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10.10.2008 | Von:
Jörg Faust
Dirk Messner

Arm, aber einflussreich: "Ankerländer" als außenpolitische Herausforderung

Zusammenfassung und Ausblick

Erst allmählich wird politischen Entscheidungsträgern, aber auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass die gegenwärtigen Veränderungen im internationalen System die Erosion der Dominanz nordamerikanischer und europäischer Staaten nach sich ziehen könnten. Für die deutsche und europäische Außenpolitik bedeutet dies, dass sie sich grundsätzlich mit den Folgen gleichsam tektonischer Machtverschiebungen und der neuen unübersichtlichen Multipolarität auseinandersetzen muss.

In der Geschichte gingen große Machtverschiebungen meist mit weitreichenden Konflikten einher. Autoren wie John Mearsheimer halten aufgrund der vermeintlichen Eigendynamik internationaler Politik einen friedlichen Aufstieg Chinas und Indiens zu zentralen Machtpolen für ausgeschlossen. Die USA und Europa könnten eine solche Machtverschiebung nicht akzeptieren, Konfrontationen seien daher unvermeidlich.[12] Einiges spricht dafür, dass diese Perspektive nicht vollkommen abwegig ist. Klassische Machtpolitik zur Sicherung von Einflusssphären und Zugängen zu knappen Ressourcen gewinnt derzeit an Bedeutung. Die Rolle Chinas und Indiens in Afrika wird vom Westen misstrauisch beäugt. Im Kaukasus ringen Europa, die USA und Russland um "ihre" Anteile an den Energieressourcen einer instabilen Region. In Asien geht es um die Machtbalance zwischen China, Indien und Japan, und in der europäischen Diskussion wird die Kritik an der vermeintlich zu kooperationsorientierten Außenpolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten lauter.[13] Wenn jedoch die Tendenzen eines harten und eher merkantilistischen Wettbewerbs der Staaten zunehmen, dürfte die Bearbeitung globaler Probleme mittels kooperativer, auf Interessenausgleich ausgerichteter Verfahren unwahrscheinlicher werden.

Ob ein solches Szenario vermieden werden kann, hängt davon ab, inwieweit sich eine weiter zunehmende, ohne fundamentale Brüche vollziehende Einbettung von Ankerländern in das Weltwirtschaftssystem mit einer Zunahme demokratischer Partizipationsverfahren in diesen Staaten kombinieren lässt. Eine solche Entwicklung dürfte aufgrund innergesellschaftlicher Dynamiken das Interesse der Regierungen an der Etablierung kooperativer Außenbeziehungen befördern. Allerdings werden diese Regierungen auch eine ihrem internationalen Einfluss entsprechende Verteilung der Kosten und Nutzen globaler öffentlicher Güter einfordern, zum Beispiel, wenn es um Klimaschutz, Sicherheit vor transnationaler Kriminalität oder funktionierende Finanzmärkte geht. Es gilt also, proaktive "Strategien friedlicher Machttransformation" zu entwickeln.[14] Ein zentrales Element einer solchen Strategie ist sicher die Bereitschaft zur Arbeitsteilung auf Augenhöhe zwischen den OECD- und den Ankerländern, die jedoch eine Korrektur des Selbstverständnisses westlicher Außenpolitik voraussetzt. Der in Indien geborene US-amerikanische Politikwissenschaftler Parag Khanna bringt diesen notwendigen Perspektivwechsel überzeugend auf den Punkt: Der Westen könne "keine Loyalität mit einer westlichen Ordnung erwarten, die sich unter dem Deckmäntelchen oktroyierter, vermeintlicher universeller Werte versteckt, ohne dass es zu einem echten globalen Meinungsbildungsprozess gekommen wäre. Die USA haben China aufgefordert, sich als ,verantwortungsvoller Treuhänder` des globalen Systems zu verhalten, aber da es sich unausgesprochen um eine amerikanische Ordnung handelt, widersetzt sich China verständlicherweise. China wird sein gewaltiges ökonomisches Gewicht nicht im Interesse antiquierter und nicht repräsentativer Klubs wie der G-8 einsetzen, die China nicht aufnehmen."[15]

Dies bedeutet, dass auch Deutschland und Europa zukünftig lernen müssen, andere, an internationalem Einfluss gewinnende Akteure von ihren Leitbildern einer globalen Ordnung mit guten Argumenten und ernsthaften Beteiligungsangeboten zu überzeugen - und genau zuzuhören, wie "neue" handlungsmächtige Akteure ihre Ordnungsvorstellungen formulieren.

In solchen Dialogen wird sich auch die komplexe Multipolarität und Unübersichtlichkeit des internationalen Systems widerspiegeln. Es ist eben nicht nur China zu einem weiteren Machtpol neben den USA, Europa und Japan aufgestiegen. Auch Indien kann diesen Status bald erreichen. Zugleich wirken ein knappes Dutzend weiterer Staaten an der Veränderung tradierter globaler Ordnungsmuster. Viele dieser Länder kooperieren flexibel und pragmatisch zugleich mit Washington, Brüssel, Beijing, Moskau, Berlin oder auch London. Sie kombinieren den militärischen Schutz der USA mit auflagenfreien Krediten aus China und Technologiekooperationen mit Europa. Zugleich verdichten sie ihre Beziehungen untereinander. Heraus kommt ein multipolares, spannungsreiches Muster, charakterisiert durch wechselnde Allianzen, unklare Loyalitäten und sich überlappende Einflusszonen, das mit den übersichtlichen Verhältnissen bi- oder unipolarer Weltordnungen der vergangenen Jahrzehnte wenig gemein hat. Die Debatte darüber, wie Deutschland seine Beziehungen zu Ankerländern und seine Global Governance-Initiativen im Schatten dieser turbulenten Multipolarität und vor dem Hintergrund seiner Einbettung in Europa ausrichten soll, hat in Politik und Wissenschaft gerade erst begonnen.

Fußnoten

12.
Vgl. John Mearsheimer, China's Unpeaceful Rise, in: Current History, 105 (2006) 690, S. 160 - 162.
13.
Vgl. Peter Robejsek, Weltpolitische Dimension der Energiepreise. Von der unsichtbaren Hand der Autokraten, in: Neue Zürcher Zeitung vom 14. 8. 2008, S. 5.
14.
Charles Kupchan et al., Power in Transition, Tokio-New York-Paris 2003; vgl. Dirk Messner, Global Governance im Schatten des Aufstiegs von China und Indien, in: Tobias Debiel/Dirk Messner/Franz Nuscheler (Hrsg.), Globale Trends 2007, Frankfurt/M. 2006, S. 45 - 60.
15.
Parag Khanna, Der Kampf um die zweite Welt: Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung, Berlin 2008, S. 500.