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19.8.2008 | Von:
Peter Jurczek
Michael Vollmer

Ausbildung und Migration in Ostmitteleuropa

Bedeutung des tertiären Bildungssektors

Da der Bildungsgrad des Einzelnen und der Bildungstand der Gesellschaft Einfluss auf die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft haben, ist der Faktor Bildung auch für ausländische Investoren relevant. Ein Mangel an qualifiziertem Personal kann sich da sehr schnell negativ auf die Standortwahl auswirken.[14] Insofern muss Deutschland ein Interesse an gut ausgebildetem Personal haben, und in Zeiten des Mangels ist der Blick auf den Osten Europas nur legitim. Die Vermutung, dass sich eine stärkere transnationale Personalzirkularität positiv auf den Wirtschaftsstandort auswirken kann, liegt nahe.

Dies gilt insbesondere für die "angehenden" Hochqualifizierten: die Studierenden. Staaten wie Estland oder Tschechien weisen hier beispielsweise einen hohen Anteil an Studentinnen und Studenten der Naturwissenschaften, der Mathematik und der Informatik auf. Hierzulande erreichte dieser Wert mit 14,6 Prozent aller Studierenden kaum mehr. Ähnlich hoch war er in den für das verarbeitende Gewerbe interessanten Bereichen Ingenieurwesen, Fertigung und Bauwesen, wohingegen Länder wie Bulgarien oder Litauen auf prozentual weitaus höhere Anteile verweisen können. Diese Zahlen lassen zwar noch keine Wertung über die Motivation der Studierenden und die Qualität ihrer Ausbildung zu. Sie vermitteln jedoch den Eindruck, dass im Bewusstsein der Menschen der Lösung technischer und ingenieurwissenschaftlicher Probleme ein hoher, möglicherweise höherer Stellenwert zukommt als bei uns. Auffallend hoch ist auch der Anteil der Studierenden in den Erziehungswissenschaften, was sich unter anderem damit erklären lässt, dass in vielen Ländern ein entsprechendes Studium Voraussetzung für die Aufnahme des Erzieherberufes ist.

Der Anteil der 25- bis 29-Jährigen mit einem Hochschulabschluss war im Jahre 2004 höher als der unter den 30- bis 34-Jährigen. Das heißt, dass sich in jüngster Vergangenheit prozentual mehr junge Menschen eines Altersjahrgangs für die Aufnahme eines Studiums entschieden und dieses auch erfolgreich beendet haben, als noch vor einigen Jahren. Dies gilt insbesondere für Länder wie Litauen, Polen oder Rumänien. Im Vergleich zum Jahre 1998 ist der Anteil der Absolventen einer tertiären Bildungseinrichtung in vielen der neuen EU-Staaten um mehr als die Hälfte gestiegen. Ein Grund dafür mag die steigende Zahl mehrfacher Studienabschlüsse sein, aber auch die Zahl der Promotionen hat in den vergangenen Jahren zugenommen.[15] Offenbar sehen auch junge Osteuropäer durch ein abgeschlossenes Studium bessere Chancen auf den - trotz des rasanten Wirtschaftswachstums teilweise noch immer angespannten - Arbeitsmärkten ihrer Länder. Während ihrer Ausbildung bleiben sie jedoch häufig unter sich, denn der Anteil ausländischer Kommilitonen ist in den neuen Mitgliedsländern ausgesprochen gering. Ost- und ostmitteleuropäische Hochschulen scheinen für ausländische Studierende wenig attraktiv zu sein.[16] Offensichtlich hat nicht nur die Politik gewisse Berührungsängste mit einem der übrigen EU gleichgestellten Osten. Beim Thema Gleichberechtigung sollte auch den Absolventinnen Aufmerksamkeit zuteil werden, denn in allen ost- und ostmitteleuropäischen EU-Staaten beendeten mehr Frauen als Männer ihr Studium erfolgreich (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). In Deutschland betrug ihr Anteil 53 Prozent im Jahr 2003; in allen anderen Ländern des Untersuchungsraumes lag die Quote zum Teil weit darüber, und das auch in den so häufig als männerlastig definierten Studiengängen wie den Ingenieurwissenschaften.

Die hohe Zahl tertiärer Bildungsabschlüsse in Polen kann nicht erstaunen, da es derzeit noch eine günstigere demographische Struktur aufweist als Deutschland.[17] In den vergangenen Jahren konnten hier nicht alle jungen Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden - die Quote der Jugendarbeitslosigkeit blieb überproportional hoch, sodass nicht wenige ihr Glück im Ausland suchten. Viele gingen nach Großbritannien, das seinen Arbeitsmarkt nach der EU-Osterweiterung nicht abschottete. Zwischen 500 000 und einer Million Polen sollen bis heute den Weg über den Kanal gefunden haben; vermutlich weitere 200 000 halten sich derzeit in Irland auf. Genaue Zahlen gibt es nicht, da die Erfassungsmethoden aufgrund der Meldeformalitäten an Grenzen stoßen. Es lassen sich dabei aber durchaus Parallelen zum deutschen Auswanderungsstrom erkennen, denn die meisten wollen nicht dauerhaft im Gastland bleiben, sondern nach ein paar Jahren in ihre Heimat zurückkehren. Dabei ist die Mehrheit der nach Großbritannien gewanderten Polen sowohl sehr jung als auch sehr gut ausgebildet.[18] Dass viele von ihnen nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten können - dafür befinden sich einfach zu viele in Großbritannien - heißt, dass die hier am Beispiel der Polen beschriebene Dynamik womöglich sehr viel produktiver gestaltet werden könnte, wenn das Stellenangebot auf Ebene der gesamten EU nur entsprechend groß wäre. Ein riesiges Potential bleibt so für Deutschland ungenutzt, denn die Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit hat dazu beigetragen, dass die mobilsten Arbeitskräfte aus Ostmitteleuropa heute in andere Länder gehen.[19] Und unter den Mobilsten befinden sich - wie bereits an den deutschen Auswanderern ersichtlich - besonders viele junge und hochqualifizierte Menschen, die sich zu behaupten wissen und ihren Gastländern in den allermeisten Fällen nicht auf der Tasche liegen werden.

Fußnoten

14.
Vgl. Christina Anger/Axel Plünnecke/Susanne Seyda, Bildungsarmut - Auswirkungen, Ursachen, Maßnahmen, in: APuZ, (2007) 28, S. 39 - 45.
15.
Vgl. Birgitta Andren, Bildung und Weiterbildung, Luxemburg 2005, S. 6 - 7.
16.
Vgl. Peter Jurczek, Hochschulkooperationen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet - Vorläufer zur Entwicklung eines europäischen Wirtschaftsraumes auf regionaler Ebene, in: Europäisches Zentrum für Föderalismus-Forschung Tübingen (Hrsg.), Jahrbuch des Föderalismus 2007, Baden-Baden 2008, S. 549 - 564.
17.
Quelle: Statistisches Bundesamt.
18.
Vgl. Olaf Sundermeyer, Heimkehr der Generation Europa, in: www.spiegel.de (20. 10. 2007).
19.
Vgl. Thilo Großer, Aus Ost wird West, in: Capital (2007) 15, S. 46 - 49.