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30.7.2008 | Von:
Klaus Dörre

Armut, Abstieg, Unsicherheit: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts - Essay

Übergang zu "disqualifizierender Armut"

Dies hat sich gründlich geändert - und das nicht nur, weil die relative Armut schon zu Beginn des Jahrzehnts wieder das westdeutsche Niveau der 1960er Jahre erreicht hatte.[10] Auch die integrierten Schichten werden inzwischen von den Folgen der rasanten Veränderungen erfasst. Das gesamte Projekt der "organisierten Moderne", das in seinen unterschiedlichen Ausprägungen in Ost und West abhängige Erwerbsarbeit in ein gesellschaftliches Integrationsmedium verwandelt hatte, ist an seine Grenzen gestoßen. Mit dem Niedergang dieses Projekts zerfällt auch jenes Regime der "organisierten Zeit", das es dem Gros der Lohnabhängigen erlaubt hatte, "eine langfristige Arbeit im Dienste eines Unternehmens in Zusammenhang mit bestimmten Einkommenszuwächsen zu bringen".[11] Zerfall bedeutet freilich nicht abruptes Verschwinden. In Deutschland befindet sich die Mehrzahl der Beschäftigten formal noch immer in geschützter Beschäftigung. Diese Mehrheit definiert die gesellschaftlichen Standards für Einkommen und Beschäftigungssicherheit. Das geschieht jedoch in einem radikal veränderten gesellschaftlichen Umfeld. Unter dem Druck von wirtschaftlicher Internationalisierung und deutscher Vereinigung hat sich der für den sozialen Kapitalismus prägende "Zug zur Mitte" in eine neue Polarisierung von Arm und Reich verkehrt, so dass selbst konservative Zeitdiagnostiker von einer "neuen Klassengesellschaft" sprechen.[12] In diesem Kontext vollzieht sich der Übergang von "marginaler" zu "disqualifizierender Armut". Davon betroffen sind in größerem Ausmaß zuvor integrierte Bevölkerungsteile, die aus der "produktiven Sphäre" hinausgeschleudert werden und "hinsichtlich ihrer Einkommens-, Wohnungs- und Gesundheitssituation mit immer prekärer werdenden Situationen zu kämpfen" haben.[13]

Fußnoten

10.
Vgl. R. Geißler (Anm. 6), S. 226.
11.
Richard Sennett, Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 2007, S. 24.
12.
Paul Nolte, Riskante Moderne. Die deutschen und der Neue Kapitalismus, München 2006, S. 96.
13.
Vgl. S. Paugam (Anm. 4), S. 280.