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Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar


1.10.2008
Politik hat immer mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsprozessen zu tun. Daher sind Darstellung und Inszenierung von Politik notwendige Elemente politischen Handelns.

Einleitung



Sommertheater", "billiges Schmierentheater", "unwürdiges Kasperletheater" - wer eine Politikerin oder einen Politiker verunglimpfen, eine politische Entscheidung desavouieren oder das Verhalten einer Partei missbilligen will, greift häufig und gern auf Begriffe aus dem Bereich des Theaters zurück. Da wird eine Wahl zur "Farce" erklärt, ein politischer Akteur zur "Marionette" oder eine politische Gruppierung zur "Laientruppe". In den USA bezichtigen Anhänger der Republikaner den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama, er habe außer "Show" und "Rhetorik" nichts zu bieten. Deutschland verfolgt seit Wochen, so die Ansicht von Kolumnisten, kopfschüttelnd die "griechische Tragödie in Hessen", und der überraschende Rückzug von Kurt Beck als Parteivorsitzender der SPD wird unisono als "dramatische Entscheidung" kommentiert.






Der Vorwurf, Politik sei zum bloßen Theater verkommen, ist ein beliebtes Totschlagargument. Er wird von Seiten der Bevölkerung pauschal gegenüber der politischen Klasse ebenso eingesetzt wie von Seiten der Medien und der politischen Akteure untereinander. Die Bewertung einer politischen Situation durch den Vergleich zum Theater hat eine lange Tradition und gründet sich auf zwei miteinander verbundene Phänomene. Erstens durchzieht die Übertragung von Theaterbegriffen wie Rolle, Bühne, Szene, Skript, Akteur und Zuschauer auf Bereiche des politischen, ökonomischen oder auch sozialen Alltags und der praktischen Lebensführung das abendländische Denken seit der antiken griechischen Philosophie bis heute. Von der Ansicht Platons, der Mensch sei Spielzeug in der Hand der Götter und müsse sich dieser Rolle fügen, über das Barock, welche die ganze Welt als eine Bühne, als theatrum mundi auffasste, bis hin zum bürgerlichen Anspruch, die Masken fallen zu lassen, scheinen insbesondere Begriffe aus dem Bereich des Theaters geeignet, das in jeder Gesellschaft - wenn auch mit unterschiedlichen Akzentuierungen- relevante Verhältnis von Wahrheit und Illusion, Individuum und Gesellschaft, Selbst- und Fremdbestimmtheit zu thematisieren. Dabei ist es jeweils abhängig von Zeitalter und Perspektive, ob die theatrale Verfasstheit sozialen Lebens positiv affirmiert, negativ verurteilt oder neutral konstatiert wird.

Zweitens hält sich hartnäckig ein Unbehagen, ja eine Ablehnung gegenüber einer zu großen Nähe oder gar Vergleichbarkeit von Theater und Leben. Denn bei aller Wertschätzung für das Theater als einer Kunst, die in so unterschiedlichen Gesellschaftsformen wie der griechischen Polis, dem absolutistischen Staat oder der bürgerlichen Republik als wesentliches Medium der Selbst- wie Fremddarstellung und der Selbstverständigung fungierte, wird es doch primär mit Schein, Täuschung und Betrug in Verbindung gebracht. Entsprechend kann und darf das bloße Spiel des Theaters niemals mit der harten Realität des Lebens konkurrieren, es kann allenfalls die Illusion dieser Realität erzeugen. Dieses antitheatrale Vorurteil ist selbst in alltägliche umgangssprachliche Formulierungen eingedrungen, etwa wenn wir jemanden auffordern, "mach' nicht so ein Theater", oder eine Situation mit dem Ausruf "welch' ein Theater!" abwerten.

