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18.9.2008 | Von:
Michael Frese

Arbeitslosigkeit: Was wir aus psychologischer Perspektive wissen und was wir tun können - Essay

Effekte der Arbeitslosigkeit

Warum wirkt sich Arbeitslosigkeit so negativ aus? Die Arbeit hat viele Funktionen für den Menschen. Sie verleiht der Zeit - dem Tag, der Woche, den Monaten und Jahren - eine klare Struktur, lässt Menschen sinnvoll am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und erlaubt es ihnen, produktive Bedürfnisse zu befriedigen. Die Arbeit vermittelt berufliche wie außerberufliche Perspektiven, auch soziale Kontakte; durch Arbeit gelangen die Menschen in den Besitz finanzieller Mittel, um ihr Leben zu gestalten. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes fällt nicht nur all dies weg, sondern es kommen auch noch andere negative Aspekte hinzu: die frustrierende Suche nach einer Arbeitsstelle, die schwierigen Gespräche mit dem Partner oder der Partnerin und vor allem mit den Kindern, denen man den Schulausflug nicht mehr finanzieren oder das gewünschte Geschenk nicht mehr kaufen kann; der Verlust sozialer Kontakte, der auch dann auftreten kann, wenn die ehemaligen Arbeitskollegen alles tun, um die betroffene Person aufzufangen. Arbeitslosigkeit ist also ein einschneidendes negatives Erlebnis, und es ist kein Wunder, dass sie Depressionen und psychosomatische Beschwerden verursacht.

Aber es lässt sich auch Positives berichten. Ein wichtiges, durch Längsschnittuntersuchungen eindeutig belegtes Forschungsergebnis lautet: Die negativen Effekte der Arbeitslosigkeit verschwinden (zumindest weitgehend), sobald eine neue - gesellschaftlich anerkannte - Arbeit gefunden ist. Arbeit, mit der keine wirkliche oder dauerhafte Teilhabe an den positiven Aspekten von Arbeit einhergeht (wie das etwa bei ABM-Stellen der Fall ist), hat tendenziell dieselben negativen Auswirkungen wie Arbeitslosigkeit; zumindest stellen sich diese nach Auslaufen entsprechender Maßnahmen rasch wieder ein.

Worin bestehen die Folgen der Arbeitslosigkeit? Die Forschungslage ist eindeutig: Langanhaltende Arbeitslosigkeit führt zu Depressionen, zu psychosomatischen Beschwerden, zu Störungen des Wohlbefindens; sie hat insgesamt negativen Einfluss auf die Psyche. An Depressionen zu leiden, bedeutet von erhöhter Niedergeschlagenheit befallen zu sein; nicht selten steigen die Depressionen bei vorher unauffälligen Individuen sogar so stark an, dass diese psychiatrisch auffällig werden; oft werden sie sogar so groß, dass die Betroffenen an Selbstmord denken. Niedergeschlagenheit äußert sich in langsameren Bewegungen, langsamerer Gehgeschwindigkeit, verringertem Interesse am Leben usw. Die psychosomatischen Beschwerden schlagen sich häufig in Schmerzen (Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder andere Schmerzsyndrome), aber auch in der erhöhten Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, nieder. Es ist auch erwiesen, dass das Immunsystem des Menschen in Stresssituationen leidet, womit eine erhöhte Anfälligkeit für alle möglichen Infektionen verbunden ist. Arbeitslosigkeit verringert zudem die mit dem Wohlbefinden in Arbeit einhergehende längere Lebenserwartung, und sie führt dazu, dass sich negative Gewohnheiten, wie beispielsweise ein erhöhter Alkoholkonsum oder Tablettengebrauch, verstärken. Und wenn es in der Ehe eines Arbeitslosen ohnehin schon kriselte, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Krise in der Zeit der Arbeitslosigkeit verstärken, die Ehe zu Bruch gehen wird.

Arbeitslosigkeit führt allerdings nicht unweigerlich zu den beschriebenen negativen Effekten. Diese treten dann nicht ein, wenn Menschen davon ausgehen (können), dass sie bald wieder eine Arbeitsstelle finden werden. Auch sind die negativen Effekte in den ersten Monaten der Arbeitslosigkeit oft eher gering. Mitunter kommt es sogar zu paradoxen Effekten. So erleben manche Menschen die ersten Woche der Arbeitslosigkeit geradezu als Urlaub. Erst mit der Zunahme der Dauer der Arbeitslosigkeit kommt es zu den beschriebenen psychisch verheerenden Folgen. Bei Langzeitarbeitslosigkeit verdoppeln sich die negativen Effekte.

