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1.12.2008 | Von:
Robert Gerwarth

Bismarck und die Weimarer Republik

Großdeutsche Rhetorik

Dass der Mythos um Otto von Bismarck zu einer der wichtigsten geschichtspolitischen Waffen der deutschen Rechten gegen die Republik werden sollte, war im Winter 1918/19 alles andere als offensichtlich. Zumindest bis zum Januar 1919, als sich die Revolution radikalisierte, galt das Kapitel Bismarckreich als abgeschlossen. Denn nur eine Abwendung von der Verfassung von 1871, ein demokratischer Neubeginn, schien einen gerechten, auf Woodrow Wilsons "14 Punkten" beruhenden Frieden zu garantieren.[12] Dementsprechend stellte der "Vater" der Weimarer Verfassung, Hugo Preuß, den ersten Entwurf der Konstitution bewusst als Abkehr von der Reichsverfassung von 1871 und als aktualisierte Fassung der Ideale des Paulskirchenparlaments von 1848/49 vor.[13]

Darüber hinaus wurde der militärische Zusammenbruch der Mittelmächte von vielen Deutschen als Voraussetzung für eine friedliche großdeutsche Erweiterung des Reichs, den Anschluss "Deutsch-Österreichs" unter dem Zeichen des Selbstbestimmungsrechts der Völker, angesehen. "Stolz stehen wir da und aufrecht und pflanzen am Grabe des alten Reiches die Hoffnung aufs größere Deutschland auf", hieß es im Spätherbst 1918 in einem Kommentar der Zeitschrift "Die Hilfe": "Jetzt können wir, anders wie unsere Väter 1871, unser Haus von Grund auf neu bauen."[14] Auch die Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands (MSPD), die als stärkste politische Kraft aus den Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung hervorgegangen war und mit Friedrich Ebert den ersten Reichspräsidenten der Republik stellte, setzte sich nachdrücklich für eine Überwindung des kleindeutschen Bismarckreiches ein.[15] Dass Ebert und andere führende Republikaner im Frühjahr 1919 auf einen Anschluss "Deutsch-Österreichs" drängten, hatte mehrere Gründe. Zum einen wäre der Anschluss ein Beweis für die Fähigkeit der Republik gewesen, eine umfassendere Lösung der deutschen Frage herbeizuführen als Bismarck im Jahre 1871. Zweitens konnten die Parteien, die im Oktober 1918 unverhofft an die Macht gekommen waren, durch die Unterstützung der Anschlussbewegung demonstrieren, dass die Republik die großdeutsch-demokratischen Traditionen der 1848er Revolution wahrte. Bismarcks kleindeutsche Lösung der deutschen Frage und das auf der Verfassung von 1871 beruhende politische System wurden der Öffentlichkeit als "Fehler der Reichsgründung" präsentiert, deren "späte Korrektur" die Republik vornehmen könne.[16]

Die großdeutsche, dezidiert gegen das kleindeutsche Bismarckreich gerichtete Rhetorik Eberts erfuhr einen entscheidenden Dämpfer, als die deutsche Delegation in Versailles im Mai 1919 erfuhr, dass die alliierten Siegermächte den Anschluss Österreichs unter keinen Umständen erlauben würden.[17] Das Anschlussverbot der Alliierten erwies sich als Debakel für die republikanische Linke: Ebert und andere führende Sozialdemokraten hatten wiederholt betont, dass das Bismarckreich kleindeutsch und daher "unvollendet" gewesen sei. Noch am 18. März 1919 hatte das publizistische Flaggschiff der Sozialdemokraten, der "Vorwärts", erklärt: "Das kleindeutsche Reich Bismarcks ist in die Katastrophe des Weltkrieges hineingetaumelt, aber der großdeutsche Gedanke von 1848, der den Zusammenschluss aller Deutschen, auch der Deutschösterreicher, als Ziel vor Augen hatte, er marschiert und vollendet sich in unseren Tagen unter dem Zeichen des schwarz-rot-goldenen Banners, der Revolutionsfahne von 1848."[18]

