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1.12.2008 | Von:
Wolfgang Elz

Versailles und Weimar

Weltwirtschaftskrise

Schon Hindenburgs Wahl zum Reichspräsidenten im April 1925 hatte offenbart, dass sich eine - wenn auch nur relative - Mehrheit der Bevölkerung lieber vom Heroen des Weltkriegs repräsentiert sah als von seinem nüchternen Gegenkandidaten Wilhelm Marx (Zentrum). Auch wenn Hindenburg als Reichspräsident gegenüber Stresemanns Außenpolitik allenfalls Vorbehalte geltend machte, aber doch letztlich stets nachgab, war diese Wahl kein gutes Zeichen für die Republik. Dabei gewann Deutschland mit seiner Außenpolitik in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre durchaus Ansehen: Es war an internationalen Verhandlungen nun gleichberechtigt beteiligt und spielte gelegentlich eine wichtige Rolle, etwa beim Zustandekommen des Kriegsächtungspakts ("Briand-Kellogg-Pakt") vom August 1928.

Selbst Stresemanns wiederholte Auftritte vor dem Völkerbund zugunsten deutscher Minderheiten in den nach dem Krieg neu entstandenen Staaten wurden ihm nicht negativ ausgelegt, vor allem nicht in Großbritannien, wo man an der Weisheit der territorialen Neuordnung von 1919 ohnehin zu zweifeln begonnen hatte. Sicher standen auch nach Osten gerichtete territoriale Revisionsvorstellungen Stresemanns dahinter. Aber das Entscheidende waren die Methoden: Ein Bruch der Verständigungspolitik gegenüber den Großmächten hin zu brachialer Revision, die letztlich auch Gewalt einschloss, war für ihn nicht nur von der deutschen militärischen Schwäche her auf längere Sicht ausgeschlossen, sondern von der Konzeption seiner Außenpolitik. Die deutsche Großmachtrolle beruhte auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit den anderen wichtigen Wirtschaftsnationen und insbesondere den USA - und diese Zusammenarbeit gab es nur in einem friedlichen Mitteleuropa.

Wie sehr man Deutschland entgegenzukommen bereit war, zeigte sich, als 1929 die Reparationsfrage erneut akut wurde. Allen Beteiligten war klar, dass der Dawes-Plan nicht durchzuhalten war, und wieder aufgrund von Expertenvorarbeiten wurde der Young-Plan aufgestellt, der Deutschland zwar auf lange Sicht - nämlich bis 1988 - zu Reparationen verpflichtete, aber doch vorübergehend Erleichterung brachte. In innenpolitischer Hinsicht wichtiger war jedoch ein Vorgang im Umfeld des Young-Plans. Die NSDAP, bei der Reichstagswahl von 1928 noch eine Splitterpartei, tat sich mit der nach rechts driftenden DNVP zusammen und setzte einen Volksentscheid gegen den Young-Plan in Gang, der auf das Zerreißen des Versailler Vertrags hinauslief. Dass am Ende nur 13,8 Prozent der Wahlberechtigten zustimmten, verdeckt die Bedeutung: Der NSDAP gelang es mit dieser Aktion, sich in den rechten Rand des bürgerlichen Lagers vorzuarbeiten und als Vorhut des "nationalen Lagers" zu präsentieren. Radikale Agitation gegen den Versailler Vertrag war salonfähig geworden.

