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10.10.2008 | Von:
Jörg Faust
Dirk Messner

Arm, aber einflussreich: "Ankerländer" als außenpolitische Herausforderung

Einige (ehemalige) Entwicklungsländer haben politisch an Gewicht gewonnen und stellen die bisherige Weltordnung in Frage. Die "westliche" Außenpolitik wird sich mit der neuen Multipolarität auseinandersetzen müssen.

Einleitung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich gravierende Veränderungen im internationalen System ab. Angesichts der kontinuierlichen Zunahme von grenzüberschreitenden Transaktionen und Verflechtungen lassen sich immer mehr internationale Herausforderungen kaum mehr nur unilateral oder im Kontext regionaler Kooperation lösen. Der Klimawandel, die Begrenzung international organisierter Kriminalität, die ordnungspolitische Einhegung von Handels- und Investitionsströmen oder die Bekämpfung des internationalen Terrorismus zählen dabei zu den wichtigsten Problemen. Diesen kann nur durch gut miteinander abgestimmte globale, regionale und nationale Anstrengungen effektiv begegnet werden. Außenpolitik muss insofern strategisch als ein Mehrebenenansatz konzipiert und umgesetzt werden.










Aus (nicht nur) deutscher Perspektive gibt es eine weitere Herausforderung: Während der vergangenen Jahrzehnte wurden Prozesse globalen Regierens maßgeblich von den etablierten westlichen Demokratien gestaltet, den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Heute jedoch nimmt die eigenständige außenpolitische Gestaltungskraft einer Reihe von bedeutenden Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika zu. Dies sind die sogenannten "Ankerländer", teilweise auch regionale Führungsmächte oder aufstrebende Staaten des Südens genannt. Durch ihre wachsende ökonomische wie sicherheitspolitische Bedeutung sowie die Fähigkeit, ihren Interessen Gehör zu verschaffen, ist die Gestaltung von Prozessen globalen Regierens nicht mehr ein nahezu exklusives Unterfangen der alten OECD-Demokratien. Vielmehr müssen deren bi- wie multilaterale Außenbeziehungen neu austariert werden, um auf die global immer relevanter werdenden Ankerländer angemessen reagieren zu können.

Diese strategische Herausforderung gilt insbesondere auch für Deutschland, das seine Außenpolitik in der Vergangenheit maßgeblich auf die Europäische Union (EU), die transatlantischen Beziehungen sowie auf Mittel- und Osteuropa ausgerichtet hat. Die Beziehungen zu den einflussreichen Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas waren dabei auf der bilateralen Ebene "nur" operativ außenwirtschaftlich oder entwicklungspolitisch geprägt. Eine übergeordnete strategische Verortung dieser Staaten in das internationale System wurde Frankreich, Großbritannien oder den USA, teilweise auch der EU überlassen. Da sich politisch-institutionelle Arrangements auf globaler Ebene in nahezu allen Themenfeldern zu verändern beginnen und auch die bilateralen Beziehungen zu einer Reihe von Ankerländern ein anderes strategisches Potential erlangen, ist eine solche außenpolitische Orientierung allerdings nicht zielführend. Vor diesem Hintergrund werden wir in dem vorliegenden Beitrag auf das Phänomen der "Ankerländer" eingehen: Hierzu gehört sowohl, ihre definitorischen Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, als auch die signifikanten Unterschiede zu identifizieren, die zwischen ihnen bestehen. Darüber hinaus werden wir uns konkret mit den Herausforderungen für die deutsche Außenpolitik beschäftigen.