: "Während der ganzen Dauer des Krieges verfolgten die Männer der Revolution nur das eine Ziel, sich selber in die Macht zu setzen." Als "Zerstörer der Schöpfung Bismarcks und Schänder seines geheiligten Namens" seien die Stützen des Weimarer "Systems" - Sozialdemokraten, Zentrumskatholiken und Liberale - auf ewig mit dem Makel des Verrats behaftet.[3]

Kaum ein Jahr später, im Januar 1920, wiederholte einer der Führer der monarchistischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Kuno Graf von Westarp, den an die Republik gerichteten Vorwurf der historischen Illegitimität und verknüpfte ihn mit der Hoffnung auf ein baldiges Ende Weimars. Seiner Ansicht nach widersprach die Gründung der Weimarer Republik dem "Geist Bismarcks", weshalb sie kein historisches Existenzrecht besitze. Westarp war jedoch zuversichtlich, dass die Demokratie nur einen vorübergehenden Tiefpunkt in der deutschen Geschichte darstellen werde: "Die Deutsche Republik des 9. November (...) (und) die Knechtschaft des Versailler Vertrages vom 28.Juni 1919, sie werden sich als die Übergangszeit erweisen. (...) Auf den Grundlagen, die am 18.Januar [1871, dem Tag von Bismarcks Kaiserproklamation in Versailles, R.G.] besiegelt und geschaffen worden sind,wird Preußen, wird Deutschland neu erstehen."[4]


Fußnoten

1.
Vgl. Richard Lewinsohn, Die Bismarck-Legende, in: Die Weltbühne, (1921) 17, S. 33ff. Vgl. zu diesem Beitrag ausführlich: Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, München 2007.
2.
Hermann Ulrich Kantorowicz, Bismarcks Schatten, Freiburg i. Br. 1921, S. 11.
3.
Bismarck und die Revolution, in: Die Tradition vom 5.4. 1919, S. 19f.
4.
Kuno Graf von Westarp, Der 18. Januar, in: Die Tradition vom 17.1. 1920.