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19.8.2008 | Von:
Peter Jurczek
Michael Vollmer

Ausbildung und Migration in Ostmitteleuropa

Osteuropäische Potentiale

Der Blick auf Osteuropa verrät einiges über die dort vorhandenen Potentiale, die Deutschland produktiv nutzen könnte. Zwar existieren für Hochqualifizierte, für Forscher, Selbstständige und Studierende aus den neuen EU-Staaten längst Sonderregelungen, aber noch immer hält Deutschland über weite Strecken an der Regulierung seines Arbeitsmarktes für EU-Neubürger fest.[9] In jüngster Vergangenheit ist viel über die Begrenzung der Zuwanderung und die Zurückweisung von Neuankömmlingen, mittlerweile aber auch über die Integration von Ausländern in die Mehrheitsgesellschaft diskutiert worden. Mirjana Morokvasic hatte in diesem Zusammenhang bereits 1994 darauf hingewiesen, dass sich die Politik aus verschiedensten Gründen der Steuerung und Kanalisierung der Mobilitäten zuwenden müsse. "Andernfalls läuft sie Gefahr, eine Erscheinung außer acht zu lassen, die zunehmend an Umfang gewinnt und die dynamischsten Schichten und womöglich die bestqualifizierten aller Migranten umfaßt",[10] schrieb sie damals, und vermutlich hatte sie damit recht.

Im Vorfeld der EU-Erweiterungsrunde vom Mai 2004 und danach ist häufig nur von den Risiken für den deutschen Arbeitsmarkt gesprochen worden, die eine Öffnung für osteuropäisches Personal zur Folge hätte. Von einem Anstieg der Kriminalität war die Rede, von dem zum Sturm auf die deutschen Sozialsysteme bereitstehenden Millionenheer, von hunderttausenden potentieller Billiglohnarbeiter, die den einheimischen Beschäftigten die Arbeitsplätze streitig machen könnten und von zahlreichen Unternehmern, die ihre Produktionskapazitäten nach Osteuropa verlagern würden. So wie etwa in der Landwirtschaft die Spargelfelder, würden bald auch andere Wirtschaftsbereiche von der materiell genügsameren Konkurrenz aus dem Osten dominiert werden, hieß es. Derartigen Ängsten wurde damals mit einer weitgehenden Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Angehörige aus den neuen EU-Staaten begegnet. Der auf maßgebliches Betreiben von Deutschland und Österreich zustande gekommenen Vereinbarung schlossen sich die meisten der damals noch 15 Mitgliedsländer an. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland, der schwachen Inlandskonjunktur und der durch die angekündigten Arbeitsmarktreformen verunsicherten Bevölkerung ist diese Regelung nicht nur nachvollziehbar, sondern sie schien auch dem Wunsch der Mehrheit im Lande zu entsprechen.

Heute stellt sich die Situation anders dar; die in den dunkelsten Farben gezeichneten Szenarien sind nicht eingetreten. Weder hat es einen wirtschaftlichen Exodus noch einen unkontrollierbaren Ansturm osteuropäischer Menschenmassen auf Deutschland gegeben. Dabei ist anzunehmen, dass diejenigen, die unbedingt hätten einreisen wollen, dies trotz bestehender Restriktionen versucht hätten, zumal sich ja jetzt auch die Grenzen durchlässiger gestalteten. Den meisten Menschen in Ostmittel- und Osteuropa darf wohl unterstellt werden, dass sie nicht bereit sind, die sozialen Strukturen, in denen sie leben, dauerhaft hinter sich zu lassen. Die - wenn man es so nennen mag - "seelische Verwurzelung" der Menschen mit dem Raum und der eigenen Kultur darf auch hier nicht unterschätzt werden. Dieser Punkt vermag sogar die Rückkehr deutscher Auswanderer nach Deutschland ein Stück weit zu erklären. Was in der Vergangenheit jedoch beobachtet werden konnte, war eine ausgeprägte Pendelmigration, bei der es sich um zeitlich begrenzte, nicht selten aber um wiederholte Wanderbewegungen von Menschen aus dem Osten handelte.[11] Wenngleich es hier durchaus endgültige Migrationen von Ost nach West gegeben hat, so spricht doch einiges dafür, dass sehr viele der im Westen Europas arbeitenden Osteuropäer, von deren Arbeit derzeit besonders die irische und die britische Wirtschaft profitieren, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren werden.