Theater und Theatralität



Es ist an der Zeit, diese geläufigen Auffassungen und (Vor-)Urteile grundlegend zu überdenken. Dafür können Überlegungen und Konzepte aus der gegenwärtigen Theaterforschung hilfreich sein. Die Theaterwissenschaft unterscheidet zwischen einem engen und einem weiten Theaterverständnis, zwischen Theater und Theatralität. Als Theater im engeren Sinn gilt die Kunstform Theater und alle mit ihr verbundenen Traditionen, Institutionen, Elemente und Funktionen. Theatrale Situationen hingegen sind gleichsam soziale Aufführungen. Hier präsentiert sich jemand außerhalb eines künstlerischen Kontextes, also beispielsweise in sozialen, politischen oder ökonomischen Zusammenhängen vor anderen, hier wird etwas gezeigt und von einem Publikum wahrgenommen, kommentiert und interpretiert. Wenn Angela Merkel als Regierungschefin eine Kabinettssitzung leitet, wenn sie als Bundeskanzlerin den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu Gesprächen trifft oder als Gastgeberin des G8-Gipfels in Heiligendamm andere Regierungschefs empfängt, dann spielt sie kein Theater, sondern sie agiert in einer theatralen Situation. Im Gegensatz zu einer Schauspielerin, die auf der Theaterbühne die Königin von England darstellt, spielt Merkel nicht, sie sei Bundeskanzlerin, sie ist es. Zugleich jedoch sind damit Rollenerwartungen und Funktionen an ihr Verhalten geknüpft, welche beeinflussen, wie sie reden und handeln kann und wie ihr Agieren von Anderen (also Parteifreunden wie politischen Konkurrenten, ausländischen Politikern ebenso wie Journalisten und der Bevölkerung) wahrgenommen wird. Die reale politische Situation, die unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse in Deutschland oder die Beziehungen der Bundesrepublik zu anderen Staaten haben kann, ist mithin gekennzeichnet durch Prozesse der Darstellung, der Inszenierung und der Wahrnehmung, welche aus dem (Kunst-)Theater vertraut sind und entsprechend beschrieben werden können.

Wenn eine Bundeskanzlerin vereidigt oder eine Regierungserklärung abgegeben wird, wenn ein Friedensschluss oder ein Kooperationsvertrag zwischen Staaten bekannt gegeben oder ein nationaler politischer Feiertag begangen wird, dann können diese Ereignisse aufgrund ihrer theatralen Verfasstheit besonders gut und angemessen mit Theaterbegrifflichkeiten analysiert werden: Bei den genannten Ereignissen handeln Akteure mit jeweils bestimmten, vorbereiteten Aufgaben. Es gibt explizite wie implizite Normen und Regeln, die festlegen, wie die Veranstaltung abläuft, wer in welcher Funktion teilnehmen kann oder nicht, wer ans Rednerpult darf und wer nicht. Das Geschehen wird zudem für eine eigens zu diesem Anlass zusammengekommene Öffentlichkeit vollzogen. Diese Öffentlichkeit ist insofern unverzichtbar, als sie die Einsetzung einer Person in ein politisches Amt beglaubigt oder, im Falle politischer Feiern und Festtage, konstitutiver Bestandteil der Festgemeinschaft ist. Schließlich sind derartige Veranstaltungen klar gerahmt, es gibt einen festgesetzten Zeitpunkt oder Zeitraum sowie einen Ort, an welchem das Ganze stattfindet. Diese Rahmungen prägen sowohl die Verhaltensmuster als auch die Erwartungen aller Teilnehmer; so agieren die Beteiligten (einschließlich des Publikums auf den Zuschauerrängen) bei einer Vereidigung im Reichstagsgebäude anders als bei einer Festveranstaltung zum 3. Oktober vor dem Brandenburger Tor. Die genannten Beispiele sind politische Akte, in denen eine Gemeinschaft sich der Gültigkeit geteilter Werte, der Tradition wie auch der Stabilität und Legitimität ihrer politischen Ordnung sowie der Funktionalität ihrer Normen und Orientierungsmuster versichert und diese Werte und Normen zugleich aus- und darstellt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Charakterisierung einer Situation als theatrales Ereignis, mithin als Inszenierung und Durchführung einer kulturellen Handlung, die von bestimmten Personen vor einem anwesenden Publikum vollzogen wird, schmälert weder die Bedeutung des Geschehens noch zieht sie dessen Ernsthaftigkeit oder gar Realitätsgehalt in Zweifel. Der Begriff des theatralen Ereignisses zielt vielmehr darauf ab, die spezifischen historischen und kulturellen Bedingungen zu vergegenwärtigen, in denen Menschen sich bewegen. Er führt die Gemachtheit und Konstruiertheit gesellschaftlicher Verhältnisse vor Augen. Wer seinen Blick auf die Theatralität einer Situation richtet, der schreibt dieser Situation keineswegs den Status des bloßen Scheins oder der unverbindlichen Fiktion zu, sondern er versucht Einblick zu erlangen in die Verfahren, die Techniken und Strategien, auch Einsicht in die Ordnungen und Rhythmen, die das menschliche Zusammenleben prägen.