Die negativen Effekte der Arbeitslosigkeit verringern sich auch dann, wenn ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Eine paradoxe Folge dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass etwa Arbeitslose, die gesetzeswidrig in der Schattenwirtschaft (Schwarzarbeit) "anheuern", wohl durchschnittlich gesünder sind als diejenigen, die sich gesetzestreu verhalten. Das gilt auch für jene, die unbezahlte Tätigkeiten übernehmen, etwa ehrenamtliche Tätigkeiten wie die Arbeit in Vereinen oder in einer Arbeitsloseninitiative. Je mehr arbeitsähnliche Aufgaben übernommen werden, desto geringer dürften die negativen Effekte des Verlustes des Arbeitsplatzes sein. Auch Menschen, denen es leicht fällt, eine andere gesellschaftlich wichtige Rolle einzunehmen, sei es weil diese in ihrer Umgebung geschätzt wird oder weil die Person eine solche Rolle als positiv empfindet, leiden weniger: Das gilt beispielsweise für Frauen, die gerne wieder als Hausfrau und Mutter agieren. Für Frauen, die diese Rolle nicht einnehmen können, etwa Alleinstehende mit Kindern, oder wollen, trifft dies nicht zu. Natürlich gilt auch, dass heute mehr Frauen eine Arbeitsstelle wünschen und sich nicht als Hausfrau definieren lassen wollen.

Ein andere paradoxe Wirkung der Arbeitslosigkeit besteht darin, dass gerade diejenigen, die besonders motiviert sind, wieder eine Arbeitsstelle zu finden, für die die Arbeit einen zentralen Stellenwert hat, am stärksten unter der Arbeitslosigkeit leiden. Das ist zunächst einmal nicht überraschend, denn was man sehr schätzt, fehlt einem auch mehr, wenn es nicht zur Verfügung steht. Es ist aber insofern ein paradoxes Resultat, als die Gesellschaft von Arbeitslosen verlangt, motiviert nach einer Arbeit zu suchen. Diejenigen, die sich an diese "gesellschaftliche Vorschrift" halten, leiden besonders stark.

Problematisch ist, dass das Interesse an einer Arbeitsstelle mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit abnimmt - die zentrale Bedeutung Arbeit reduziert sich (notgedrungen). Dies ist nur einer der vielen Gründe dafür, der Langzeitarbeitslosigkeit entgegenzuwirken.

Je weniger Geld Arbeitslosen zur Verfügung steht und je belastender sich dieser Mangel auswirkt, desto negativer sind die Wirkungen der Arbeitslosigkeit. Auch hier gibt es wieder einen paradoxen Effekt: Einerseits führen finanzielle Probleme dazu, dass aktiver nach einer Arbeit gesucht wird. Andererseits sind diejenigen, die unter finanziellen Problemen leiden, psychisch oft besonders gefährdet. Die finanzielle Situation ist vielfach auch als vermittelndes Glied zu Depressivität und zu psychosomatischen Beschwerden genannt worden. Der Mangel an Geld führt also einerseits zu erhöhter Aktivität bei der Suche nach einer Arbeitsstelle, andererseits tragen finanzielle Probleme zu den oben beschriebenen negativen Effekten auf das Wohlbefinden bei. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, den Zeitrahmen zu betrachten: Kurzfristig erhöht Geldmangel die Motivation, eine Stelle zu suchen; langfristig tragen finanzielle Probleme allerdings dazu bei, dass sich die negativen Effekte der Arbeitslosigkeit erhöhen. Die psychologischen Forschungsergebnisse legen folglich eine Änderung der Konfiguration des bestehenden Systems der Unterstützung von Arbeitslosen nahe: Unmittelbar nach dem Verlust der Arbeitsstelle erhalten Arbeitslose in der Regel eine relativ hohe Arbeitslosenunterstützung; mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit wird das Einkommen im Rahmen der Hartz-IV-Gesetzgebung finanziell abgesenkt. Aus psychologischer Sicht wäre möglicherweise das Gegenteil vorzuschlagen. (Hier ist es allerdings notwendig, Alternativmodelle auch sorgfältig empirisch zu überprüfen.) Die vergleichsweise hohe finanzielle Unterstützung, die Arbeitslose in Staaten wie Deutschland erhalten, führt nur marginal zu geringeren psychischen Beschwerden, wenn man dies mit Staaten vergleicht (wie den USA), die den Arbeitslosen nur eine geringere finanzielle Unterstützung gewähren.

Ein weiteres Paradoxon der Arbeitslosigkeit besteht in der Frage der Hoffnung. Es hat zwar einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit, wenn Arbeitslose hoffen, schnell wieder eine Arbeit zu finden. Dieser verkehrt sich aber in das genaue Gegenteil, wenn die Arbeitslosigkeit dann doch länger anhält als erwartet. Arbeitslose, die Hoffnungen auf eine Wiedereinstellung haben, werden durch die sich wiederholende Ablehnung ihrer Bewerbungen noch mehr geschädigt als jene, die von vornherein eher geringe Hoffnungen auf eine Wiederanstellung haben. Dies ist insofern wichtig, als die meisten Menschen dazu tendieren, Arbeitslosen "Mut zu machen", indem sie ihnen etwa sagen: "Das wird schon wieder. Du findest doch sicher einen Job mit deinen Qualifikationen." Dies kann sich kontraproduktiv auswirken, wenn dann doch keine Arbeit gefunden wird.