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30.7.2008 | Von:
Klaus Dörre

Armut, Abstieg, Unsicherheit: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts - Essay

Die "groben" sozialen Unterschiede zwischen Klassen und Schichten gewinnen wieder an Bedeutung. Verunsicherung ist zur dominanten gesellschaftlichen Grundstimmung geworden.

Einleitung

Man mag es drehen und wenden wie man will, die soziale Frage steht wieder auf der politischen Tagesordnung. Schien es noch in den 1990er Jahren so, als würden Verteilungskämpfe von den "Problemen der dicken Bäuche"[1] überlagert oder gar verdrängt werden, so sind an der Jahrtausendschwelle Knappheit und Mangel als Konfliktherde wieder aufgegflammt. Für diese Entwicklung gibt es strukturelle wie subjektive Gründe. So kann kein Zweifel daran bestehen, dass die "groben" sozialen Unterschiede zwischen Klassen und Schichten wieder an Bedeutung gewinnen.




Und obwohl die Ungleichheiten in Deutschland noch immer weit geringer ausgeprägt sind als in den angelsächsischen Kapitalismen, ist Verunsicherung zur "dominante(n) gesellschaftliche(n) Grundstimmung" geworden.[2] Konjunkturelle Belebung und Rückgang der Arbeitslosenzahlen haben daran bislang wenig geändert. Umso bemerkenswerter ist, wie Teile der Eliten, aber auch der Bevölkerung auf diese Entwicklung reagieren. Seit nunmehr 30 Jahren mit Massenarbeitslosigkeit und ihren Folgen konfrontiert, neigen sie noch immer zur Verharmlosung sozialer Verwerfungen.[3]

Fußnoten

1.
Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M. 1986, S. 4.
2.
Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2007.
3.
"Jeder Achte arm - und die Regierung zufrieden", lautet eine bezeichnende Überschrift, die Reaktionen auf den jüngsten Armutsbericht kommentiert (FR vom 26. Juni 2008, S. 4).