War lange Zeit von politischen Bühnen, von "Staatstheater" und von den jeweiligen Rollen, die Politiker spielen, eher im Sinne veranschaulichender und vereinfachender Metaphern die Rede, so ist aus der Metaphorik in den vergangenen Jahrzehnten Realität geworden: In dem Maße, in dem Politik sich zunehmend als mediale Inszenierung vollzieht, geht es nicht mehr nur um Entscheidungen, Programme oder Haltungen, sondern verstärkt darum, wie diese Entscheidungen und politischen Inhalte dargestellt und medial präsentiert werden.

Neben dieser Konsequenz moderner Mediengesellschaften, von der alle Lebensbereiche gleichermaßen betroffen sind, verstärkt eine weitere aktuelle Entwicklung die Theatralisierung von Politik. Im Zuge der Globalisierung schwindet der Handlungs- und Einflussbereich souveräner Staaten. Weder in ökonomischen noch in sicherheitspolitischen Fragen, weder in Sachen Umweltschutz und Klimawandel noch in drängenden Problemen der Bevölkerungspolitik und Migration kommt modernen Staaten - bis auf Ausnahmefälle - wirkliche Souveränität zu. In dieser Situation liegt es nahe, souveränes politisches Handeln zu inszenieren und prägnante Bilder vermeintlicher politischer Entscheidungskompetenz zirkulieren zu lassen, um zu verschleiern, dass der Einfluss politischen Handelns und staatlichen Eingreifens zunehmend schwindet. "Theatralisierung von Politik führt in diesem Falle also nicht zur Selbstbindung politischer Akteure oder gar zur Zähmung und Fesselung des übermächtigen Leviathan, sondern bildet im Gegenteil eine zur Beruhigung entworfene Autosuggestion, die den Eindruck erwecken soll, daß es staatliche Souveränität noch gibt und daß sie zur Geltung gebracht werden kann, wenn man nur will. Von der Vorfahrt der schweren Limousinen, früher vor dem Bonner Kanzleramt und jetzt vor dem repräsentativen Neubau in Berlin über eine mehr oder weniger staatsrepräsentative Architektur bis zu den markigen Erklärungen vieler Politiker über ihre Absichten und Ziele haben wir es danach mit dem Inszenesetzen einer Staats- und Machtsymbolik zu tun, die jedoch nur noch eine brüchige Fassade ist, weil das einstige Gebäude hinter ihr weggebrochen ist."[1]

Die Notwendigkeit der Inszenierung



Die Feststellung, dass die Theatralisierung von Politik zugenommen und sich verstärkt hat, darf allerdings nicht zu dem simplen Fehlschluss führen, "früher" sei es um Inhalte und Substanz gegangen, heute jedoch regiere Show und Entertainment. Wenngleich Neil Postman[2] und andere eine solch verfallsgeschichtliche These wortreich beschwören, wird sie durch bloße Wiederholung nicht wahrer. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Jegliche politische Ordnung, jedes religiöse, moralische oder auch kulturelle Ordnungssystem ist auf Selbstdarstellung angewiesen. Insofern ist die Notwendigkeit von Selbstdarstellung und Inszenierung ein universelles Phänomen; was sich im Laufe der Zeiten und im Vergleich der Kulturen verändert und unterscheidet, sind die Techniken, Strategien und Medien der Selbstdarstellung wie auch deren Bewertung.

