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1.12.2008 | Von:
Robert Gerwarth

Bismarck und die Weimarer Republik

Mythische Überhöhung

Polemische Äußerungen wie diese waren typisch für die Art und Weise, in der die tief gespaltene Weimarer Gesellschaft das Erbe des "Eisernen Kanzlers" interpretierte. Wann immer sich konservative und nationalistische Kreise zwischen 1918 und 1933 auf Bismarck beriefen, so taten sie dies, um der von ihnen verachteten Republik den mythisch überhöhten Maßstab des "Eisernen Kanzlers" und der glorifizierten Zeit seiner Herrschaft anzulegen. Für Linksliberale und Sozialdemokraten dagegen hatte Bismarcks semi-autoritäres Regime einen historischen Prozess der Liberalisierung und Demokratisierung Deutschlands unterbrochen, der mit den Befreiungskriegen begonnen und in der Revolution von 1848 seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte. Nach dem Zusammenbruch des kleindeutschen Hohenzollernreichs, so sahen es die Republikaner, hatten die Revolutionäre von 1918 Bismarcks historischen Irrweg korrigiert und ein gerechteres politisches System errichtet, das seinerseits mit den "besseren" Traditionen der deutschen Geschichte, vor allem mit der Revolution von 1848, tief verbunden sei: die Weimarer Republik.[5]

Der öffentliche Deutungsstreit über Bismarck und sein Erbe beschränkte sich keineswegs auf die Jahre der ersten deutschen Demokratie. Kein anderer Staatsmann hat die Phantasien der Deutschen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mehr beflügelt als der "Eiserne Kanzler", keinem deutschen König oder Kaiser wurden mehr Denkmäler errichtet als ihm, über keinen deutschen Politiker vor und seit Hitler wurde leidenschaftlicher gestritten als über Otto von Bismarck. Noch lange nach dem endgültigen Untergang des Bismarckschen Reiches im Frühjahr 1945, zu einer Zeit, in der der Ruf nach einem "neuen Bismarck" aus offensichtlichen Gründen an Attraktivität verloren hatte, galt Bismarck repräsentativen Umfragen zufolge als mit Abstand beliebtester Deutscher, bis ihn Adenauer nach dem "Wirtschaftswunder" in der Gunst der Deutschen ablöste.[6] Die intensive Beschäftigung der Deutschen mit dem Gründer des Reiches von 1871 spiegelt sich auch in der Zahl der (mehr und weniger) wissenschaftlichen Publikationen wider, die ihm gewidmet sind: Bereits 1966 verzeichnete eine Bismarck-Bibliographie mehr als 6000 Einträge, eine Zahl, die bis zum 100. Todestag Bismarcks im Jahr 1998 noch erheblich angewachsen ist.[7]

Wohl zuallererst aufgrund seiner unbestreitbaren Verdienste um die deutsche Einheit wurde Bismarck schon während seiner Kanzlerschaft zwischen 1871 und 1890 zum lebenden Mythos. In den Jahren nach seiner Entlassung als Reichskanzler und Preußischer Ministerpräsident durch Kaiser Wilhelm II., vor allem aber nach seinem Tod im Jahre 1898, griff die kultische Bismarck-Verehrung immer weiter um sich und fand ihren bleibenden Ausdruck in mehr als 360 Denkmälern, die allerorts in Deutschland errichtet wurden.[8] Die peinlichen Blößen, die sich Wilhelm II. und seine Paladine in der deutschen Innen- und Außenpolitik gaben, bildeten die dunkle Folie, vor der die Heldengestalt des "Alten im Sachsenwald", wie Bismarck nach seinem Umzug nach Friedrichsruh bei Hamburg oft genannt wurde, umso heller erstrahlte. Als Bismarck am 30. Juli 1898 starb, galt er vielen, wenn nicht sogar einer Mehrheit der Deutschen als unfehlbar, als Sinnbild deutscher Tugenden, als Vollender des Werkes Friedrichs des Großen.[9]

