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16.10.2008 | Von:
Franz M. Wuketits

Die Illusion des freien Willens - Essay

Umgang mit dem unfreien Willen

Wie lebt es sich mit dem Bewusstsein, dass Willensfreiheit nur eine Illusion sei? Eigentlich ganz gut, denn erstens können wir ja immer noch so tun, als ob wir uns frei entscheiden, und zweitens spielt das Problem bei vielen Alltagshandlungen ohnehin keine Rolle. Was eine Person dazu bewegt, statt Kalbsbraten gebackenes Gemüse zu essen (oder umgekehrt), braucht ihr nicht wichtig zu sein - Hauptsache, es schmeckt. Es wäre geradezu unerträglich, und wir hätten kaum Freude am Leben, würden wir bei allem, was wir tun, (selbst-)kritisch nach den Motiven fragen. Außerdem empfinden wir bei vielen - wahrscheinlich den meisten - Entscheidungen in unserem Alltag keinen Zwang, sodass sich gleichsam automatisch ein Gefühl von Freiheit einstellt.

Was einen Menschen als Person definiert, hängt von seinem Gehirn ab. Sein Selbstbewusstsein, seine Wünsche, Hoffnungen, Freuden, Befürchtungen, Ängste und Träume gehen von jenem Organ aus, das schließlich unsere Gattung zu dem gemacht hat, was sie heute ist - ein Wesen mit der Fähigkeit, über sich selbst, seine Vergangenheit und mögliche Zukunft nachzudenken und sich sogar autonom und frei zu wähnen. Diese Erkenntnis braucht uns nicht zu kränken, ist doch unser Gehirn ein Teil von uns und nicht etwa irgendeine Kraft, die uns von außen beeinflusst. Wenn man entgegen der früheren - und nach wie vor beliebten - Auffassung, wonach der Mensch ein "Geistwesen" sei, nun sagen muss, er sei ein "Gehirnwesen", dann ändert das in unserem "praktischen" Leben kaum etwas.

Problematisch wird es allerdings bei Verbrechen. Sein Gehirn erlaubt dem Menschen bekanntlich nicht nur, Essays zu schreiben, Opern zu komponieren und landwirtschaftliche Geräte zu bauen, sondern auch, einen Mord zu planen und auszuführen. Daher hat das Problem der Willensfreiheit seine unbestreitbare Relevanz in der Ethik und im Strafrecht. Die These von der Unfreiheit des Willens sorgt für mitunter hitzig geführte Debatten im Hinblick auf die Schuldfähigkeit des Menschen. Wenn jeder Mensch sowohl von der Stammesgeschichte seiner Gattung als auch von seiner Individualgeschichte bebürdet ist, kann man ihn für sein Handeln - selbst, wenn dieses einen Mord einschließt - nicht zur Verantwortung ziehen. Oder etwa doch?

Nach allem, was uns die Ergebnisse der modernen Hirnforschung (aber auch anderer Disziplinen wie der Evolutionsbiologie oder der Verhaltensforschung) nahe legen, sollten wir uns von den althergebrachten Konzepten von Schuld und Strafe verabschieden. Aber das bedeutet keineswegs, dass wir jede Tat eines Menschen hinnehmen dürfen oder gar müssen. Einem Mörder, der sich auf die Unfreiheit seines Willens zurückzieht und meint, er sei gezwungen gewesen, einen anderen Menschen zu töten, kann man antworten: "Sicher, dich trifft keine Schuld im engeren Sinn, du konntest dich nicht anders entscheiden, aber da nun einmal andere Menschen nicht von dir getötet werden wollen, müssen wir dich - wir können ja auch nicht anders - aus dem Verkehr ziehen." Was "aus dem Verkehr ziehen" bedeuten kann und soll, ist freilich noch eine andere, strafrechtlich relevante Frage, die hier nicht behandelt werden kann.

Abgesehen von diesen gewiss schwer wiegenden Problemen brauchen wir den Umstand, dass wir mit dem freien Willen einer Illusion aufgesessen sind, nicht tragisch zu nehmen, denn, auf gut Österreichisch gesagt: "Wollen werd' ich ja noch dürfen."