Politische wie soziale Hierarchien, moralische Werte und Ideale ebenso wie kulturelle Vorstellungen und Errungenschaften bedürfen zu ihrer Existenz immer auch der sinnlichen Anschauung. Schon die Zeremonien, Umzüge und Festlichkeiten, aber auch die Herrscherdarstellungen in Bildern, Statuen und Münzen sowie die Architektur von Schlössern und Palästen antiker, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Regenten belegen, dass jegliche Norm zu ihrer Umsetzung, ihrer Wirkung und Gültigkeit der Anschaulichkeit und der konkreten Manifestation bedarf.

Dieser Umstand verstärkt und problematisiert sich gerade in modernen republikanischen und demokratischen Gesellschaften. Denn sowohl deren Leitideen und Werte (Aufklärung, Gleichberechtigung, Bürgertugend, Toleranz etc.) als auch deren Funktionszusammenhänge und Abläufe (etwa in Bezug auf den Arbeitsmarkt, den Waren- und Geldverkehr, die Verwaltung oder die sozialen Sicherungssysteme) sind durch ein Höchstmaß an Abstraktheit charakterisiert. Sie bedürfen mithin in besonderer Weise der symbolischen Darstellung und Veranschaulichung. Gleichzeitig aber entwickelte sich die bürgerliche Gesellschaft historisch in expliziter Abgrenzung von der feudalen Ordnung, welche als theatraler Mechanismus der Verstellung, Täuschung und Blendung pauschal abgelehnt wurde. Gegenüber der Rhetorik und forcierten Künstlichkeit höfischen Verhaltens stilisierte sich das Bürgertum zu einem Hort der Aufrichtigkeit, Schnörkellosigkeit und Authentizität. Ging es in der höfischen Gesellschaft nicht darum, wie jemand war, sondern wie er sich präsentierte, so drehte die bürgerliche Gesellschaft gleichsam den Spieß um: Nunmehr zählten der Charakter, das (gute) Innere und nur am Rande das -vermeintlich - Äußere, die Fassade.

Der wahre Schein



Damit handelt sich die moderne Gesellschaft zwei schwierige Probleme auf einmal ein: Zum einen müssen alle Formen bürgerlicher Selbstdarstellung möglichst nüchtern, untheatralisch und am besten ganz "natürlich" wirken. Zum anderen wird eine nicht haltbare Weltsicht propagiert, trennt sie doch kategorisch zwischen Inhalt und Form, zwischen Realität und Schein.

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain versucht auf dieser Klaviatur zu spielen, wenn er in Wahlkampfspots seinen Konkurrenten Obama abzuwerten sucht, indem er die offensichtliche Tatsache zugesteht, dieser könne zwar gut reden und sich darstellen, dann jedoch die rhetorische Frage stellt: "Aber kann er auch führen?" Das Problem dieser Kampagne liegt darin, dass in der Politik gutes Reden und Sich-Darstellen keine vernachlässigbaren Größen sind. Politik hat immer mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsprozessen zu tun. Hannah Arendt stellt in ihrem Fragment "Was ist Politik?" fest, dass sich Reden und Handeln nicht trennen lassen, weil das Reden selbst eine Form des politischen Handelns ist.[3] Reden ist nicht einfach "Verpackung", nicht bloßes In-Worte-Fassen eines oftmals als vorgängig und "eigentlich" aufgefassten politischen Handelns, sondern es ist selbst politisches Handeln.

Und für politisches Reden und Handeln gilt in besonderem Maße, was für jegliches Reden und Handeln gilt: Wir handeln, sprechen und interagieren nicht einfach so, sondern wir inszenieren unser Handeln, Sprechen und Interagieren, indem wir es für uns und andere mit Deutungs- und Regieanweisungen versehen. Dadurch sichern wir uns eine gewisse Zielstrebigkeit und Verlässlichkeit von Kommunikation und Kooperation. Zugleich öffnen gerade diese Deutungs- und Regieanweisungen Spielräume für alle Beteiligten und vergegenwärtigen das Vorläufige, Brüchige und Fragmentarische der jeweiligen Perspektive.

