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16.10.2008 | Von:
Michael Hagner

Eine sehr kurze Geschichte der modernen Hirnforschung

Ausblick

Im Zeitalter des Neuroimaging geht man nicht mehr davon aus, dass das Gehirn ein Computer ist, sondern dass es in enger Verbindung mit dem übrigen Organismus und der Umwelt agiert. Auch das einfache Reiz-Reaktions-Schema hat an Bedeutung verloren. Dennoch gelten Neuronentheorie und Lokalisationslehre weiterhin als so bedeutend, dass die Neurowissenschaften ohne sie nur schwer vorstellbar wären. Die Funktion eines Neurons bildet die Grundlage für das Verständnis neuronaler Prozesse, obwohl es neben den Neuronen noch andere Nervenzellarten im Gehirn gibt. Deren Zusammenspiel ist nach wie vor nur wenig verstanden.

Die Lokalisationstheorie hat durch die neuen bildgebenden Verfahren eine regelrechte Renaissance erlebt. Ob es freilich sinnvoll ist, Emotionen, Altruismus, ästhetisches Verständnis oder Religiosität im Gehirn zu lokalisieren, ist eine heftig umstrittene Frage. Die Grundlagen für diese Theorie sind recht alt, und eine neue, anders konfigurierte Theorie ist bislang nicht in Sicht. Am Anspruch hingegen, das menschliche Verhalten auf der Basis des Gehirns zu erklären, hat sich nichts verändert.[1]

Fußnoten

1.
Der Beitrag basiert auf folgender Literatur: Cornelius Borck, Das elektrische Gehirn. Geschichte und Wissenskultur der Elektroenzephalographie, Göttingen 2005; Olaf Breidbach, Die Materialisierung des Ichs. Zur Geschichte der Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1997; Pietro Corsi (ed.), The Enchanted Loom. Chapters in the History of Neuroscience, Oxford 1991; Douwe Draaisma, Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedächtnisses, Darmstadt 1999; Stanley Finger, Origins of Neuroscience. A history of explorations into brain function, New York 1994; Michael Hagner, Homo cerebralis. Der Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn. Berlin 1997 (Neuausgabe Frankfurt/M. 2008); ders. (Hrsg.), Ecce cortex. Beiträge zur Geschichte des modernen Gehirns, Göttingen 1999; ders., Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung, Göttingen 2004; ders., Der Geist bei der Arbeit. Historische Untersuchungen zur Hirnforschung, Göttingen 2006; Anne Harrington, Medicine, Mind and the Double Brain, Princeton 1987; Gordon M. Shepherd, Foundations of the Neuron Doctrine, Oxford 1991.