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19.8.2008 | Von:
Mely Kiyak

Europa: Die Villa mit fünf Sternen - Essay

Die Villa Europa hat herrschaftliche Aufgänge, aber auch Dienstboteneingänge. Manche Zimmer sind pompös, andere dunkel, muffig und nass. Für viele Flüchtlinge ist Europa eine konfuse Sehnsucht.

Einleitung

Das erste Mal begegnete mir Europa als Synonym, als ich mit meinem Onkel auf einer Wolldecke in einem anatolischen Tal lag. Mit einem Grashalm im Mundwinkel murmelte er:

  • Europa ist eine Villa mit fünf Sternen. Und was bringt Dein Vater Jahr für Jahr mit? Parfümierte Seife! Ich brauche modernes Werkzeug, von mir aus kann er die Geräte vorher auch eincremen.

  • Aber Onkel, Papa wohnt nicht in Europa, sondern in Deutschland. Vielleicht ist das der Grund.

  • Deutschland, Europa, wo ist da der Unterschied?






    Mein Onkel verstand Europa immer geografisch. Demzufolge wären die 3 Prozent der Türkei, die sich auf der europäischen Kontinentalplatte befanden, ebenfalls Europa. Der europäische Teil von Istanbul wäre genauso Europa wie Schweden. Im europäischen Istanbul lebten und leben Menschen aus besseren sozioökonomischen Schichten, in Schweden sowieso. Und was diesen Kontinent charakterisierte, diese Villa mit fünf Sternen war für meinen Onkel das entscheidende Merkmal wohl Wohlstand. Europa ist von Anatolien aus betrachtet ein Synonym für finanzielle Sorglosigkeit.

    Der in der Türkei lebende Teil der Verwandtschaft hat nie wirklich glauben können, dass mein Vater in Deutschland nie um die Mittagszeit auf einer Wolldecke lag und über die Welt nachdachte. Er arbeitete in der Fabrik und sparte Geld. Der Großteil eines Jahreseinkommens wurde für den jährlichen Aufenthalt in der Türkei verbraucht; in den siebziger und achtziger Jahren für die langen Autofahrten quer durch Europa und für Mitbringsel in Form von Cremes, Kaffee und Seife; ab den neunziger Jahren für Flüge und Geschenke, für die man Strom brauchte: Bohr- und Kaffeemaschinen, Weckradios und Epiliergeräte. Mit besonderem "Wohlwollen" wurden Geräte der Marken Grundig, Krupp, Braun und Bosch quittiert. Als es in der Türkei schließlich in jedem Haushalt ein Fernsehgerät mit Sattelitenschüssel und damit Empfang in die ganze Welt gab, kam mein Vater in Bedrängnis. In einer deutschen Spielshow bestand das Highlight darin, dass die Kandidaten am Ende ihre Gewinne aus einem Regal voller Waren auswählen konnten: von Schmuck, Besteckkästen und feinstem Porzellan bis hin zu Videokameras, Rasenmähern und Waschmaschinen. Die Verwandtschaft sah auf verwackelten Fernsehbildern, was das Warenlager Europa im Angebot hatte. Endgültige Ruhe kehrte erst ein, als mein Vater gesundheitlich angeschlagen in Frührente ging - seitdem lebt er wieder für einen großen Teil des Jahres in bescheidenen Verhältnissen in seiner Heimat. Europa ist für ihn nun ein Reiseziel, das er andersherum bereist: als Besucher, wieder mit Seife im Gepäck, dieses Mal unparfümierte und naturreine, weil sich die Art zu pflegen in Europa geändert hat.

    Man kann die Villa Europa "buchen", entweder als einfaches Einzelzimmer, oder als großzügige Superior Suite. Die Währung heißt Duldung, Aufenthaltsgenehmigung oder Pass. Das Luxusdomizil hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren zwar nicht geografisch, wohl aber politisch vergrößert. Die Ausstattung ist seitdem immer prächtiger geworden. Mit Wohlstand hat es begonnen. Hinzugekommen sind Frieden, Freiheit und Stabilität. Diese Termini sind auf den Werbeseiten der Europäischen Union nachzulesen. Die EU ist eine der angesehensten Societies der Welt, der Lions-Club unter den feinen organisierten Gesellschaften. Doch Europa ist noch viel mehr. Es ist eine konfuse Sehnsucht, die kopflos, abenteuerlustig und mutig macht. Oder ein Weg, den man verzweifelt zugehen bereit ist; auch unter dem Risiko, zu sterben. Wie sonst ist zu erklären, dass Tausende Menschen jährlich in kleinen überfüllten Booten, in Lastwagen versteckt, oder im Lagerraum von Flugzeugen ihr Leben aufs Spiel setzen und ihre Heimat verlassen? Was ist Europa für diese Menschen?