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30.7.2008 | Von:
Klaus Dörre

Armut, Abstieg, Unsicherheit: Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts - Essay

Strategische Mitte verliert Subjekt

All dies zeigt, dass die Wiederkehr sozialer Unsicherheit[20] Erschütterungen auslöst, die weit über die sozialen Randschichten hinaus ausstrahlen. Der Kapitalismus ohne Reservearmee ist auch in Deutschland vorerst Geschichte; die damit verbundenen Folgen erreichen auch den geschützten Teil der Beschäftigten. Es sind vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter mit unregelmäßiger Beschäftigung und Lebensbedingungen deutlich unter dem "Durchschnitt der Klasse",[21] deren bloße Präsenz die Festangestellten diszipliniert. Einem Bumerangeffekt gleich sorgt die Konkurrenz der Prekarier dafür, dass die Stammbebelegschaften ihre Festanstellung als Privileg empfinden, das es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gilt. Auch die Mobilisierung von Ressentiments gegen Andere, weniger Leistungsfähige, Arbeitslose und Arme kann dafür ein Mittel sein.

Ob gewollt oder nicht, das Bild einer Unterschicht, die sich - durch familiale Verwahrlosung, Zielgruppenfernsehen, Bildungsdefizite und Billigkonsum homogenisiert - "zunehmend auch kulturell gegen Aufstiegschancen und Aufstiegswillen" abschotte,[22] leistet solchen Stigmatisierungen Vorschub. Es belebt die Urangst der Etablierten vor einem "Virus", mit dem die sozial Deklassierten die "leistungswillige Mehrheit" der Arbeitsgesellschaft zu infizieren drohen. Angesichts des Übergangs zu "disqualifizierender Armut" ist das eine atavistische Reaktion. Denn just in einer historischen Phase, in der die soziale Mitte zu erodieren beginnt, antworten Teile der Eliten und der Bevölkerung mit starkem kollektiven Widerstand gegen die offizielle Anerkennung von Armut und Prekarität. Die Umdeutung der sozialen Frage in ein bloßes Mentalitätenproblem passiver Leistungsempfänger bedient sich der - immer schon problematischen - Negativklassifikationen einer Gesellschaft, die so nicht mehr existiert. Sie verfehlt die spezifische Dynamik von Prekarisierungsprozessen, welche zunehmend auch zuvor saturierte Schichten in gesellschaftliche Nachbarschaft zu deklassierten Gruppen bringen.

Empfehlungen, die soziale Mitte müsse "als strategischer Akteur" auftreten und sich fortgesetzter Umverteilungspolitik zugunsten der Schwachen widersetzen,[23] könnten daher fatale Konsequenzen zeitigen. Denn die induzierte Solidaritätsverweigerung gegenüber den vermeintlichen "Schmuddelkindern" bedeutet in der Konsequenz häufig auch die Steigerung von Arbeitsmarkt- und Armutsrisiken für ehemals gesicherte Gruppen. Rekommodifizierende Arbeitsmarkt- und Sozialpolitiken, die vorgeben, die Interessen der sozialen Mitte durchzusetzen, erweisen sich schon jetzt als Katalysatoren einer sozialen Polarisierung, welche die akuten Repräsentationsprobleme des politischen Systems weiter verschärft. Insofern erreicht eine exkludierende "Politik der Mitte" eher das Gegenteil von dem, was damit eigentlich beabsichtigt wird, denn dem "strategischen Akteur" kommt zunehmend das Subjekt, die soziale Basis abhanden.

Gegen letztlich Demokratie gefährdende Potentiale der Prekarisierung hilft vor politischen Maßnahmen vor allem eines: eine offene, aufklärerische Debatte über das Ausmaß und die Facetten der reaktualisierten sozialen Frage. Dazu gehört die Einsicht, dass die Lebensqualität auch der Angehörigen der sozialen Mitte in einer zwar reichen, jedoch von struktureller Arbeitslosigkeit geprägten Gesellschaft wesentlich davon abhängt, ob es gelingt, den Schwächsten der Gesellschaft ein Leben oberhalb einer "Schwelle der Respektabilität" zu ermöglichen. Wer aus Furcht vor Imageschäden für Standort, Partei oder Regierung weiter auf Beschwichtigung setzt, zwingt die Betroffenen, nach neuen gesellschaftlichen Repräsentationen ihrer Probleme zu suchen. Der Übergang zu "disqualifizierender Armut" verlangt nach realitätstauglichen Deutungen. Ohne angemessenes Problemverständnis wird indessen jede noch so gut gemeinte Reformpolitik Stückwerk bleiben.

Fußnoten

20.
Vgl. Robert Castel/Klaus Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M. - New York 2008 (i.E.).
21.
Karl Marx (Anm. 14, S. 672) bezeichnete sie als "stagnanten" Teil der Reservearmee.
22.
P. Nolte (Anm. 12), S. 96ff.
23.
Ebd., S. 144.