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Die NSDAP vor und nach 1933


10.11.2008
Von 1929/30 an wuchs die NSDAP von einer Splitterpartei zur Massenbewegung, in deren Apparaten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nahezu zwei Drittel der Bevölkerung organisiert waren.

Einleitung



In seiner im Winter 1942/43 verfassten Schrift "Selbstbesinnung und Selbstkritik" beschäftigte sich Herbert Wehner, der zu diesem Zeitpunkt in Schweden im Gefängnis saß, mit den Gründen für den Erfolg des Nationalsozialismus im Deutschen Reich. Nur wenige Monate zuvor war er in Moskau damit beauftragt worden, den illegalen Apparat der KPD wieder aufzubauen, um auf den Sturz des NS-Regimes hinzuarbeiten. Als ihn die schwedische Polizei aufgrund der sich gegen einen fremden Staat richtenden Aktivitäten inhaftierte, wurden diese Vorbereitungen jäh unterbrochen.






Mit seiner unvollendeten und unveröffentlicht gebliebenen Bekenntnisschrift verfolgte Wehner ein zweifaches Ziel. Zum einen ging es ihm um eine Klärung seines persönlichen Standortes in der sozialistischen Arbeiterbewegung, zum anderen um eine Neuorientierung ihres politischen Kampfes gegen den NS-Staat. Als Ausgangspunkt diente Wehner die zutreffende Beobachtung, dass es bislang keine überzeugende marxistische Analyse der Ursachen jenes beispiellosen Siegeszuges gebe, den der Nationalsozialismus seit 1930 im Deutschen Reich angetreten hatte.[1]

Ins Zentrum seiner Analyse rückte er die soziale Praxis der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), in der Wehner das Geheimnis jener Erfolge erblickte. Für ihn war die NSDAP eine "Partei mit den vielen Gesichtern", die während der Weimarer Zeit drei außergewöhnliche Neuerungen in das politische System eingeführt hatte.[2] Erstens habe sie bewusst die unterschiedlichen Interessen aller sozialen Schichten angesprochen, zweitens sei sie dazu übergegangen, immer größere Teile der deutschen Bevölkerung in sich aufzunehmen, und drittens habe sie dafür gesorgt, ihren Organisationsapparat stets in Bewegung zu halten. "Massenwerbung, Massenzusammenballung und Massenbewegung", mit diesen Worten brachte Wehner die soziale Praxis der NSDAP auf den Punkt.[3]

Die klassenübergreifende Propaganda, die Integration breiter Bevölkerungskreise in ihre Apparate und deren ständiger Einsatz waren, folgt man Wehner, nicht nur für die Wahlsiege der NSDAP bis 1932/33 verantwortlich. Vielmehr bildeten diese drei Herrschaftstechniken auch nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 das Lebenselixier der NSDAP. Es entstand ein unüberschaubares Geflecht nationalsozialistischer Organisationen, dem schließlich die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung angehörte. Deren Einbeziehung in die weit verzweigten Apparate der NSDAP deutete Wehner fast ausschließlich als Ausfluss von mehr oder weniger direktem Zwang. Über die daraus resultierende Konsequenz, dass die Bevölkerung den ideologischen Zwecken des Nationalsozialismus dienstbar gemacht wurde, gab er sich keinerlei Illusionen hin. Umso dringender war es ihm, Antworten auf zwei wesentliche Fragen zu finden: Wie war es der NSDAP gelungen, aus den Hinterzimmern der Münchener Bierkeller heraus zur Massenpartei zu werden, der zu diesem Zeitpunkt, 1942/43, fast sieben Millionen Personen angehörten? Welche Mechanismen hatten dazu geführt, dass sich eine noch viel größere Zahl von Mitgliedern in ihren Nebenorganisationen einfand, die sich anscheinend beliebig für die Interessenlagen der NSDAP mobilisieren ließen? Beide Fragen sollten den archimedischen Punkt jeder Geschichte der NSDAP bilden.[4]

Im Folgenden wird auf der Basis der neueren Forschung zum Thema versucht, mögliche Antworten einzukreisen. Dabei geht es weniger darum, neue Thesen zur sozialen Schubkraft der NSDAP vor und nach 1933 zu entwickeln und nach Gründen für ihre dynamische Entwicklung zu suchen. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine methodische Herangehensweise, mit der sich die Forschung vielleicht selbst überraschen könnte.


Fußnoten

1.
Hans Mommsen zum 5. November 2008.
2.
Vgl. Herbert Wehner, Selbstbesinnung und Selbstkritik. Gedanken und Erfahrungen eines Deutschen, hrsg. v. August Hermann Leugers-Scherzberg, Köln 1994, S. 111 - 149, hier S. 136. Eine Interpretation findet sich bei Michael F. Scholz, Herbert Wehner in Schweden 1941 - 1946, München 1995, S. 55 - 79, hier S. 76ff.
3.
H. Wehner (Anm. 1), S. 93.
4.
Die bisherigen Gesamtdarstellungen zur Geschichte der NSDAP von Dietrich Orlow, The History of the Nazi Party, 2 Bde., Pittsburgh 1969 - 1973; Johnpeter H. Grill, The Nazi Movement in Baden 1920 - 1945, Ph. D. thesis, Chapel Hill 1983, sowie Kurt Pätzold/Manfred Weißbecker, Geschichte der NSDAP 1920 bis 1945, Köln 1998, haben diese Einsicht zu wenig beherzigt.