So zeigte sich beispielsweise in den Erklärungen und Kommentaren nach dem Rücktritt Kurt Becks als Parteichef, dass Handlungen und Entscheidungen allein keineswegs ausreichen, um eine Situation zu klären und die SPD in den Augen der Wähler, aber auch der anderen Parteien zu einem verlässlichen Partner zu machen. Denn dass Franz Müntefering die Rolle Becks übernimmt und Frank-Walter Steinmeier Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2009 ist, beantwortet nicht die entscheidenden Fragen, ob dies nun einem "Rechtsruck" der SPD gleichkommt und ob die von Beck praktizierte inhaltliche Linie fortgesetzt wird. Entsprechend verwundert es kaum, dass Müntefering, Steinmeier und weitere SPD-Mitglieder in den Tagen unmittelbar nach dem Führungswechsel fast ausschließlich damit beschäftigt waren, der Öffentlichkeit mehr oder weniger konsistente Interpretationen dieses Wechsels zu präsentieren. Und selbstverständlich mischten die politischen Konkurrenten Störgeräusche in die bemühten Versuche, das Geschehen in eine schlüssige und stimmige Erzählung zu überführen.

Glaubwürdige Szenen



Es sind gerade solche Deutungsdiskrepanzen, welche Prozesse der Darstellung und Inszenierung immer wieder in Verruf bringen und mit dem Makel der Täuschung versehen. Doch die Sache ist komplizierter: Form und Inhalt, ein Geschehen und seine Darstellung können nicht trennscharf voneinander geschieden werden. Das Was ist nicht einfach vom Wie zu trennen, vielmehr hat die Art und Weise, wie etwas durchgeführt, gemacht und dargestellt wird, Einfluss auf das, was jeweils gemacht wurde.

Schon der idealistische Philosoph Immanuel Kant, seines Zeichens als Fürsprecher eitler Selbstdarstellung gänzlich unverdächtig, notiert in seiner "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht": "Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler: sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend jemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder andere, daß es eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, daß es so in der Welt zugeht. Denn dadurch, daß Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach wohl wirklich erweckt, und gehen in die Gesinnung über."[4] Bemerkenswerterweise sieht Kant die Notwendigkeit von Darstellung und Inszenierung sowohl als zivilisatorisches Erfordernis als auch als zivilisierende Leistung. Darüber hinaus betont er, dass Handlungen und Verhaltensweisen ihre Gültigkeit gerade aus der Form gewinnen, in der sie vollzogen werden.[5]

Damit steht die Glaubwürdigkeit, eine der wesentlichen bürgerlichen Verhaltensmaximen, auf dem Spiel. Denn die moderne Gesellschaft setzt die Rolle, welche man spielt, und das Selbst, das man ist, gerne gleich. Dieses Selbst wird als inneres Wesen, als Charakter verstanden, die sich im Verhalten bloß ausdrücken. Demgegenüber argumentieren Kant, Lessing und auch die aktuelle Performanzforschung, dass Identität kein festes Bündel von Eigenschaften ist, sondern das Ergebnis einer wiederholten Durchführung von Akten der Darstellung und Inszenierung.

