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Die neue Staatenwelt nach 1918


1.12.2008
Die Wirkungen des Weltkriegs lasteten als Hypothek auf der europäischen Nachkriegsordnung. Er hatte Tendenzen hervorgebracht, die den Zweiten Weltkrieg erst ermöglichen sollten.

Einleitung



Das ist kein Friede. Das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre",[1] lautete die düstere Prognose des französischen Marschalls Ferdinand Foch, der als Oberbefehlshaber der Entente am 11. November 1918 die deutsche Kapitulation entgegengenommen hatte und der nun, ein halbes Jahr später, voraussagte, dass die Nachkriegsordnung keinen dauerhaften Frieden begründen würde. In der Tat bewahrheitete sich Fochs Vorahnung mit eigentümlicher Treffsicherheit: 20 Jahre später begann mit dem deutschen Angriff auf Polen ein neuer Krieg, der die Schrecknisse und Zerstörungen des gerade erst zu Ende gegangenen Weltkriegs noch übertraf.






Eine unausweichliche, zwangsläufige Folge des Ersten war der Zweite Weltkrieg freilich nicht, und dennoch lasteten dessen Wirkungen als schwere Hypothek auf der im Jahr 1919 geschaffenen Friedensordnung. Der Krieg hatte manche Entwicklungslinien des 19. Jahrhunderts verstärkt, manche abgebrochen, andere als neue Formen ausgeprägt und insgesamt eine Kontinuität von Strukturen und Systemen wie auch einen Bruch mit der Vergangenheit herbeigeführt, die von immenser Tragweite für das ganze Jahrhundert waren. Das galt zunächst für die Friedensverträge, die ein Produkt der vom Krieg beeinflussten Denktraditionen waren und die eine widersprüchliche Nachkriegsordnung schufen, an der sich überall in Europa die Forderungen nach Revision entzündeten.

Noch unter dem Eindruck des Krieges tagte ab Januar 1919 in Versailles der Friedenskongress der alliierten und assoziierten Mächte über die Hauptfrage, wie ein dauerhafter Frieden gewonnen werden könnte. Bereits Ende Oktober 1918, kurz vor Ende der Kampfhandlungen, hatte das französische Außenministerium gefordert, dass "das Werk Bismarcks zerstört werden" müsse, "um Europa einen dauerhaften Frieden zu sichern".[2] Georges Clemenceau, der französische Ministerpräsident, hielt noch lange Zeit an dem Ziel fest, absolute Sicherheit gegenüber Deutschland mittels eines harten Friedensschlusses durchzusetzen, der auf einen Zerfall des Reiches und die Gewinnung der Rheingrenze hoffen ließ. Für ihn, der in traditionell-nationalstaatlichem Denken verhaftet blieb, stellte die einschneidende Begrenzung des deutschen Machtpotentials in territorialer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht eine für Frankreichs Sicherheit unverzichtbare Forderung dar.

Damit gerieten die schier ausufernden französischen Sicherheitsinteressen in unauflöslichen Gegensatz zu den angelsächsischen Sicherheitsprämissen. Woodrow Wilson, der Präsident der USA, hatte bereits im Weltkrieg das Leitbild eines Weltfriedens aufgestellt, der auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und der internationalen Zusammenarbeit in einem "Völkerbund" aufbaute. Sein Vorhaben, die Welt safe for democracy zu machen, sollte die Wiederholung eines solch furchtbaren Krieges unmöglich machen. Zugleich markiert seine Vorstellung von einem Frieden der Gerechtigkeit, den er am 8. Januar 1918 in einem Vierzehn-Punkte-Programm unterbreitet hatte, auch eine Reaktion auf die Oktoberrevolution in Russland. Dem von Lenin verfolgten Ziel der proletarischen Weltrevolution und der Diktatur des Proletariats sollte, so Wilsons Vorsatz, mit einem demokratisch verfassten Europa begegnet werden. Deutschland, das sich zum Ende des Krieges und in der Revolution vom Kaiserreich zu einer parlamentarischen Demokratie westlichen Musters gewandelt hatte, kam in Wilsons Sicht dabei besondere Bedeutung zu: Als noch immer wirtschaftlich stärkstes Land auf dem Kontinent und als bevölkerungsstärkste Macht westlich der russischen Sowjetrepublik sollte das vom Militärstaat zur westlich orientierten Zivilgesellschaft gewandelte Deutschland künftig an der Friedenswahrung mitwirken. Zugleich hatte die idealistische Zielrichtung Wilsons eine praktische Implikation: Deutschland als demokratischen Staat gegen den Bolschewismus zu stabilisieren, folgte zugleich dem Kalkül, es als prosperierende, in die Weltwirtschaft integrierte Volkswirtschaft als Produzent und Markt zu erhalten, schon allein, um Reparationen abschöpfen zu können.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Winston Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Bern-München-Wien 19952, S. 17.
2.
Denkschrift des französischen Außenministeriums vom 25.10. 1918, zit. nach: Gitta Steinmeyer, Die Grundlagen der französischen Deutschlandpolitik 1917 - 1910, Stuttgart 1979, S. 115.