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1.12.2008 | Von:
Robert Gerwarth

Bismarck und die Weimarer Republik

Popularisierung des Führerkults

In den 14 Jahren des Bestehens der Weimarer Republik nutzte die politische Rechte alle zur Verfügung stehenden Medien - Zeitungsartikel, Radiosendungen, Wahlplakate, Filme -, um die Kernelemente des Bismarck-Mythos nach 1918 zu verbreiten: den Glauben an die Notwendigkeit einer charismatischen Führerfigur und die These der historischen Illegitimität der Republik. Das Ziel der Popularisierung "bismarckschen Gedankengutes" verfolgte auch der zweiteilige Film "Bismarck", der Mitte der 1920er Jahre in die Kinos kam. Der Film sollte, wie die Produzenten freimütig zugaben, bei den Zuschauern die Wahrnehmung der "gegenwärtigen Ohnmacht" schärfen, um "die Seelen (des) Volkes (...) aufzurütteln und ihm zum Bewußtsein zu bringen, was es verloren hat". Das reich illustrierte Begleitbuch erläuterte, warum das neue Medium des Tonfilms gewählt worden war. Zeitungsartikel und Reden, so der Herausgeber Ludwig Ziehen im Geleitwort, seien "gewiß nützlich und notwendig", um Bismarck auf ewig im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu verankern, "aber wirkungsvoller für die Masse ist der Film, der (...) die Taten und Erfolge der Vergangenheit in bewegten Szenen lebendig vor Augen führt".[22]

Die begeisterte öffentliche Aufnahme des Films veranlasste die linke Presse, die fragwürdige historische Authentizität des Werkes anzuprangern. So bemängelte etwa das "Berliner Tageblatt" die einseitige Darstellung des Reichsgründers als genialen Außenpolitiker. Die Produzenten des Films hätten nicht nur den "Bismarck der inneren Politik", den "junkerlich-patriarchalisch eingestellten Gewaltmenschen" verschwiegen, sondern auch versucht, den "Geist von Locarno" mit dem "Geist von Sedan" auszutreiben.[23]

Dass die republikanische Linke dem Bismarck-Kult der Rechten entschieden entgegentrat, lässt sich durch ein weiteres Beispiel illustrieren. Wenige Monate nach dem sozialdemokratischen Erdrutschsieg bei der Reichstagswahl 1928 organisierte die Berliner SPD-Führung eine Großdemonstration im Lustgarten, die an die Verabschiedung des ersten Sozialistengesetzes vom 18. Oktober 1878 erinnern sollte.[24] Fast 100 000 Demonstranten versammelten sich trotz stürmischen Wetters, um den "Eisernen Kanzler" als Unterdrücker der Arbeiterschaft zu schmähen und sich selbst als Sieger in der historischen Auseinandersetzung mit den Gegnern des Sozialismus zu feiern. "Bismarck ist tot", lautete der Spruch auf ihren Bannern, "aber die Sozialdemokratie lebt!"[25]

Doch das zur Schau gestellte republikanische Selbstbewusstsein der SPD sollte nicht lange währen. Mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise erhielten jene Kräfte Rückenwind, die der Republik feindlich gegenüberstanden. Vor allem aber entstand durch die Krise nach 1929 ein Klima, in dem die durch den Bismarck-Mythos popularisierte Kritik an der parlamentarischen Demokratie und der Glaube an die Notwendigkeit eines "zweiten Bismarck" auf fruchtbaren Boden stieß. Niemand beutete das verbreitete Verlangen nach einem "neuen Bismarck" mit größerem demagogischen Geschick aus als der Führer der nunmehr größten Oppositionspartei im Reichstag, Adolf Hitler.

Hitler hatte bereits im April 1922 vor einer noch kleinen Schar von Anhängern deutlich gemacht, dass er von der propagandistischen Macht des Bismarck-Mythos überzeugt war: "In Bismarcks Spuren müssen wir wandeln. Nur so können wir Millionen von Wählern gewinnen. Und wenn die Zeit dann kommt, dann wollen wir sagen: wir beugen unser Haupt vor Dir, Bismarck."[26] Nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise intensivierte Hitler seine Bemühungen, sich den Wählern als "zweiter Bismarck" zu präsentieren. In einer Parteitagsrede von 1931 rief er seinen begeisterten Zuhörern zu: "Wenn Bismarck heute wiederkäme mit seinen Mitstreitern, sie ständen heute alle bei uns."[27] Freilich wäre es unsinnig, den Bismarck-Mythos für den Aufstieg Hitlers verantwortlich zu machen. Aber der Mythos half Hitler fraglos bei seinem Bestreben, eine Brücke zwischen seiner Anhängerschaft und dem konservativen Bürgertum zu schlagen.

Wie wenig Hitlers Kanzlerschaft mit derjenigen Bismarcks gemein haben würde, hätte jedem klar sein müssen, der "Mein Kampf" gelesen oder Hitlers Reden gehört hatte. Hitler hatte nie einen Hehl aus seiner Absicht gemacht, radikal mit allen parlamentarischen und konstitutionellen Traditionen zu brechen, die das Bismarckreich eben auch charakterisiert hatten. Der linksliberale Journalist und spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky wies in einem vielbeachteten Aufsatz von 1931 jeden Vergleich zurück: "Bismarck war eine Jahrhundertgestalt, wer aber ist Adolf Hitler? Wie stark muss die Verblödung eines Volkes vorangeschritten sein, das in diesem albernen Poltron [Prahlhans] einen Führer von Bismarckschem Format sieht?"[28]

In der öffentlichen Diskussion des krisengeschüttelten Deutschland beherrschten jedoch diejenigen das Feld, die in Hitler den Mann sahen, der Bismarcks Werk vollenden würde. Generalleutnant Richard Kaden zum Beispiel kommentierte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 mit den Worten: "Wie deutlich bestätigt uns wieder die Schicksalswende vom 30. Januar den alten Erfahrungssatz, dass nie die Masse, nur der Führer, die einzelne Persönlichkeit die Befreiung bringen kann (...). Das sahen wir an Bismarck, das sehen wir jetzt wieder an Hitler, der mit seinem flammenden Kampfrufe die Massen aufrüttelte und sie in der Verbindung von nationalem Empfinden und sozialem Verständnis einte."[29] Die Einsicht, dass Hitlers "Machtergreifung" nicht den Beginn eines deutschen Wiederaufstiegs markierte, sondern den Untergang jenes Reiches einleitete, das Bismarck 1871 gegründet hatte, sollte zu spät kommen.

Fußnoten

22.
Ludwig Ziehen, Bismarck. Geleitbuch zum Bismarck-Film, Berlin 1926.
23.
Berliner Tageblatt vom 8.1. 1927, Abendausgabe.
24.
Vgl. An alle Sozialisten, Gewerkschafter und Republikaner Berlins, Landesarchiv Berlin, Acc. 1788/007.
25.
Vorwärts vom 22.10. 1928, Morgenausgabe.
26.
Adolf Hitler, Sämtliche Aufzeichnungen, 1905 - 1924, hrsg. von Eberhard Jäckel, Stuttgart 1980, S. 599.
27.
Rede in Coburg am 18.1. 1931, in: Adolf Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen, Februar 1925 bis Januar 1933, Bd. 4.1, München 1996, S. 176.
28.
Carl von Ossietzky, Zur Reichsgründungsfeier, in: Die Weltbühne, (1931) 27, S. 79ff.
29.
Richard Kaden, In der alten Armee. Lebenserinnerungen aus Frieden und Krieg, Groitzsch 1933, S. 311.