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19.8.2008 | Von:
Peter Jurczek
Michael Vollmer

Ausbildung und Migration in Ostmitteleuropa

Zusammenfassung

Die Zahl der aus Deutschland auswandernden Deutschen hat in den vergangenen Jahren zwar zugenommen. In den meisten Fällen handelte es sich aber nicht um eine dauerhafte, sondern um eine temporäre Auswanderung, denn die Mehrheit kehrt in aller Regel nach einer gewissen Zeit zurück. Insofern erscheint es angemessener, von Zirkularität denn von Wanderungsverlusten zu sprechen. Überdurchschnittlich häufig wird der Migrationsstrom dabei von jungen, gut ausgebildeten und sprachbegabten Menschen dominiert, die durch ihren Auslandsaufenthalt ihren Erfahrungshorizont erweitern und positiv zur ökonomischen Entwicklung ihres Gastlandes beitragen. Es stellt sich also die Frage, ob nicht auch Deutschland als Zielgebiet noch sehr viel stärker von dieser Entwicklung profitieren könnte. Dass "eine Politik des Protektionismus und der Abkopplung (...) die Gefahr in sich [birgt], dass die heimische Wirtschaft nicht nur vom Kapital- und Wissensstrom abgeschnitten wird, sondern auch mobile Produktionsfaktoren (Kapital, qualifizierte Arbeitskräfte) durch Abwanderung verliert",[20] ist in nahezu allen politischen Kreisen zwar Konsens. Gleichzeitig sind sich die meisten Entscheidungsträger aber darin einig, dass der deutsche Arbeitsmarkt auch weiterhin des Schutzes bedarf. Dem mögen die Erfahrungen mit der Einwanderung aus dem Süden in die alte Bundesrepublik zugrunde liegen. Dabei wird jedoch übersehen, dass sich diese Zuwanderung erheblich von der zu erwartenden aus Ostmitteleuropa unterscheidet, denn nie zuvor gab es dort so viele so gut ausgebildete Menschen wie derzeit.

In jüngster Vergangenheit fanden sie in Deutschland noch häufig ein Auskommen im Kraftfahrzeugbereich, im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft - dabei könnten viele sehr viel mehr als das. Zumeist handelte es sich um eine kurzfristige Arbeitsaufnahme, mit der nicht unbedingt der Wunsch nach einer dauerhaften Existenz in Deutschland einherging.[21] So verhält es sich auch mit den in Großbritannien und Irland tätigen Gastarbeitern, insbesondere den Polen. Ein Großteil von ihnen will nach ein paar Jahren Arbeit im Gastland in die Heimat zurückkehren; viele pendeln zwischen Polen und ihrem Arbeitsort und denken nicht daran - wohl auch aus Raum- und Kulturverbundenheit -, ihre Familien nachzuholen. Dauerhafte Zuwanderung wird es zwar auch hier geben, aber die in den politischen Debatten so häufig geschürten Ängste vor einer Einwanderungsflut aus Osteuropa waren wohl überzogen und erweisen sich heute als eher unbegründet. Dass derzeit ein polnischer Strom an Arbeitskräften insbesondere nach Großbritannien tendiert, mag der Tatsache geschuldet sein, dass die meisten der alten EU-Staaten an der Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit festhalten und die räumlich-transnationale Bevölkerungsbewegung so auf wenige Ziele beschränkt bleibt. Bei diesen Migranten handelt es sich um die mobilsten, die nicht selten die am besten qualifizierten sind und die Goethe'schen Bildungsideale vom lebenslangen Lernen, vom Perspektiv- und Berufswechsel in sich tragen. Angesichts dessen sollte gründlich und vor allem unaufgeregt geprüft werden, ob Deutschland durch seine Abschottungspolitik nicht die besten Arbeitskräfte verloren gehen. Wir haben jedoch gesehen, dass der Osten Europas ein Potential bereit hält, für das Deutschland ein besonderes Interesse entwickeln sollte, damit flexible, gut ausgebildete, intelligente und lernbereite (junge) Menschen künftig nach Deutschland kommen. Einige Berufs- und Qualifikationsgruppen sind uns, wie der Meseberg-Beschluss gezeigt hat, bereits jetzt sehr willkommen. Anderen, nicht minder qualifizierten Kräften werden bislang noch derartige Erleichterungen verwehrt. Dabei gälte es, den Blick auf das Qualifikationspotential des europäischen Ostens zu richten, denn das scheint hierzulande nach wie vor eine große Unbekannte zu sein - unbekannt wie so viele Aspekte der europäischen Migrationsdynamik. Dies gilt ganz besonders für die in der Forschung noch immer so stiefmütterlich behandelte Bildungsmigration, die zugleich stetigen Veränderungen unterliegt.

Wir haben uns in unserer Darstellung vorwiegend auf den Bereich der universitären Bildung beschränken müssen; die Zahlen für die ausgebildeten Facharbeiter sind hier noch gänzlich unberücksichtigt, aber es sollte deutlich geworden sein, vor wem uns die derzeitige Arbeitsmarktregelung zu "schützen" versucht. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die derzeitigen Restriktionen nicht nur die besten Arbeitskräfte von Deutschland fernhalten, sondern dass auch diejenigen, die mittels Sonderregelungen bereits heute kommen dürfen, unnötig von einem Arbeitsaufenthalt im Land abgeschreckt werden. Insofern gilt es, das statische Denken - das heißt die Annahme, dass per se jeder, der nach Deutschland kommt, dauerhaft bleiben will - zu revidieren und zu akzeptieren, dass es Arbeitswanderungen immer gegeben hat und dass es sie immer geben wird. Aus dieser Perspektive scheint die geltende Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit überholt zu sein. Es ist anzunehmen, dass ihre Nichtverlängerung über das Jahr 2009 hinaus einer ähnlichen Zirkularität Vorschub leisten könnte, wie sie bereits zwischen Deutschland und den zumeist westlichen Zielländern deutscher Auswanderer besteht - damit eben nicht mehr nur die Besten gehen, sondern auch kommen.

Fußnoten

20.
Ludwig Schätzl, Steuerbarkeit globaler wirtschaftlicher Prozesse durch räumliche Planung?, in: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.), Kooperation im Prozess des räumlichen Strukturwandels. Wissenschaftliche Plenarsitzung 1999, Hannover 2000, S. 31 - 39.
21.
Vgl. M. Morokvasic (Anm. 10), S. 166 - 187.