Der Soziologe Erving Goffman schreibt dazu mit Blick auf alltägliche Formen der Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen: "Eine richtig inszenierte und gespielte Szene veranlaßt das Publikum, der dargestellten Rolle ein Selbst zuzuschreiben, aber dieses zugeschriebene Selbst ist ein Produkt einer erfolgreichen Szene, und nicht ihre Ursache. Das Selbst als dargestellte Rolle ist also kein organisches Ding (...); es ist eine dramatische Wirkung, die sich aus einer dargestellten Szene entfaltet, und der springende Punkt, die entscheidende Frage ist, ob es glaubwürdig oder unglaubwürdig ist."[6]

Glaubwürdigkeit ist zu einer entscheidenden Größe in der nationalen wie internationalen Politik geworden. Das bekamen nicht zuletzt die Organisatoren der Olympischen Sommerspiele 2008 in China zu spüren. Gerade weil die Spiele als gigantisches Spektakel inszeniert wurden, um die Errungenschaften Chinas zu preisen und den Aufstieg des Landes zu den Weltmächten zu festigen, standen die Selbstdarstellungen des Gastgebers unter besonderer Beobachtung. So war es keineswegs trivial, dass bei der Eröffnungsfeier in Peking ein kleines Mädchen nur Playback sang, dass einige Fernsehbilder der Fußabdrücke eines riesigen Drachens aufgezeichnet und am Computer erzeugt waren und dass sich die 56 Kinder, die angeblich den 56 ethnischen Minderheiten Chinas entstammten, in Wirklichkeit als Han-Chinesen entpuppten. Anstatt, wie intendiert, als glanzvolle und perfekte Eigenwerbung zu überzeugen, wurde die spektakuläre Eröffnungsveranstaltung zum - negativen - Lackmustest politischer Glaubwürdigkeit.

Darstellungsstile



Wagen wir ein Gedankenexperiment: Eine CDU-Kanzlerkandidatin steht mit ihrem behinderten Säugling im Arm auf der Bühne, neben ihr die minderjährige schwangere Tochter, ihr gerade zum Militärdienst eingezogener Sohn sowie ihr treuer Ehemann. Für die öffentliche Präsentation und Lobpreisung der eigenen Familie erhält sie tosenden Applaus der Parteitagsmitglieder. Was jüngst Sarah Palin, konservative Vizepräsidentschaftskandidatin in den USA vorgeführt hat, erscheint für Deutschland abwegig, nachgerade ausgeschlossen. Es gilt hierzulande gerne als Zeichen amerikanischer Oberflächlichkeit, dass sich dort alles nur ums Bild, um den überzeugenden Auftritt und die dazu passende Erzählung drehe, die insbesondere auf die persönliche Lebensgeschichte rekurriert. In Deutschland dagegen versteht man es als Indiz politischer Reife und als Ausdruck der Orientierung an politischen Sachverhalten und Problemlagen, dass das Privatleben von Politikern kaum eine Rolle zu spielen scheint.

Es gibt erhebliche historische wie kulturelle Unterschiede hinsichtlich politischer Darstellungsstile und ihrer Bewertung. Der Öffentlichkeit ist Gerhard Schröders misslungener Versuch in Erinnerung, sich mit einer eklektisch-selbstverliebten Mischung aus edlem Brioni-Anzug, Zigarre und Werbepose ein Auftreten zu geben, das den souveränen Staatsmann alter Prägung modisch aufpeppt und modernisiert. Demgegenüber könnte man Angela Merkels öffentliches Auftreten nicht nur als inhaltliche, sondern auch als formale Abgrenzung von Schröders Habitus deuten: Sie verblüfft und beeindruckt durch - inszenierte - Nichtinszeniertheit. In einer Zeit, in der es neben der wenig vorteilhaften "Eisernen Lady" noch immer keine role models für erfolgreiche Toppolitikerinnen gibt, nimmt sie einer möglichen Konfrontation schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln. Ihr von kleinen Gesten der Unsicherheit oder gar - je nach Deutung - Unbedarftheit durchsetztes Verhalten, ihr gerade nicht perfekt durchgestylter Auftritt lässt sie sympathisch erscheinen und vor allem (insbesondere in den Augen politischer Konkurrenten) wenig gefährlich.

