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18.9.2008 | Von:
Michael Frese

Arbeitslosigkeit: Was wir aus psychologischer Perspektive wissen und was wir tun können - Essay

Implikationen für die Politik

Erstens: Eine dringliche Aufgabe der Politik besteht darin, die Langzeitarbeitslosigkeit zu verringern. Dies ist in Deutschland, das im Vergleich zu manchen Nachbarländern einen höheren Sockel an Langzeitarbeitslosen vor sich herschiebt, ein besonderes Problem. Hier ist mit allen gesellschaftlich akzeptablen Mitteln zu versuchen, die Dauer der Arbeitslosigkeit zu verringern, weil gerade durch lange Arbeitslosigkeit negative Effekte entstehen.

Zweitens: Bei den Kosten der Arbeitslosigkeit ist mit zu bedenken, welche Kostenteile durch die negativen gesundheitlichen Effekte der Arbeitslosigkeit entstehen. Hinzuzufügen ist, dass sich durch die Arbeitslosigkeit die Lebenserwartung der Arbeitslosen verringern kann.

Drittens: Alternative Rollen, die Arbeitslose einnehmen können, haben positive Effekte. Deshalb ist es sinnvoll, entsprechende Unterstützung zu gewähren. In diesem Zusammenhang ist es besonders beschämend, dass manchen Menschen die Möglichkeit der Arbeit und sogar die Möglichkeit ehrenamtlicher Tätigkeit versagt bleibt, etwa Asylsuchenden. Diesen Menschen, die bereits aufgrund der teils schrecklichen Erlebnisse in ihrem Heimatland und der oft belastenden Reise nach Europa traumatisiert sind, sollte nicht noch zusätzlich Schaden zugefügt werden, indem ihnen per Gesetz jede Form der Arbeit verwehrt wird. Hinzu kommt, dass das Arbeitsverbot auch zu einer Erhöhung der gesellschaftlichen Kosten für die Asylbewerber führt, die oft sehr stark motiviert sind, eine Arbeit zu finden.

Viertens: Jede alternativ zu einer Arbeit im ersten Arbeitsmarkt übernommene Arbeit, einschließlich der Schwarzarbeit, erfüllt eine psychohygienisch positive Funktion. Andererseits muss natürlich sichergestellt werden, dass Arbeitslose motiviert werden, eine Arbeitsstelle im ersten Arbeitsmarkt zu übernehmen.

Fünftens: Da negative Effekte der Langzeitarbeitslosigkeit bei finanziellen Problemen verstärkt werden, ist zu überlegen, die Arbeitslosen selbst darüber entscheiden zu lassen, ob sie zu Beginn ihrer Arbeitslosigkeit eine geringere Arbeitslosenunterstützung zugunsten einer später - bei länger anhaltender Arbeitslosigkeit - erhöhten Unterstützung wählen möchten.

Sowohl für die Arbeitslosen als auch für die Gesellschaft ist es in der Regel sinnvoll, Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Deshalb sollte der Druck, dies durch Maßnahmen des "Förderns und Forderns" zu realisieren, aufrecht erhalten bleiben. Die Betroffenen benötigen dabei allerdings die entsprechende psychologische Unterstützung.