Die endgültige Ablehnung des Anschlusses durch die Alliierten schuf eine Angriffsfläche, auf die sich die Propaganda der Rechten umgehend einschoss. Die konservative Wochenschrift "Tradition" hatte den Sozialdemokraten bereits Anfang April 1919 vorgehalten, dass eine friedliche Revision der kleindeutschen Grenzen unrealistisch sei: "Wenn man mit Worten und warmem deutschen Herzen Reiche gründen könnte, dann hätten die Idealisten der Frankfurter Paulskirche uns schon vor 70 Jahren das große deutsche Vaterland vom Belt bis an die Adria geschenkt."[19] Nach dem alliierten Anschlussverbot sah der Chefredakteur der "Neuen Preußischen Zeitung" und spätere Vorsitzende der DNVP, der bereits erwähnte Kuno Graf von Westarp, diese Einschätzung bestätigt, denn den Vätern der Verfassung war es "nicht gelungen (...), den Plan eines größeren Deutschlands zu verwirklichen, um dessentwillen sie sich bei Beginn der Verhandlungen [über die Weimarer Verfassung, R.G.] einem Bismarck so gewaltig überlegen dünkten."[20] Von Westarps Erleichterung war verständlich, denn infolgedes Scheiterns ihres Versuchs, eine großdeutsche Republik zu schaffen, hatte die demokratische Linke ihr stärkstes und zugkräftigstes Argument gegen Bismarcks kleindeutsches Reich von 1871 verloren. Nach dem Anschlussverbot fehlte dem Versprechen der Mehrheitssozialdemokraten, das "unvollkommene" Bismarckreich durch eine großdeutsche Republik zu ersetzen, etwas ganz Entscheidendes, nämlich die Glaubwürdigkeit.

Das Anschlussverbot und die Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni 1919 trugen in starken Maße zur Radikalisierung des politischen Klimas bei. Der verlorene Krieg und die Errichtung einer als "undeutsch" empfundenen demokratischen Regierungsform wurden von rechten Parteien als direkte Folge des "Dolchstoßes" in den Rücken der kämpfenden Truppe dargestellt, den die Novemberrevolutionäre der "im Felde unbesiegten" deutschen Armee versetzt hatten. Von Anfang an war die "Dolchstoßlegende" aufs Engste mit dem Bismarck-Mythos verknüpft. Denn die "Verräter" vom November 1918 waren in erster Linie "Verräter" am untergegangenen Bismarckreich. So empfahl der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Gottfried Traub im Rahmen einer Debatte über ein nationales Verfassungsdenkmal in Weimar, dass man eine Statue errichten müsse, die den "Vater" der Reichsverfassung, den "Juden Preuß" dabei zeigen solle, wie er Bismarck einen Dolch in den Rücken stößt.[21]

Fußnoten

12.
Siehe etwa Berliner Tageblatt vom 10.11. 1918, Morgenausgabe; Max Weber, Deutschlands künftige Staatsform, in: ders., Gesammelte politische Schriften, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 19885, S. 453.
13.
Verhandlungen der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung, Stenographische Berichte und Anlagen (NV), 24.2. 1919, Bd. 326, S. 292.
14.
Wilhelm Heile, Der deutsche Neubau, in: Die Hilfe, (1918) 24, S. 559.
15.
Siehe Eberts Rede anlässlich der Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar, NV, 6.2. 1919, Bd. 326, S. 2.
16.
Außenminister Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, in: NV, 14.2. 1919, Bd. 326, S. 69.
17.
Vgl. Fritz Klein, Between Compiegne and Versailles. The Germans on the Way from a Misunderstood Defeat to an Unwanted Peace, in: Manfred Boemeke/Gerald Felman/Elisabeth Glaser (Hrsg.), The Treaty of Versailles. A Reassessment after 75 Years, Cambridge 1998, S. 203 - 220.
18.
Vorwärts vom 18.3. 1919.
19.
Die Tradition, (1919) 1, S. 19f.
20.
Neue Preußische Zeitung vom 7.9. 1919, abgedruckt in: Kuno Graf Westarp, Konservative Politik im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, hrsg. von Friedrich Freiherr von Gaertringen, Düsseldorf 2001, S. 272.
21.
Eiserne Blätter, (1927) 9, S. 581.