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30.7.2008 | Von:
Klaus Dörre

Armut, Abstieg, Unsicherheit: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts - Essay

"Marginale Armut" als Folie

Von außen betrachtet erscheint der deutsche Fall daher als "paradox".[4] Denn eigentlich sind Reaktionen charakteristisch für Gesellschaften, die Armut und Prekarität erfolgreich marginalisieren. Solche Gesellschaften hatten sich im Westen in den Jahren der außergewöhnlichen Nachkriegsprosperität herausgebildet. Es entstand, was Karl Marx noch für undenkbar gehalten hatte: ein Kapitalismus "ohne industrielle Reservearmee".[5] So gelang es nicht nur, den prekären Charakter von Lohnarbeit mittels sozialer Rechte und garantierter Partizipationsansprüche zu entschärfen, sondern auch die Armut zu zähmen. Sie verschwand zwar nicht, erschien aber mehr und mehr als Problem gesellschaftlicher "Randschichten". Der Anteil der Familien, die mit einem Einkommen unterhalb der relativen Armutsgrenze (weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens) auskommen mussten, lag 1962 in der Bundesrepublik noch bei elf Prozent; 1973 war er bereits um ein Drittel reduziert.[6]

"Marginale Armut"[7] entfaltete sich im Wesentlichen außerhalb der tariflich und gesetzlich geschützten Lohnarbeit. Es handelte sich um eine Armut von Minderheiten mit großer Nähe zu den "sozial Verachteten",[8] den circa fünf Prozent am untersten Rand der Gesellschaft. Wenn auch nicht vollständig mit diesen Gruppen identisch, so entsprach der harte Kern der Armen doch jenen, die zu eigenständiger Existenzsicherung nicht fähig schienen und daher auf Fürsorgeleistungen der Gesellschaft angewiesen waren.[9] Diese Form der Armut gesellschaftlicher "Randschichten" eignet sich bis heute hervorragend für individualisierende Problemdeutungen. Jener Mehrheit der Beschäftigten, für die Lohnarbeit zur Basis einer halbwegs stabilen, längerfristigen, zukunftsorientierten Lebensführung geworden war, galten die randständigen Armen in der Vergangenheit bestenfalls als Hilfsbedürftige. Häufig dienten die "Schmuddelkinder" (Franz Josef Degenhardt) aber auch als Projektionsfläche für negative Klassifikationen und Schuldzuschreibungen. In jedem Fall befanden sich die Armen in einer eigenen Welt. Der Pauperismus - die Armut zur Zeit der Frühindustrialisierung - schien für die Mehrheiten in den Lohnarbeitsgesellschaften erledigt und allenfalls als Problem von Fürsorge- und Wohlfahrtseinrichtungen relevant.

Fußnoten

4.
Serge Paugam, Die elementaren Formen der Armut, Hamburg 2008, S. 282.
5.
Vgl. Burkhard Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Frankfurt/M. - New York 1984, S. 184ff.
6.
Vgl. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, 20066, S. 201ff., hier: S. 205.
7.
S. Paugam (Anm. 4), S. 164ff.
8.
Ralf Dahrendorf, Society and Democracy in Germany, New York 1967, S. 88.
9.
Vgl. Georg Simmel, Der Arme, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Gesamtausgabe Bd. 11, 1992, S. 512 - 555.