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19.9.2008 | Von:
Rainer Winter

Perspektiven eines alternativen Internet

Gegenstand der Analyse sind die alternativen Dimensionen des Internet. Es wird u.a. die Internetnutzung in den neuen sozialen Bewegungen und in Fangemeinschaften behandelt. Auch die Schaffung neuer Räume durch den Einsatz taktischer Medien wird diskutiert.

Einleitung

Seit seinen Anfängen ermöglicht das Internet die Herausbildung von spezialisierten Kulturen und Gemeinschaften bzw. die Verdichtung bereits existierender sozialer und kultureller Formationen.[1] Eine besondere Bedeutung kommt in jüngster Zeit den politischen und kulturellen Alternativen zu, die durch soziale und kulturelle Praktiken im Kontext des Internet entstehen. Dieses offeriert durch seine technischen Möglichkeiten radikale Weisen der Produktion, Distribution und Organisation von Medien, die an die experimentelle Politik der Alternativpresse, der freien Radios und anderer Formen aktivistischer Medien anknüpfen. Dabei lässt sich die Bedeutung alternativer Medien und der Perspektiven, die sie artikulieren, nur in dem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext verstehen, auf den sie antworten und in dem sie produziert und rezipiert werden.[2]




Zum einen stehen alternative Medien in Opposition zu den Produkten der dominanten Medien: Sie bringen differente Sichtweisen zum Ausdruck, so zum Beispiel, wenn sie für soziale Veränderungen eintreten. Zum anderen folgen ihre Organisation und Operationsweise in der Regel nicht den kapitalistischen Geschäftsmodellen. So sind etwa die von (jugendlichen) Fans produzierten Fanzines - wie Fanpraktiken generell - nicht auf Profit ausgerichet, lehnen diese Orientierung sogar explizit ab.[3] Dies gilt selbstverständlich auch für die politisch motivierten alternativen Medien, die in der neueren Diskussion bisweilen als citizens' media[4] bezeichnet werden, weil sie auf offenem Zugang, Freiwilligkeit und Non-Profit basieren. Zudem treten sie für Diversität, Pluralität und progressiven sozialen Wandel ein.

So betrachten viele Aktivisten das Internet als ein Werkzeug, um sich eigene offene Räume zu schaffen, welche die Grundlage für eine bessere Zukunft sein sollen. Gerade das social web, das auf Web 2.0 basiert, schafft die Bedingungen für neue digitale Taktiken, die auf eine radikale Demokratisierung des Wissens und auf die Pluralisierung von Stimmen, Perspektiven und Quellen zielen. So wird die Wirklichkeit auf vielfältige Weise neu und anders definiert und gerahmt, als dies die dominanten Medien tun. Damit verbunden sind Hoffnungen auf eine Demokratisierung der globalen Gesellschaft,[5] die sich in der Konzeption einer transnationalen Öffentlichkeit verdichten.

Nach einer kurzen theoretischen Betrachtung des Verhältnisses von Alltagsleben, Kultur und Medien werde ich die alternativen Dimensionen des Internet genauer betrachten. Zunächst wird es um die Internetnutzung durch die neuen sozialen Bewegungen und Gemeinschaften gehen, die sich für eine demokratische Globalisierung einsetzen. Anschließend werde ich die Schaffung neuer Räume durch den Einsatz taktischer Medien und die Möglichkeiten des elektronischen Widerstands diskutieren. Eine Analyse der Bedeutung des Internet für (jugendliche) Fangemeinschaften schließt sich an. Hierbei werde ich vor allem die Rolle von Ezines[6] behandeln. Eine Schlussbetrachtung, welche die Frage nach der Bedeutung einer transnationalen Öffentlichkeit stellt, steht am Ende des Beitrags.

Fußnoten

1.
Vgl. Rainer Winter/Roland Eckert, Mediengeschichte und kulturelle Differenzierung. Zur Herausbildung von Wahlnachbarschaften, Opladen 1990; Roland Eckert/Waldemar Vogelgesang/Thomas A. Wetzstein/Rainer Winter, Auf digitalen Pfaden. Die Kulturen von Hackern, Programmierern, Crackern und Spielern, Opladen 1991.
2.
Vgl. John D.H. Downing mit Tamara Villareal Ford, Genève Gil und Laura Stein, Radical Media. Rebellious Communication and Social Movements, Thousand Oaks et al. 2001; Lawrence Grossberg, Was sind Cultural Studies?, in: Karl H. Hörning/Rainer Winter (Hrsg.), Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt/M. 1999.
3.
Fanzines sind Magazine, die von Fans für Fans gemacht werden. Vgl. Rainer Winter, Der produktive Zuschauer. Medienaneignung als kultureller und ästhetischer Prozess, München-Köln 1995.
4.
Clemencia Rodriguez, Fissures in the Mediascape. An International Study of Citizens' Media, Cresskill/NJ 2001.
5.
Vgl. Megan Boler, Introduction, in: dies. (Hrsg.) Digital Media and Democracy. Tactics in Hard Times, Cambridge/MA 2008.
6.
Ezines oder Webzines sind Internetportale im Magazinstil.