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Das Tor zur Universität - Abitur im Wandel


24.11.2008
Seit bald 175 Jahren führt der Weg zum Studium über das Reifezeugnis einer höheren Schule. Die Anforderungen des Abiturs haben sich in dieser Zeit stark gewandelt.

Einleitung



Der 17-Jährige, der sich im Spätsommer 1835 der Reifeprüfung stellte, hatte hohe Anforderungen zu erfüllen. Im Jahr zuvor war in Preußen eine neue Ordnung in Kraft getreten, die das Bestehen dieser Prüfung zur Voraussetzung für ein Hochschulstudium mit abschließender Staatsprüfung machte. Vorbei waren die Zeiten, als man selbst mit einem Zeugnis der "Untüchtigkeit" ein Studium aufnehmen konnte. Dies war nach den ersten preußischen Abiturreglements von 1788 und 1812 durchaus noch möglich gewesen.[1] Wie Preußen forderten auch die übrigen Staaten des Deutschen Bundes seit 1834 ein "Zeugnis der wissenschaftlichen Vorbereitung zum Studium" als Voraussetzung für die Immatrikulation an einer Universität.[2]




So musste unser Kandidat in einer Augustwoche sieben, unter Aufsicht geschriebene Arbeiten abliefern. Jeweils fünf Stunden standen für einen deutschen und einen lateinischen Aufsatz sowie eine mathematische Arbeit zur Verfügung. Je zwei bis drei Stunden dauerte die Übersetzung kürzerer deutscher Texte ins Lateinische und Französische und eines griechischen Textes ins Deutsche. Aufgrund einer Sonderregelung für die Rheinprovinz musste der Kandidat auch noch einen fünfstündigen Religionsaufsatz schreiben. Die mündliche Prüfung fand einen Monat später an drei Tagen in einer Gruppe von 14 Schülerinnen und Schülern statt: Lateinisch und Griechisch, Französisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Religion. Aus verschiedenen Gründen konnten die eigentlich vorgeschriebenen Prüfungen in Deutsch, philosophischer Propädeutik und Naturbeschreibung nicht stattfinden. Am 24. September 1835 stellte die Prüfungskommission dem "Zögling des Gymnasiums zu Trier" das Reifezeugnis in der Hoffnung aus, "dass er den günstigen Erwartungen, wozu seine Anlagen berechtigen, entsprechen werde".

Ob diese Hoffnung berechtigt war, ist bis heute umstritten, denn der Abiturient war niemand anderes als Karl Marx.[3] Mit seinem Schulabschluss gehörte er zu einer verschwindend kleinen Bildungselite, stellten die Abiturienten um die Mitte des 19. Jahrhunderts doch deutlich weniger als ein Prozent eines Altersjahrgangs. Auch mehr als ein Jahrhundert später lag dieser Wert in der Bundesrepublik bei nur sechs Prozent (1960). Dazu trug auch das bis dahin an höheren Schulen erhobene Schulgeld bei. Erst infolge der Bildungsreformen seit den 1960er Jahren stieg der Anteil der Abiturienten mit allgemeiner Hochschulreife auf rund 30 Prozent im Jahre 2006 an, zu denen noch 13,5 Prozent mit Fachhochschulreife kommen.[4] Hat die Abiturprüfung selbst auch einen so grundlegenden Wandel erfahren?


Fußnoten

1.
Vgl. Karl-Ernst Jeismann, Das preußische Gymnasium in Staat und Gesellschaft, Bd. 2, Stuttgart 1996, S. 209 - 219; Andrä Wolter, Das Abitur, Oldenburg 1987; Norbert Kamp, Das Abiturreglement von 1788, Diss. Univ. Essen 1988.
2.
Siehe Artikel 43 und 45 der Wiener Bundesbeschlüsse vom 12. Juni 1834, in: Ernst Rudolf Huber (Hrsg.), Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte, Bd. 1, Stuttgart 1961, S. 137 - 149.
3.
Das gesamte Abiturverfahren ist dokumentiert in: Karl Marx/Friedrich Engels, Gesamtausgabe (MEGA), 1. Abt., Bd. 1, Berlin 1975, S. 449 - 473 u. 1185 - 1219; Heinz Monz, Karl Marx. Grundlagen der Entwicklung zu Leben und Werk, Trier 1973, S. 302 - 319 u. 392 - 410.
4.
Vgl. Franzjörg Baumgart, Zwischen Reform und Reaktion. Preußische Schulpolitik 1806 - 1859, Darmstadt 1990, S. 106; Oskar Anweiler (Hrsg.), Bildungspolitik in Deutschland 1945 - 1990, Bonn 1992, S. 542; Schüler, Klassen, Lehrer und Absolventen der Schulen 1997 bis 2006. Statistische Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz Nr. 184, 2007, S. XVIII.