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16.10.2008 | Von:
Franz M. Wuketits

Die Illusion des freien Willens - Essay

Willensfreiheit - eine Illusion?

Wohl jeder kennt die folgende - oder eine ähnliche - Situation. Ich bin unterwegs zu einer Buchhandlung, in der Absicht, ein bestimmtes Buch zu erwerben. Kurz vor dem Buchladen kommt mir plötzlich, unerwartet, ein guter Freund entgegen. Natürlich bleibe ich zur Begrüßung stehen, freue mich über die Begegnung und lade den Freund spontan zu einem Kaffee ein (oder lasse mich von ihm dazu "verführen"). Damit habe ich meine ursprüngliche Absicht kurzfristig zurückgedrängt, den Besuch der Buchhandlung auf später verschoben. Selbstverständlich hätte ich einfach weitergehen können, dem Freund keine Beachtung schenken müssen (ich hatte ja ein klares Ziel vor Augen), aber kaum einer würde sich so verhalten (weil wir uns nicht ins soziale Abseits stellen wollen). Da die Begegnung eine angenehme war, bereue ich die Änderung meines Vorhabens überhaupt nicht. War es aber meine freie Willensentscheidung, mit dem Freund ein Café aufzusuchen? Im Nachhinein kann ich sagen: "Ja, natürlich, niemand hat mich dazu gezwungen."

Ähnlich verhält es sich mit diesem Artikel. Niemand hat mich gezwungen, ihn zu schreiben, ich wurde vielmehr freundlich dazu eingeladen. Was Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, gerade - hoffentlich mit Genuss, oder zumindest nicht verärgert - aufnehmen, ist das Ergebnis dieser Einladung. Ich hätte zahlreiche Gründe finden können, diesen Essay nicht zu schreiben. Tatsache aber ist, dass ich nach solchen Gründen erst gar nicht gesucht, sondern gleich meine Zusage gegeben habe. Allerdings bin ich nicht in rationale Reflexionen darüber versunken, ob ich die Zeit dafür finden und in der Lage sein würde, das Manuskript rechtzeitig abzuliefern. Nun, ich habe es - wie so oft, im letzten Augenblick - geschafft (dabei hatte ich viele Monate dafür Zeit). Eine Reihe von "Attraktoren" muss mich dazu veranlasst haben, diesen Essay zu schreiben, so wie meine Lust am Schreiben insgesamt von verschiedenen, bereits in frühen Phasen meiner Biografie verankerten Antrieben determiniert wird.

Um nicht zu sehr ins (Auto-)Biografische abzugleiten: Ich möchte festhalten, dass der freie Wille in der Tat bloß eine Illusion ist, wenn auch eine nützliche. Sicher, niemand kann leugnen, dass wir einen Willen haben (den wir im Übrigen ebenso auch anderen Primaten, sowie Hunden, Katzen und noch verschiedenen Tieren einräumen dürfen), doch ist dieser Wille nicht frei, sondern eingebunden in einen Komplex psychischer Phänomene, die ihre ebenso komplexe Geschichte haben. Warum aber soll die Illusion des freien Willens nützlich sein? Die Vorstellung, etwas sozusagen aus sich heraus, allein und autonom bewirkt zu haben, vermittelt uns im Allgemeinen positive Gefühle. Schon ein prähistorischer Mensch, der mit einem einfachen Steinwerkzeug einen Ziegenbock erschlug - und damit sich und den Seinen eine Mahlzeit sicherte -, wird von dem befriedigenden Gefühl "Das war ich!" ergriffen worden sein.

"Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg", sagt man gemeinhin. Das ist sicher nicht ganz falsch, denn der Wille kann vieles bewirken. Fragt man aber, warum jemand dieses oder jenes will, dann kommt man wiederum zu jenem Komplex unbewusst wirkender Faktoren, die den Willen kontrollieren. Wie der Philosoph Peter Bieri bemerkt: "Unser Wille entsteht nicht im luftleeren Raum. Was wir wünschen und welche unserer Wünsche handlungswirksam werden, hängt von vielen Dingen ab, die nicht in unserer Verfügungsgewalt liegen." Und selbstverständlich wissen wir, dass manches, was wir wollen, nicht realisierbar ist. Gelegentlich aber staunen wir darüber, was uns so alles gelingt.