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19.8.2008 | Von:
Peter Jurczek
Michael Vollmer

Ausbildung und Migration in Ostmitteleuropa

Ost- und ostmitteleuropäische Bildungspotentiale

Es gibt Indikatoren, die einen Vorgeschmack auf das Qualifizierungsniveau der Menschen aus Ost- und Ostmitteleuropa geben. Deutsche Auswanderer zog es, wie oben erwähnt, besonders häufig in die deutsch- und englischsprachigen Länder. Insofern ist davon auszugehen, dass entsprechende Sprachkenntnisse bzw. die sprachlich vertraute Umgebung bei der Wahl des Wanderungsziels eine gewisse Rolle spielen. Hieraus mag sich auch erklären, warum es - von Polen abgesehen - keine größeren Migrationsströme von Deutschen nach Osteuropa gegeben hat, denn die Zahl derer, die Polnisch, Tschechisch oder vielleicht sogar eine der baltischen Sprachen sprechen, ist hierzulande eher gering. Dass aber die Menschen im Osten zu einem hohen Anteil die Sprachen des Westens erlernen und häufig fließend sprechen, macht diese Länder als potentielles Rekrutierungsfeld interessant. Bereits die Sprachkenntnisse vieler Jugendlicher sind bemerkenswert, wobei zu beachten ist, dass auch die großen russischen Minderheiten im Baltikum zur Multilingualität der dortigen Bevölkerungen beitragen.

Fast alle Schüler in den ost- und ostmitteleuropäischen Ländern erlernen die englische Sprache (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version). In Estland, Lettland und Rumänien werden wie in Deutschland Werte von mehr als 90 Prozent erreicht, während Französisch in fast allen neuen EU-Staaten ein Schattendasein fristet. Das trifft jedoch nicht für die deutsche Sprache zu, sieht man einmal von Rumänien ab, dessen ehemals große deutsche Gemeinde in Auflösung begriffen ist. Beinahe jeder zweite ungarische, polnische oder slowakische Pennäler lernte im Jahre 2004 Deutsch in der Schule. Die Anzahl der Schüler, die in ihrer Schulkarriere mit Deutsch in Berührung kommen, liegt prozentual sogar noch über diesen Werten, wenngleich Deutsch gegenüber Englisch in den vergangenen Jahren auch an Bedeutung verloren hat. Fremdsprachenkompetenz allein sagt freilich noch nichts über den tatsächlichen Zustand der Bildungssysteme in diesen Ländern aus. Auch ist sie nur ein Baustein in der Bildung der Menschen. Allerdings vermögen Sprachqualifikationen - zunächst einmal theoretisch - den Handlungs- und Aktionsraum all jener zu erweitern, die über sie verfügen. Dass es deutsche Auswanderer neben dem deutschsprachigen besonders häufig ins englischsprachige Ausland zieht, mag unter anderem daran liegen, dass hierzulande nahezu alle Schüler frühzeitig mit Englisch in Berührung kommen.

Insofern muss Deutschland ein Interesse daran haben, dass Deutsch seine Stellung im Osten behauptet und wieder ausbaut, denn im Kampf um die besten Köpfe konkurriert das Land mit der Englisch sprechenden Welt. Dass das osteuropäische Qualifikationspotential dabei auch über die Sprachqualifikationen hinaus für die Wirtschaft interessant ist, zeigen die Ausbildungs- und Studentenzahlen.