Unumstritten war das Bild des "Eisernen Kanzlers" allerdings auch im Kaiserreich nie. Für die von Bismarck als "Reichsfeinde" geächteten Gruppen - vor allem für Zentrumskatholiken, Linksliberale und Sozialdemokraten - prägte die Erfahrung des Kulturkampfes und der Sozialistengesetze noch jahrzehntelang das Bild des ersten Reichskanzlers, auch wenn Katholiken seit der Jahrhundertwende verstärkt dem Bismarckkult huldigten, um ihre nationale Gesinnung unter Beweis zu stellen.[10] Seine Kritiker standen jedoch einem politisch einflussreichen bürgerlichen Lager gegenüber, für das Bismarck die Verkörperung der deutschen Nation war, der "Erlöser", der Deutschland aus dem Zustand der territorialen Zerrissenheit und der inneren politischen Zwietracht befreit und das Reich zur kontinentalen Hegemonialmacht gemacht hatte. Dass Bismarck damit die "deutsche Mission" Preußens erfüllt hatte, sollte seine im größten deutschen Bundesstaat besonders ausgeprägte Popularität weiter beflügeln. Bismarck selbst hatte erheblich zu dieser Interpretation beigetragen, indem er die Kaiserproklamation von 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bewusst auf den 18. Januar gelegt hatte, jenes Datum, an dem genau 170 Jahre zuvor Friedrich I. als erster preußischer König den Thron bestiegen hatte.

In der Übergangsphase vom Kaiserreich zur Republik änderten sich Bedeutung und Funktion des Bismarck-Mythos grundlegend. Bis 1918 hatte die mythisch überhöhte Figur Bismarcks dazu gedient, die Deutschen daran zu erinnern, dass das Kaiserreich den Höhepunkt der deutschen Geschichte darstelle und jede Kritik an der Staatsform zugleich auch eine Infragestellung des von Bismarck geschaffenen Nationalstaats bedeute. Nach dem Ende des Weltkriegs wurde er dagegen zu einer politischen Chiffre für das, was das Deutsche Reich durch einen von "inneren Reichsfeinden" begangenen "Verrat" verloren hatte, nämlich seine Rolle als führende wirtschaftliche und politische Macht auf dem europäischen Kontinent. Gleichzeitig wurde der Mythos dazu benutzt, um den Gedanken wach zu halten, dass die vergangene Größe Deutschlands nicht dem Parlamentarismus, sondern dem Vorhandensein eines überragenden Führers geschuldet sei. Die radikale Infragestellung des Existenzrechts der Republik mit Hilfe des Bismarck-Mythos erklärt die beispiellose Unversöhnlichkeit, mit der die gegensätzlichen Interpretationen des Eisernen Kanzlers zwischen 1918 und 1933 aufeinander prallten.

In der umkämpften, von ihren linken und rechten Gegnern bedrohten Weimarer Republik wurde die Vergangenheit im Allgemeinen und der Bismarck-Mythos im Besonderen zu einer Waffe im Ideologienstreit, die dazu diente, widerstreitenden politischen Zielen Glaubwürdigkeit und Legitimität zu verleihen.[11] Die Leidenschaft, mit der alle beteiligten Seiten auf der Richtigkeit ihrer jeweiligen Geschichtsdeutung beharrten, erwuchs aus einer pragmatischen Erkenntnis: Nur wer die Vergangenheit auf seiner Seite wusste, konnte für seine Politikkonzepte in der Gegenwart historische Legitimität und politische Macht beanspruchen. Um eine adäquate historische Einordnung des Reichsgründers ging es also bei dem öffentlichen Deutungsstreit um Bismarcks Erbe nur sehr vordergründig. Es war der historische Standort der ersten deutschen Demokratie, ja die Existenzberechtigung der Republik von Weimar, die bei der öffentlichen Diskussion im Mittelpunkt stand.

Fußnoten

5.
Vgl. Daniel Bussenius, Eine ungeliebte Tradition. Die Weimarer Linke und die 48er Revolution, in: Heinrich August Winkler (Hrsg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Göttingen 2004, S. 90 - 114.
6.
Vgl. Jahrbuch der öffentlichen Meinung. 1965 - 1967, hrsg. von Elisabeth Noelle/Erich Peter Neumann, Allensbach-Bonn 1967, S. 144f.
7.
Vgl. Karl Erich Born (Hrsg.), Bismarck-Bibliographie, Köln-Berlin 1966.
8.
Vgl. Sieglinde Seele, Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Petersberg 2005.
9.
Vgl. Lothar Machtan, Bismarcks Tod und Deutschlands Tränen. Reportage einer Tragödie, München 1998.
10.
Vgl. R. Gerwarth (Anm.1), S. 25 - 29.
11.
Vgl. Robert Gerwarth, The Past in Weimar History, in: Contemporary European History, 15 (2006), S. 1 - 22.