Am Rande der Unterzeichung des Young-Plans hatte Stresemann im August 1929 erreicht, dass für 1930 die endgültige Räumung des Rheinlands zugesichert wurde. Der Außenminister erlebte diesen ersten großen Erfolg seiner Revisionspolitik nicht mehr: Im Oktober 1929 starb der 51-Jährige. Unter seinem Parteifreund und Nachfolger Julius Curtius wurde seine Außenpolitik zwar nicht sofort über Bord geworfen, aber schon die Umstände erschwerten die Weiterverfolgung einer auf Verständigung setzenden Politik. Das innenpolitische Klima wurde rauer in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, die im Herbst 1929 in den USA ihren Anfang nahm und sehr schnell nach Europa und insbesondere nach Deutschland hinüberschwappte, wo sich die Abhängigkeit von amerikanischem Kapital nun als fatal erwies. Die Arbeitslosenzahl stieg rasch, und der wirtschaftliche Niedergang war ein idealer Nährboden für jene, die den Versailler Vertrag und die vermeintliche Knechtung Deutschlands dafür verantwortlich machten. Der große Wahlerfolg der NSDAP bei der Reichstagswahl vom September 1930, als sie mit 18,2 Prozent zweitstärkste Partei wurde, signalisierte vor allem Frankreich, das zuvor schon nur zögerlich zu revisionistischen Konzessionen bereit gewesen war, wie sehr sich der Wind binnen kurzem gedreht hatte. Das erste Präsidialkabinett unter Heinrich Brüning (Zentrum) tat sein Übriges, um die internationale und die innere Anspannung zu verschärfen.

Der von Curtius ohne internationale Absicherung 1931 vorgelegte Vertrag einer deutsch-österreichischen Zollunion wurde von den Nachbarn als Vorstufe für den in Versailles verbotenen "Anschluss" betrachtet und folgerichtig vom Internationalen Gerichtshof abgelehnt. Brüning verschärfte die Krise, indem er die Aufhebung der Reparationen über alles setzte und dafür mit seiner Deflationspolitik, die den Reparationsgläubigern deutsche Zahlungsunfähigkeit beweisen sollte, den weiteren massenhaften Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Kauf nahm. Zwar hatte der auf die Reparationen zielende Teil der Politik letztlich Erfolg: In Reparationsfragen entscheidend war stets das Entgegenkommen der USA, denn die Forderungen von Briten und Franzosen gegenüber Deutschland waren zum Großteil in der eigenen Zahlungsverpflichtung aus Kriegsschulden gegenüber Washington begründet. Daher war das einjährige Moratorium für alle Schuldenzahlungen, das Präsident Herbert Hoover im Juni 1931 verkündete, ein wichtiger Schritt, dem schließlich auf einer Konferenz in Lausanne 1932 die faktische Streichung der Reparationsverpflichtungen folgte. Aber innenpolitisch kam in Deutschland jede Wirkung zu spät, und die Folgen der Deflationspolitik waren katastrophal. Die antirepublikanischen Parteien am rechten und linken Rand, NSDAP und KPD, erhielten einen solchen Zulauf, dass parlamentarisches Regieren aussichtslos erschien.

Brüning erlebte das Ende der Reparationen nicht mehr im Amt. Sein Nachfolger Franz von Papen mit dem "Kabinett der Barone" verschärfte nun noch einmal die außenpolitische Strategie, die von Stresemann überwunden, aber schon unter Brüning wieder als Option entdeckt worden war, nämlich den Versuch, Großbritannien und Frankreich gegeneinander auszuspielen. In den Mittelpunkt war nun die Abrüstungsfrage getreten: Der Versailler Vertrag hatte die allgemeine Abrüstung zum Ziel erklärt und die deutschen militärischen Restriktionen nur als deren ersten Schritt definiert. Aber seit Jahren schleppten sich die Verhandlungen am Rande des Völkerbunds über die Umsetzung der Vertragsregelungen hin, und in Deutschland wurde nun - von der NSDAP geschürt - der Ruf nach "Gleichberechtigung" auch in der Rüstungsfrage immer lauter. Frankreich war angesichts der inneren Entwicklung beim Nachbarn nicht bereit, seinen letzten Trumpf, die militärische Überlegenheit, preiszugeben. Auch nach der Eröffnung der Abrüstungskonferenz im Februar 1932 gab es keine Annäherung, und die deutschen Drohszenarien wurden drastischer.