Inzwischen zeigt sich auch die deutsche Wirtschaft in vielen Bereichen ausgesprochen dynamisch. Die Arbeitslosigkeit sinkt, und einige Wirtschaftszweige melden einen Fachkräftemangel. Stimmen derer, die eine Lockerung der Regelung zur Arbeitnehmerfreizügigkeit fordern, werden lauter und erzeugen doch zugleich einen Kanon skeptischer Widersprüche aus verschiedenen Partei-, Gewerkschafts- und Funktionärskreisen. Gebetsmühlenartig werden immer wieder Warnungen vor der Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten wiederholt - die Chancen, welche die Mobilität dieser Menschen für deutsche Unternehmen mit sich bringen könnten, werden dabei allzu häufig außer acht gelassen. Womöglich spielt aber gerade hier mangelnde Erfahrung mit dem materiell schwer quantifizierbaren Gewinn einer "Zirkulation des Humankapitals" - des eigenen wie des fremden - eine Rolle im Meinungsfindungsprozess. Dass Deutschland in der Vergangenheit von Pendelbeziehungen mit den ostmitteleuropäischen Staaten profitiert hat, steht außer Frage. Man denke nur an die vielen Saisonerntehelfer, die Arbeiten verrichteten, für die sich kaum ein Deutscher bereit gefunden hätte. Dabei handelt es sich auch hier nicht um ein Phänomen der Neuzeit. Als in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 Millionen Deutsche auf der Suche nach einem besseren (und leichteren) Leben von Ost nach West unterwegs waren, rissen sie Lücken in die Arbeitskräfteversorgung, die schon damals "(...) spürbar genug [waren], um die Gutsbesitzer zur Anwerbung von Saisonarbeitern zu zwingen". Und diese kamen "aus Polen, Masuren, Litauen, Böhmen und wurden nur für die Zeit der Ernten verpflichtet; unter Bedingungen, die, was ihre Löhne und ihre Unterkunft betraf, jeder Beschreibung spotteten, ihnen aber immer noch ein besseres Auskommen gewährten als in ihrer Heimat".[12] Wenngleich sich das Bild Deutschlands und Europas seitdem gründlich gewandelt hat, so mag uns dies seltsam vertraut anmuten. Neben armen Bauern kamen damals aber auch osteuropäische Eliten ins Land - so gehörte zum Beispiel Karlsruhe zu den Lieblingsaufenthaltsorten westlich orientierter Russen.

Von dieser Elitenzirkulation sollte das heutige Deutschland noch stärker profitieren. Auf ihrer Klausurtagung in Meseberg im August 2007 hat die Bundesregierung aufgrund der günstigen ökonomischen Entwicklung den Beschluss gefasst, osteuropäischen Ingenieuren den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Seit November vergangenen Jahres entfällt für sie die individuelle Vorrangprüfung, die deutschen Bewerbern bis dahin einen Einstellungsvorteil verschaffte. Ausländischen, in Deutschland ausgebildeten Studenten sollte zudem die Chance eingeräumt werden, mindestens ein Jahr lang nach einer Arbeitsstelle in hiesigen Unternehmen zu suchen, in denen sie dann für drei Jahre arbeiten dürfen.[13] Dass trotz der vorläufig bis 2009 weiter bestehenden Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit Konzessionen an bestimmte Berufsgruppen gemacht wurden, wirft natürlich die Frage auf, wie der "Humankapitalmarkt" im Osten Europas eigentlich aussieht.

Fußnoten

9.
Vgl. Nico Fickinger, Die "Blue Card" würde in Deutschland wenig ändern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 12. 9. 2007.
10.
Mirjana Morokvasic, Pendeln statt auswandern. Das Beispiel der Polen, in: Mirjana Morokvasic/Hedwig Rudolph (Hrsg.), Wanderungsraum Europa. Menschen und Grenzen in Bewegung, Berlin 1994, S. 166 - 187, S. 185.
11.
Vgl. Catherine Wihtol de Wenden, Europa als Schnittpunkt von Migrationsströmen aus dem Osten und dem Süden, in: M. Morokvasic/H. Rudolph (Anm. 10), S. 62 - 73.
12.
Siegfried Fischer-Fabian, Herrliche Zeiten. Die Deutschen und ihr Kaiserreich, Wien 2006, S. 305.
13.
Vgl. Osteuropäische Ingenieure dürfen früher ins Land, in: FAZ vom 24. 8. 2007, S. 9.