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30.7.2008 | Von:
Klaus Dörre

Armut, Abstieg, Unsicherheit: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts - Essay

Drei Kristallisationspunkte von Prekarität

Angesichts dieser Entwicklung ist die soziale Frage weniger denn je ein exklusives Problem "sozialer Randschichten". Und sie ist auch nicht identisch mit der Zunahme der Anzahl von Armen, deren Abstand zu den gesicherten gesellschaftlichen Positionen ("Armutskluft") beständig wächst. "Prekäre Situationen" bündeln sich an mindestens drei Kristallisationspunkten: Am unteren Ende der sozialen Hierarchie befinden sich jene, die schon Karl Marx als "Überzählige" der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft bezeichnet hatte.[14] Zu ihnen gehört die Mehrzahl der ca. 7,4 Millionen (April 2007) Empfänger von Leistungen der Grundsicherung, unter ihnen 2,5 Millionen Arbeitslose und 1,3 Millionen abhängig Beschäftigte. Soweit arbeitsfähig, streben diese sozial und kulturell äußerst heterogenen Gruppen in ihrer großen Mehrheit nach Integration in eine reguläre Beschäftigung. Nur kleine Minderheiten, die keine realistische Chance auf Integration in reguläre Erwerbsarbeit haben, verwandeln den objektiven Mangel an Chancen in eine auch subjektiv gewollte Orientierung auf ein Leben jenseits von regulärer Arbeit. Zwar kann von einer Herausbildung ghettoartiger Subgesellschaften hierzulande noch keine Rede sein, aber es gibt durchaus Indizien für eine soziale Vererbung von Armut und Arbeitslosigkeit in - nicht nur ostdeutschen - Problemregionen.[15]

Von den "Überzähligen" im engeren Sinne lassen sich die eigentlichen "Prekarier" abgrenzen. Gemeint sind die zahlenmäßig und trotz konjunktureller Belebung expandierenden Gruppen, die über längere Zeiträume hinweg auf die Ausübung unsicherer, niedrig entlohnter und gesellschaftlich gering angesehener Arbeiten angewiesen sind. Die Zunahme nicht-standardisierter Beschäftigung auf weit mehr als ein Drittel aller Arbeitsverhältnisse ist dafür nur ein schwacher Indikator. Er verleitet zur Unterschätzung des Problems, weil er etwa die rasche Ausdehnung des Niedriglohnsektors nur unzureichend reflektiert. Inzwischen verdienen ca. 6,5 Millionen Menschen weniger als zwei Drittel des Medianlohns.[16] 2006 traf dies bereits auf jeden siebten Vollzeitbeschäftigten zu. Die höchsten Anteile weisen Frauen (30,5 %) und gering Qualifizierte (45,6 %) auf. Doch rund drei Viertel aller Niedriglohnbeschäftigten verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder gar einen akademischen Abschluss.[17] Dass die Aufwärtsmobilität im Niedriglohnsektor hierzulande trotz solcher Voraussetzungen rückläufig ist, spricht für eine Verstetigung prekärer Lagen.[18]

Ein weiterer, eher versteckter Kristallisationspunkt von Prekarität existiert innerhalb formal geschützter Beschäftigung. Gemeint ist die Angst vor Statusverlust, die relevante Teile der Arbeiter und Angestellten umtreibt. Solche Ängste entsprechen nicht unbedingt objektiven Bedrohungen; sie sind aber auch nicht bloßes Indiz übersteigerter Sicherheitsbedürfnisse. Standortkonkurrenzen, Tarifdumping, Reallohnverlust und interessenpolitischer Rückschritt, wie er in zahlreichen Betriebsvereinbarungen mit befristeten Beschäftigungsgarantien fixiert ist, nähren selbst im gewerkschaftlich organisierten Kern der Arbeitnehmer die Befürchtung, den Anschluss an die Mittelschichten zu verlieren. Zwar gibt es noch immer zahlreiche Indizien, die für eine erhebliche Stabilität der sozialen Mitte sprechen, aber Erosionsprozesse lassen sich kaum übersehen. So ist vom schwierigeren "Zugang zur gesellschaftlichen Mitte" und einer Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse "gerade am Rand der gesellschaftlichen Mitte" die Rede. Angesichts sinkender Einkommensvorsprünge und wachsender Arbeitsmarktrisiken seien Existenzängste selbst im abgegrenzten "Kern der gesellschaftlichen Mitte" wenig verwunderlich.[19]

Fußnoten

14.
Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Berlin 1973, S. 657ff.
15.
Vgl. den Beitrag von Peter Bescherer, Karen Schierhorn und Silke Röbenack in dieser Ausgabe.
16.
Vgl. Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf (Hrsg.), Arbeiten für wenig Geld. Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland. Frankfurt/M. - New York 2007.
17.
Vgl. Thorsten Kalina/Achim Vanselow/Claudia Weinkopf, Niedriglöhne in Deutschland, in: Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (SPW), (2008) 164, S. 20 - 24.
18.
Vgl. Gerhard Bosch/Thorsten Kalina, Thorsten, Niedriglöhne in Deutschland - Zahlen, Fakten, Ursachen, in: G. Bosch/C. Weinkopf (Anm. 16), S. 42ff.
19.
Vgl. Martin Werding/Marianne Müller, Globalisierung und gesellschaftliche Mitte. Beobachtungen aus ökonomischer Sicht, in: Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland. Ein Lagebericht, Frankfurt/M. 2007, S. 157.