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1.12.2008 | Von:
Wolfgang Elz

Versailles und Weimar

Belastung der Republik

Der Versailler Vertrag war nicht nur eine der großen Belastungen der Außenpolitik, sondern eines der zentralen Probleme der Weimarer Republik von allem Anfang und bis zu ihrem Ende. Sicher wird man keine direkte Linie ziehen können zwischen der Unterzeichnung in Versailles und dem Untergang der Republik und der Auslieferung des Staates an ein verbrecherisches Regime, wie überhaupt in der Geschichte monokausale Erklärungen meist nichts taugen. Sicherlich war der Versailler Vertrag nur einer unter anderen Faktoren, der Aufstieg und schließlich "Machtergreifung" der Nationalsozialisten ermöglichte. Schließlich ist die Feststellung einer Belastung der Republik durch den Vertrag auch noch lange nicht identisch damit, den Siegern des Weltkriegs Schuld zuzuweisen, denn es fragt sich, welcher andere Frieden unter den Bedingungen von 1918/19 wohl möglich gewesen wäre: nach dem ersten totalen Krieg der Geschichte, der nicht nur die Armeen, sondern die beteiligten Gesellschaften bis zum Äußersten mobilisiert hatte und der nur mit intensivster Propaganda bei allen Kriegsparteien über vier Jahre hinweg durchzuhalten war. Wenn der Feind über Jahre als Teufel dämonisiert worden war, konnte man sich kaum - wie Regierungen und Diplomaten früherer Jahrhunderte - an den Verhandlungstisch setzen, eine Amnesieklausel formulieren und das Prinzip anwenden, dass der Verlierer - unabhängig von jeder moralischen Frage - zu zahlen habe, wie es noch 1871 der Fall war.

Wie sehr dieser Frieden - genauer gesagt: seine Aufnahme in Deutschland - zur Belastung für die Republik wurde, lässt sich leicht zeigen. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung verband den Friedensvertrag sehr schnell mit der Revolution von 1918 und deren Ergebnis: dem neuen Staat, der Republik und der Demokratie. Und wer zusätzlich an die Legende vom "Dolchstoß" glaubte - und das waren nicht wenige derer, die mit der Novemberrevolution ihr Weltbild zerstört sahen -, wähnte die Republik mit dem doppelten Geburtsfehler des Umsturzes und des schmählichen Friedens auf die Welt gekommen. Der Unmut darüber richtete sich bald gegen die Republik selbst. Dabei wurde übersehen bzw. man konnte es gar nicht wissen, dass Deutschland - gemessen an den französischen Maximalforderungen - eher glimpflich davongekommen war.

Selbst wenn die handelnden Politiker anderes gewollt hätten, war die öffentliche Einschätzung des Friedensvertrags keine gute Ausgangsposition für eine Außenpolitik, die sich an den Realitäten eines geschlagenen Staates zu orientieren hatte. Alle zögerlichen Versuche, die Außenpolitik neu zu orientieren, wie sie bei einzelnen Parteien und Politikern unmittelbar nach dem Waffenstillstand vom November 1918 zu sehen sind, wurden schnell verworfen; von Beginn an wurde die Revision in der Konfrontation mit den Siegern und vor allem mit Frankreich gesucht. Allerdings war dies kaum vermeidbar: Jede Regierung, die davon Abstand genommen hätte, wäre angesichts der Stimmung in der Bevölkerung hinweggefegt worden.

Dieser konfrontativen Politik setzten die Sieger und vor allem Frankreich den von Clemenceau formulierten Willen entgegen, den Friedensvertrag bis zum letzten Iota erfüllt zu sehen. Besondere Bedeutung kam der Reparationsfrage zu. Offener deutscher Widerstand oder der Versuch dilatorischer Politik, verschiedene Konferenzen und Verhandlungsrunden gipfelten 1921 in der ultimativen Forderung von 132 Milliarden Goldmark. Nach dem Scheitern der von der Regierung Joseph Wirth (Zentrum) betriebenen "Erfüllungspolitik", die eigentlich hatte nachweisen sollen, dass die Forderung der Sieger nicht zu erfüllen war, führte die Reparationsfrage unmittelbar ins Krisenjahr 1923.