Dass dieser erste Eindruck trügt und dass Merkels verbindliches, bisweilen fast mütterlich wirkendes Auftreten mit klaren Worten und Entscheidungen sowie großer Durchsetzungsfähigkeit zusammengeht, haben inzwischen nicht nur die männlichen CDU-"Landesfürsten" bisweilen schmerzlich erfahren (müssen), sondern auch Akteure der Weltpolitik. Insofern schickt die SPD mit dem als diskret, medienscheu und uneitel geltenden Frank-Walter Steinmeier einen Kandidaten ins Rennen um die Kanzlerschaft, der für eine vergleichbar reduzierte Theatralität und Selbstdarstellung steht wie die Amtsinhaberin.

Die ausgesprochene Nüchternheit und Symbolarmut der gegenwärtigen deutschen Politik ist jedoch nicht nur mit kulturellen Unterschieden zu anderen Ländern zu begründen, sondern hat ihre wesentliche Ursache in der deutschen Geschichte. Es mag ja stimmen, dass in Amerika Aspekte der Selbstdarstellung und der fernsehgerechten Wirkung eine weit größere Rolle spielen als in Deutschland. Und es mag auch zutreffen, dass in den Vereinigten Staaten stärker Personen denn Programme gewählt werden. Doch auch deutsche Wähler konnten inzwischen die Erfahrung machen, dass Parteiprogramme und Wahlversprechungen schnell geändert sind, Persönlichkeiten hingegen bleiben bzw. -siehe Franz Müntefering - wiederkommen.

Eine Reflexion über Politik als Theater und ein Plädoyer für dieses ungeliebte Paar darf allerdings nicht außer Acht lassen, dass die Skepsis gegenüber theatralen Elementen in der Politik in Deutschland deshalb und mit Recht so groß ist, weil Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Exzess theatralisierter Politik erlebte. Die Neigung Wilhelms II. zum täglich mehrfachen Wechsel der militärischen Kostümierung war notorisch. Weit fataler noch war die Theatralisierung und Ästhetisierung von Politik in der Naziherrschaft. Die allgemeine Mobilisierung der Massen wurde insbesondere mit ästhetischen Mitteln erreicht. Das begann mit Abzeichen und militärischer Kluft schon im Kindesalter, setzte sich mit Lagerfeuern, Aufmärschen und Fackelzügen sowie einem Heroenkult und einer pseudoaristokratischen Selbststilisierung der SS fort. Ihren Höhepunkt fand diese Ästhetisierung von Politik in den großen Massenfeiern wie etwa den Reichsparteitagen oder den Olympischen Spielen von 1936.

Doch dass die Ausübung von Macht durch Theatralisierung im Nationalsozialismus ihren bisher deutlichsten Ausdruck gefunden hat, darf nicht dazu führen, diese zu einer Eigenheit des Faschismus oder anderer, totalitärer und diktatorischer Systeme zu erklären. Die Theatralität von Politik ist weder per se gut noch schlecht. Dass Politik immer auch Darstellung und Inszenierung ist, ändert nichts daran, dass es gute und schlechte, perspektiven- und friedenssichernde wie katastrophale Politik gibt.

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Fußnoten

1.
Herfried Münkler, Die Theatralisierung von Politik, in: Josef Früchtl/Jörg Zimmermann (Hrsg.), Ästhetik der Inszenierung, Frankfurt/M. 2001, S. 154.
2.
Vgl. Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt/M. 1989; ders., Die zweite Aufklärung, Berlin 1999.
3.
Vgl. Hannah Arendt, Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß (hrsg. v. Ursula Ludz), München-Zürich 1993, S. 48. Ich danke Ulrich Sarcinelli für diesen Hinweis.
4.
Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, in: ders., Werke in zehn Bänden (hrsg. v. Wilhelm Weischedel), Bd. 10, Darmstadt 1983, S. 442, BA 42/43.
5.
Zu einer vergleichbaren Position kam Gotthold Ephraim Lessing beim Nachdenken über Theater. Er beschreibt ein psychophysisches Gesetz, wonach "eben die Modifikationen der Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen, hinwiederum durch diese körperlichen Veränderungen bewirket werden". Gotthold Ephraim Lessing, Hamburgische Dramaturgie (1767), Stuttgart 1981, S. 24.
6.
Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 1969, S. 231.