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1.12.2008 | Von:
Robert Gerwarth

Bismarck und die Weimarer Republik

Fazit

Der Bismarck-Mythos spielte in den geschichtspolitischen Debatten der Weimarer Republik eine zentrale Rolle. In den 14 Jahren des Bestehens der ersten deutschen Demokratie blieb die Erinnerung an Bismarck eine ständige Mahnung an vergangene deutsche Größe, die unablässig gegen die vermeintlichen und tatsächlichen Schwächen der Republik ins Feld geführt wurden. War sie, wie ihre rechten Gegner behaupteten, das Ergebnis eines aus Sozialdemokraten, Linksliberalen und Zentrumskatholiken ausgeführten "Dolchstoßes" in den Rücken des "im Felde unbesiegten" deutschen Heeres? War der "Verrat" von 1918 eine späte Rache der "inneren Reichsfeinde" an ihrem alten Widersacher, Otto von Bismarck? Oder hatten die Republikaner Recht, wenn sie erklärten, die Verfassung von 1919 stelle die Erfüllung jener demokratischen Ideale dar, für welche die Revolutionäre von 1848 vor ihrer Unterdrückung durch die deutsche Reaktion gekämpft hatten?

Der öffentliche Meinungsstreit, der sich an Fragen wie diesen entzündete, spiegelte ein Hauptproblem der politischen Kultur der Weimarer Republik wider: das Fehlen eines Minimalkonsenses über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Nation. Die extreme ideologische Fragmentierung der Weimarer Gesellschaft trat in einem Bürgerkrieg der Erinnerungen und historischen Symbole zutage, in dem konkurrierende politische Lager um das Erbe der Vergangenheit kämpften, um ihrer Politik für die Gegenwart und Zukunft einen historischen Sinn zu verleihen.

Darüber hinaus beförderte und popularisierte der Bismarck-Mythos zwei zentrale Elemente der rechten Agitation gegen die Weimarer Republik: die Zurückweisung des Parlamentarismus als "westliche", mit der deutschen Geschichte unvereinbare Staatsform der Sieger des Weltkrieges und den Glauben, dass nur ein starker charismatischer Führer die drängendsten Probleme der deutschen Gesellschaft nachhaltig zu lösen vermöge.